Fußball und Flaggen in Katar | dpa

Vor dem Turnier in Katar Laute Kritik statt WM-Vorfreude

Stand: 18.11.2022 17:05 Uhr

Ort, Zeitpunkt, Umstände - die WM in Katar sorgt weiter für Kritik. Fußballexperten und Politiker warnen queere Menschen vor einer Reise in den Wüstenstaat. Der Kanzler hält sich trotz der Kritik eine Option offen.

Ab Sonntag rollt in Katar der Ball, die erste Fußball-Weltmeisterschaft in einem arabischen Land beginnt. Vorfreude kommt in Deutschland kaum auf, stattdessen wird der Turnierstart achselzuckend oder mit lauter Kritik erwartet.

Auch die Politik tut sich mit der WM eher schwer: Kanzler Olaf Scholz will die deutschen Spiele verfolgen - wenn es sein Terminkalender zulässt. Eine Reise nach Katar bei einer deutschen Finalteilnahme schloss sein Sprecher aber nicht aus. Schon früher könnte Innenministerin Nancy Faeser in dem Wüstenstaat ankommen - sie hält sich eine Reise zum ersten Spiel der Nationalelf offen. "Die Planungen dazu laufen noch", sagte ein Sprecher des Bundesinnenministeriums.

Politiker von SPD, FDP und Linken riefen dazu auf, die WM für Kritik etwa an der Menschenrechtslage in Katar zu nutzen. CDU-Chef Friedrich Merz sprach sich gegen einen TV-Boykott des Turniers aus und mahnte die deutschen Fans, sich an die Gesetze des Emirats zu halten. "Letztendlich sind die Fans zu Gast in Katar, und da muss das Recht des Gastgeberlandes eingehalten werden", sagte er.

Der sportpolitische Sprecher der FDP-Fraktion, Philipp Hartewig, erklärte: "Katar steht zu Recht in der öffentlichen Kritik." Die Situation von Frauen, queeren Menschen und Arbeitsmigranten im Land sei "desaströs". 

"Queere Menschen in Katar nicht sicher"

Kritisch blickt der Queer-Beauftragte der Bundesregierung, Sven Lehmann, auf das Turnier. Er hält die Austragung in Katar für einen "riesengroßen Fehler". "Diese WM verkommt zur Farce", erklärte Lehmann. Homo-, bi- oder transsexuellen Menschen rät er davon ab, zur WM zu reisen. "Aus meiner Sicht sind queere Menschen in Katar nicht sicher."

Dieser Meinung ist auch Philipp Köster, Chefredakteur der Zeitschrift "11 Freunde". Als Mitglied der LGBTQ-Community würde er es sich gut überlegen, nach Katar zu reisen. "Das könnte im Gefängnis oder mit Ausweisung enden", sagte er im tagesschau24-Interview. Die One-Love-Kapitänsbinde des DFB beurteilt er als eher hilflos. Das habe wenig Aussagekraft und sei kein wirklich klares Zeichen an die Ausrichter.

Was machen die DFB-Spieler?

Für die Spieler ist die WM nicht nur sportlich eine Herausforderung, denn die Öffentlichkeit erwartet auch eine Positionierung zu den Problemen in Katar: DFB-Präsident Bernd Neuendorf schloss explizit nicht aus, dass die Mannschaft auch öffentlich mit Aktionen für Menschenrechte und Meinungsfreiheit in Erscheinung tritt - über die One-Love-Kapitänsbinde von Manuel Neuer hinaus. "Das wird in der Mannschaft besprochen, dass wir uns das vorbehalten, da sind wir durch die Positionen sehr deutlich geworden", sagte Neuendorf.

Fußballexperte Köster erwartet ein schweres Turnier: Wenn es die deutsche Mannschaft bis ins Viertelfinale schaffe, könne man "sehr zufrieden sein".

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 18. November 2022 um 14:00 Uhr.