Schmidt, Zwanziger, Beckenbauer, Niersbach am 18.11.2005 im Frankfurter Waldstadion | dpa

Prozessauftakt in der Schweiz "Sommermärchen"-Affäre vor Gericht

Stand: 09.03.2020 12:00 Uhr

In der Schweiz hat der Prozess um die Fußball-WM-Affäre von 2006 begonnen - und wurde wegen Abwesenheit der Angeklagten direkt wieder vertagt. Ob das Verfahren Licht ins Dunkel bringt, ist ohnehin fraglich.

Von Dietrich Karl Mäurer, ARD-Studio Zürich, zzt. Bellinzona

"And the winner is… Deutschland." Als im Juli 2000 der damalige FIFA-Präsident Sepp Blatter den Austragungsort für die Fußball-WM 2006 verkündete, war der Jubel groß. Doch wurde die Weltmeisterschaft von den Deutschen erkauft? Diese Frage steht wieder einmal im Raum - jetzt beim Prozess vor dem Schweizer Bundesstrafgericht in Bellinzona.

Dietrich Karl Mäurer ARD-Studio Zürich

Die Verhandlung dreht sich um eine dubiose Zahlung in Höhe von 6,7 Millionen Euro. Franz Beckenbauer, damals Chef des Organisationskomitees der WM, hatte die Summe 2002 vom mittlerweile verstorbenen Adidas-Besitzer Robert Louis-Dreyfus als Kredit erhalten. Das Geld ging an ein Firmenkonglomerat in Katar. Dessen Boss, Mohamed bin Hammam, war damals FIFA-Vizepräsident und Chef der Finanzkommission des Weltfußballverbandes. Später sollen die Millionen über das Organisationskomitee und die FIFA wieder zurück an Louis-Dreyfuß geflossen sein.

Unklar bleibt, wofür das Geld bestimmt war. Für einen privaten TV-Rechte-Deal Beckenbauers? Als Betriebsausgabe für eine später abgesagte FIFA-Gala? Oder doch als Schmiergeld?

Die vier auf der Anklagebank

Angeklagt sind die ehemaligen DFB-Präsidenten Wolfgang Niersbach und Theo Zwanziger, der frühere DFB-Generalsekretär Horst R. Schmidt und ein Schweizer, der einstige FIFA-Generalsekretär Urs Linsi. Ihnen wirft die Schweizer Bundesanwaltschaft vor, über den eigentlichen Zweck des Geldes "arglistig irregeführt" zu haben. Es geht also um Mittäterschaft oder Beihilfe zum Betrug.

Ob der Prozess wirklich Licht ins Dunkel bringen wird, darf allerdings bezweifelt werden. Beckenbauer, dessen Verfahren aus gesundheitlichen Gründen abgetrennt wurde, ist zwar als Zeuge geladen, wird vermutlich aber nicht erscheinen. Louis-Dreyfus lebt nicht mehr. Und bin Hammam äußert sich nicht in der Angelegenheit.

Der Anti-Korruptions- und Strafrechts-Experte Mark Pieth aus Basel hält nicht viel von dem Prozess: "Ich bin nicht besonders begeistert. Ich denke, man sollte eigentlich merken, ob man etwas auf die Reihe kriegt." Für den Fall, dass man nichts herausfindet, gebe es ein klassisches Mittel: "Man stellt die Ermittlungen ein und erhebt nicht Anklage."

Mohamed bin Hammam | null

Mohamed bin Hammam, Ex-FIFA-Vizepräsident, äußert sich nicht zu den Vorwürfen.

Kurz vor Verjährung

Über der Verhandlung hängen dunkle Wolken. Bundesanwalt Michael Lauber gilt als belastet wegen seiner Nähe zu FIFA-Präsident Gianni Infantino. Und: Der Prozess steht unter dem Eindruck der Corona-Krise. Das Gericht in Bellinzona liegt nahe der Grenze zum von dem Virus besonders stark betroffenen Norditalien. Zuschauer sind daher nicht gestattet. Zwanziger, Niersbach und Schmidt kündigten bereits an, nicht zu erscheinen.

Den Angeklagten drohen theoretisch bis zu fünf Jahre Haft, doch Rechtswissenschaftler Pieth rechnet lediglich mit Bewährungsstrafen: "Das ist zwar unangenehm, aber das würde die älteren deutschen Herren kaum beißen." Eine Auslieferung müssten sie nicht fürchten, die Sache wäre aber natürlich mit einer gewissen Peinlichkeit verbunden.

Der Prozess steht zudem unter Zeitdruck. Bis zum 27. April muss ein Urteil fallen, sonst tritt nach 15 Jahren die Verjährung ein.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 09. März 2020 um 11:00 Uhr.