Umweltkatastrophe Ungarn

Nach Chemieunfall in Ungarn Bangen um die Flüsse Raab und Donau

Stand: 07.10.2010 12:24 Uhr

Der Fluss Marcal ist schon ökologisch tot, jetzt befürchten Umweltorganisationen, dass der Giftschlamm aus der Aluminiumfabrik von Ajka die größeren Flüsse Raab und Donau verseucht. An deren Zusammenfluss wurde bereits ein erhöhter Laugengehalt gemessen.

Von Andreas Meyer-Feist, ARD-Hörfunkstudio Wien

Ein Vertreter der ungarischen Wasserschutzbehörde bestätigte einen leicht erhöhten Laugengehalt am Zusammenfluss von Raab und der Kleinen Donau, die auch als Moson-Donau bekannt ist, bei der westungarischen Stadt Györ. Die Umweltschutzorganisation Greenpeace befürchtet, dass der Schlamm in die ökologisch sensiblen Auenlandschaften der Donau gelangen und das Ökosystem des gesamten Flusses gefährden könnte.

"Keine Wäsche mit Flusswasser waschen"

Karte Budapest Ungarn Donau
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Bei Györ fließen Marcal, Raab und Moson-Donau zusammen.

Der Schlamm war am Montagnachmittag aus dem Sammelbecken eines ungarischen Aluminiumwerkes ausgetreten. Der Fluss Marcal sei bereits ökologisch tot, teilte die Umweltschutzorganisation WWF mit. Imre Szakacs, der Leiter der ungarischen Landesschutzabteilung, erklärte allerdings, der Schlamm werde in den Flüssen so weit verdünnt, dass in der Donau keine Schäden mehr drohen: "Das Wasser stellt so lange keine Gefahr dar, solange die Bevölkerung nicht mit ihm in Kontakt kommt. Wir haben ein Angelverbot verhängt, die Menschen aufgefordert, keine Wäsche mit Flusswasser zu waschen, die Tiere nicht mit diesem zu tränken, keine Pflanzen damit zu gießen. Wenn die Menschen diese Vorsorgemaßnahmen akzeptieren, dann ist die Bevölkerung nicht in Gefahr."

EU-Kommissionssprecher Joe Hennon bot der ungarischen Regierung Hilfe bei der Bewältigung der Katastrophe an. Er sei nicht nur über die Situation in Ungarn besorgt, sondern auch über mögliche Folgen der Katastrophe jenseits der Grenzen.

Bewohner fühlen sich im Stich gelassen

Der Giftschlamm hatte sich mit Hochwasser vermischt, das die Region seit Tagen heimsucht. Rund 500 Helfer versuchen, den giftigen Schlamm mit Gips zu binden und dadurch unschädlich zu machen. Die evakuierten Bewohner der überfluteten Häuser fühlen sich von den Behörden im Stich gelassen, sie fühlen sich schlecht informiert und wollen wissen, wann sie wieder nach Hause dürfen.

"Ich werde mit meinen Kindern nicht zurückkehren"

Viele haben ihren gesamten Hausrat in der Giftflut verloren: "Wir haben alles für unsere Kinder gekauft, damit sie es gut haben. Alles ist weg - mit der roten Flut. Und mein Auto finden sie dort irgendwo in der Prärie. Die Giftwelle kam mit einer solchen Gewalt, dass sie selbst Autos kilometerweit davongetragen hat." Andere machen sich Sorgen ums Geld: "Viele Hausbesitzer haben noch Kredite laufen. Ich werde mein Haus der Bank zurückgeben, soll die doch damit machen, was sie will. Ich werde mit meinen Kindern nicht in das verseuchte Haus zurückziehen."

War das Giftschlammbecken überfüllt? Wurden Sicherheitsvorschriften nicht eingehalten? Warum konnte der Rückhaltedamm brechen, der erst zwei Wochen vorher von den Behörden untersucht und für sicher befunden wurde? Alles das untersucht die Staatsanwaltschaft.

Firma: Alle Standards wurden eingehalten

Das Unglücksunternehmen weist Vorwürfe der Fahrlässigkeit zurück. Alle EU-Standards seien eingehalten worden. Etwas anderes ist auch nicht aus Brüssel zu hören. Es gebe keine Hinweise, dass mit der Firma etwas nicht in Ordnung sei, bestätigte EU-Kommissionssprecher Hennon. Die Menschen, die mit dem Rotschlamm in Berührung kamen, wird das nicht trösten: mehr als hundert von ihnen erlitten dabei Verbrennungen ersten Grades und Augenverletzungen.

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