Foto-Kombo zeigt Köpfe aus dem "Merkel-Kabinett"
Interview

Interview mit Kommunikationsexperte Schulz von Thun Keine schöne Diagnose für die politische Kultur

Stand: 01.09.2009 04:00 Uhr

Bisher ging es im Bundestagswahlkampf nicht so richtig zur Sache, und Kanzlerin Merkel will ihre Strategie auch nach den Landtagswahlen nicht ändern. Der Kommunikationspsychologe Friedemann Schulz von Thun erklärt im Interview mit tagesschau.de die Vorgehensweise der Wahlkämpfer. Für die Demokratie sei diese eher schädlich.

tagesschau.de: Herr Schulz von Thun, der Bundestagswahlkampf verlief bisher ruhig, eher schleppend. Es wurden bislang keine Duelle und nur ausnahmsweise Meinungsverschiedenheiten ausgetragen. Wie wichtig ist Streit in der Kommunikation, in diesem Fall der öffentlichen?

Friedemann Schulz von Thun: Gerade in Wahlkampfzeiten wäre Streit natürlich eigentlich wichtig, weil durch den Streit genau die Trennschärfe entsteht, die es dem Wähler ermöglicht zu unterscheiden. Er will ja keine Katze im Sack wählen, sondern er möchte, dass die Politiker Farbe bekennen.

Bundeskanzlerin Merkel spricht in der Congresshalle Saarbrücken

Bundeskanzlerin Merkel wird vorgeworfen, sie vermeide jede inhaltliche Auseinandersetzung. (Archiv)

tagesschau.de: Bundeskanzlerin Merkel wird vorgeworfen, sie vermeide jede inhaltliche Auseinandersetzung. Welche Strategie könnte dahinter stecken?

Schulz von Thun: Dahinter könnte ein gerüttelt Maß an Professionalität stecken. Der Politiker oder die Politikerin steht vor einem schwerwiegenden kommunikativen Dilemma, besonders in Wahlkampfzeiten. Einerseits ist das Gebot der Stunde die Transparenz: den reinen Wein einzuschenken, berechenbar zu werden, zur politischen Aufklärung und – wie eben erwähnt - politischen Trennschärfe beizutragen.

Andererseits muss der professionelle Politiker Mehrheiten mobilisieren oder sie bei der Stange halten. Ohne Macht kann er nichts machen. Deshalb ist Machtbewusstsein für professionelle Politiker durchaus eine Tugend. Unter dem Aspekt des Machtbewusstseins muss man wissen, dass ich mich in dem Augenblick, in dem ich Farbe bekenne, angreifbar mache und offene Flanken präsentiere. Gerade Frau Merkel ist in dieser Hinsicht ja ein gebranntes Kind und vermeidet offenbar deshalb konkrete Aussagen in diesem Wahlkampf.

Kommunikationspsychologe Friedemann Schulz von Thun
Zur Person

Friedemann Schulz von Thun ist Psychologe und Kommunikationswissenschaftler. Er ist der Autor des dreibändigen Werkes "Miteinander reden", mit dem er das von ihm entwickelte Kommunikationsquadrat populär machte. Als Professor der Psychologie an der Universität Hamburg erforscht er die Psychologie der zwischenmenschlichen Kommunikation. 2007 gründete er das "Schulz von Thun-Institut für Kommunikation".

tagesschau.de: Sie spielen damit auf den Wahlkampf 2005 an, als Merkels damaliger Herausforderer Gerhard Schröder in der Endphase des Wahlkampfs Merkel direkt angriff und damit erfolgreich war. 6000 Stimmen fehlten ihm zum Wahlsieg. Empfehlen Sie Merkels derzeitigem Kontrahenten Steinmeier diese Taktik?

Schulz von Thun: Das war wirklich eine sensationelle Aufholjagd vor vier Jahren. Aber Steinmeier hat es jetzt viel schwerer als damals Schröder. Denn Frau Merkel hat 2005 die Erhöhung der Mehrwertsteuer nicht nur nicht ausgeschlossen, sondern geradezu angekündigt und zudem das spektakuläre  Steuerkonzept von Professor Kirchhoff präsentiert. Damit hat sie sehr stark Farbe bekannt und ihrem politischen Gegner Schröder offene Flanken geliefert. Offenbar möchte sie diesen Fehler nicht noch einmal machen.

tagesschau.de: Das heißt, was wir jetzt erleben im Wahlkampf, ist die Lehre aus 2005?

Schulz von Thun: Ja, unter dem Aspekt der Wahlerfolgsstrategie hat sie gelernt. Ob das der politischen Kultur gut tut, dürfen wir allerdings kritisch bezweifeln.

"Die politische Kultur lebt von Transparenz"

tagesschau.de: Inwiefern?

Schulz von Thun: Weil die politische Kultur von Transparenz lebt, von Trennschärfe, davon, dass einem reiner Wein eingeschenkt wird. Gibt es keine klaren Aussagen, bleibt alles ein bisschen im vornehmen Nebel.

tagesschau.de: Nicht greifbar zu sein und immer auszuweichen, ist im täglichen Miteinander ja eigentlich unsympathisch. Eine klare Haltung zu vertreten, gilt als positive Eigenschaft.

Schulz von Thun: Ganz genau. Sonst wäre es kein Dilemma für die Politiker und Politikerinnen. Sonst könnten sie einfach das Farbe bekennen vermeiden und hätten die beste politische Strategie der Welt. Allerdings – das Gebot der Transparenz steht auf der anderen Seite. Es gibt einige politische Kommunikationsstrategien, um trotz dieses Dilemmas über die Runden zu kommen.

tagesschau.de: Welche sind das?

Schulz von Thun: Ich habe drei Strategien vor Augen. Die eine ist: Ich bekenne zwar Farbe, aber nur auf der Zielebene. Ich sage, was meine guten Ziele sind: Arbeitsplätze, Klimaschutz, Bildung, Sicherheit. Da stecken Verheißungen drin. Aber: Ich vermeide es, den dornigen Weg der Zielerreichung anzugeben. Denn sonst hieße es: „Was – Du willst Bildung durch Erhöhung der Mehrwertsteuer finanzieren? Was – du willst Arbeitsplätze schaffen durch Lockerung des Kündigungsschutzes?" Da wird die Sache nämlich strittig und man fängt an, es sich mit vielen Wählern zu verderben, die vorher noch beifällig genickt haben.

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tagesschau.de: Und Strategie Nummer zwei und drei?

Schulz von Thun: Die zweite Strategie ist, genüsslich den Schatten des Gegners auszuleuchten – das kann ja  eine wahre Wonne sein und es erspart einem, selber Farbe zu bekennen. Und die dritte Strategie, bestimmte Themen überhaupt möglichst gar nicht zum Thema zu machen. Also ein Befürworter der Kernkraftwerke sollte unter dem Aspekt der Machtgewinnung und des Machterhalts jedes Interview zum Thema Atommüllzwischenlagerung rigoros ablehnen. Unter dem Aspekt der politischen Kultur ist das fragwürdig, würde ich sagen, unter dem Aspekt der Machtgewinnung ist es Erfolg verheißend.

tagesschau.de: Es gab aber doch erfolgreiche Wahlkämpfer – wie den US-Präsidenten Obama, der ganz deutlich Farbe bekannt hat.

Schulz von Thun: Zunächst war er erfolgreich. Als er im Wahlkampf sagte, er möchte für 48 Millionen Amerikaner, die überhaupt keine Krankenversicherung haben, ein Minimum an Absicherung einführen, hatte er die Bataillone hinter sich und wurde zum Hoffnungsträger. Aber sobald er daran geht – so wie jetzt, den Weg der Zielerreichung deutlich zu machen, schlägt ihm zum Teil sogar fanatischer Hass entgegen.

"Die Opposition ist die Kraft, die die Farbe entlocken müsste"

tagesschau.de: Müssten die politischen Gegner in Deutschland nicht nachhaken und klare Antworten auf die zentralen politischen Probleme fordern?

Schulz von Thun: Unbedingt. Das ist im politischen Dialog natürlich die Gegenkraft, um dem anderen doch ein bisschen mehr Farbe zu entlocken, als er von sich aus zu bekennen geneigt ist. Sie fragen jetzt: Warum tut das der politische Herausforderer nicht? Das weiß ich auch nicht!

tagesschau.de: Es ist ja auch Aufgabe der Gesellschaft und ihrer Institutionen, dass über die wesentlichen Themen im Wahlkampf geredet wird. Wie könnten wir das hinkriegen?

Schulz von Thun: Die Presse und sogar die Tagesschau, wenn ich das sagen darf, stürzt sich ja auch lieber auf Themen, die dem menschelnden Verständnis nahe sind. So eine Dienstwagen-Affäre oder so ein Geburtstagsessen für Ackermann, da schlägt doch das Herz eines jeden Menschen hoch und da kann er mitreden und mitfühlen. Das ist eine Nachricht wert. Wer blickt denn hingegen beim Gesundheitssystem noch durch? Dann rege ich mich doch lieber über eine Dienstwagen-Affäre auf. Das ist für die demokratische Kultur leider keine schöne Diagnose, aber ich glaube, so läuft der Hase zurzeit.

Das Interview führte Nea Matzen, tagesschau.de