Die One-Love-Kapitänsbinde | Shutterstock/imago

Fußball-WM in Katar Mehrere Verbände verzichten auf "One Love"-Binde

Stand: 21.11.2022 22:34 Uhr

Auf Druck der FIFA entscheiden sich große Fußballverbände Europas dagegen, die "One Love"-Kapitänsbinde zu tragen. FIFA-Präsident Gianni Infantino hat damit eine Schlacht im Machtkampf gegen Europa gewonnen.

Marcus Bark, Chaled Nahar

Noch am Sonntagabend (20.11.2022) hatte Bernd Neuendorf als Präsident des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) bekräftigt, dass Manuel Neuer im Auftaktspiel der Weltmeisterschaft gegen Japan die Kapitänsbinde mit der Aufschrift "One Love" tragen wird. Sie soll ein Zeichen für die Einhaltung von Menschenrechten und gegen jegliche Diskriminierung sein. Dafür sei er sogar bereit, eine Geldstrafe hinzunehmen.

Einen halben Tag später ist die Binde abgesagt. Die FIFA, die den Regeln zufolge bei der WM die Kapitänsbinden stellt, hat sich durchgesetzt. Neuendorf sprach in einer Mitteilung des DFB von einem "beispiellosen Vorgang in der WM-Geschichte". Und um ein weiteres Kapitel im Machtkampf zwischen der FIFA und den europäischen Verbänden.

Neuendorf: "Eine Machtdemonstration der FIFA"

Bei einem Medientermin im Teamcamp des DFB im Norden Katars sagte Neuendorf: "Es handelt sich aus meiner Sicht um eine Machtdemonstration der FIFA." Im Verhältnis der europäischen Verbände zur FIFA sei das "sicherlich ein neuer Tiefschlag". FIFA-Generalsekretärin Fatma Samoura habe in Bezug auf die "One Love"-Binde klargemacht, "dass wir nicht nur mit Sanktionen, sondern mit sportlichen Sanktionen rechnen müssen", sagte Neuendorf. Seit September war klar, dass die europäischen Verbände die Binde tragen wollen, die FIFA ließ sie bis kurz vor dem Anpfiff im Unklaren, ob sie das genehmigt. Und drohte dann mit sportlichen Sanktionen.

DFB-Präsident Bernd Neuendorf: "Ein beispielloser Vorgang in der WM-Geschichte." | Christian Charisius/dpa

DFB-Präsident Bernd Neuendorf: "Ein beispielloser Vorgang in der WM-Geschichte." Bild: Christian Charisius/dpa

Von den Spielregeln eigentlich nicht gedeckt, standen Gelbe Karten im Raum. Auch weitere Strafen durch die FIFA-Disziplinarkommission bis hin zu einem Punktabzug wurden befürchtet, konkrete Konsequenzen wurden nicht veröffentlicht. So teilten die Verbände aus Deutschland, England, Wales, den Niederlanden, der Schweiz, Belgien und Dänemark wenige Stunden vor dem Spiel Englands gegen den Iran schließlich mit, dass sie wegen der möglichen Sanktionen auf die Binde verzichten werden. Sie seien "frustriert und enttäuscht", schreiben die Verbände. Gegen den Willen und die Drohungen der FIFA zu agieren, trauten sie sich nicht.

Die FIFA nahm weniger emotional Stellung. Das Reglement der WM sei von allen Beteiligten abgesegnet worden und es gelte für alle, hieß es in einer Mitteilung. Und es diene dazu, die Integrität des Spielfelds für alle Teilnehmenden zu wahren. Die Maßgabe: Es soll nicht jeder machen können, was er will. Die FIFA gab sich öffentlich kompromissbereit und zog die für das Viertelfinale geplante Binde "No Discrimination" ("keine Diskriminierung") vor, Englands Harry Kane trug diese Binde gegen den Iran.

Englands Kapitän Harry Kane mit einer Binde mit der Aufschrift "No Discrimination" | Matthias Hangst/Getty Images

Englands Kapitän Harry Kane mit einer Binde mit der Aufschrift "No Discrimination" Bild: Matthias Hangst/Getty Images

FIFA-Kapitänsbinden WM 2022
Spielrunde Motto
1. Spieltag #FootballUnitesTheWorld
2. Spieltag #SaveThePlanet
3. Spieltag #ProtectChildren und #ShareTheMeal
Achtelfinale #EducationForAll und #FootballForSchools
Viertelfinale #NoDiscrimination
Halbfinale #BeActive und #BringTheMoves
Endspiel/3. Platz #FootballUnitesTheWorld
Generell möglich #NoDiscrimination

FIFA gegen UEFA: Seit Jahren sportpolitisch im Zwist

Doch am Ende ging es wohl kaum noch um die Binde als vielmehr um den Machtkampf. Europa, auch unter Anführung von UEFA-Präsident Aleksander Ceferin, stand meist gemeinsam mit Südamerika in den vergangenen Jahren bei fast allen Entscheidungen gegen Infantino und seine Gefolgschaft. Das betraf fast alle Pläne: die erweiterte Klub-WM, eine globale Nations League und vor allem der von Infantino nach vorne getriebene Zwei-Jahresrhythmus der WM-Turniere der Männer und Frauen. Die Konflikte drehten sich stets um Termine - und damit um Geld. Nur selten setzte sich Infantino gegen die Europäer durch.

UEFA-Präsident Aleksander Ceferin (l.) und FIFA-Präsident Gianni Infantino (r.) | imago images/PA Images

UEFA-Präsident Aleksander Ceferin (l.) und FIFA-Präsident Gianni Infantino (r.) Bild: imago images/PA Images

Selbst die Abstimmung zur Vergabe der Frauen-WM 2023 im FIFA-Rat geriet 2020 zum Politikum, als sich alle Europäer und Südamerikaner gegen die von Infantino bevorzugte Bewerbung von Neuseeland und Australien und für die (in Prüfberichten schlechter bewertete) von Kolumbien aussprachen. Bemerkenswert war dabei, dass selbst der damalige englische Vertreter Greg Clarke gegen die beiden Mitglieder des Commonwealth stimmte, um den Block zu halten. Dafür soll er im Vorfeld sogar Anrufe von Neuseelands Premierministerin abgelehnt haben - alles für den Machtkampf.

Infantino: Viel Unterstützung in aller Welt, eher wenig in Europa

Nun forderte die im Juni 2021 mit Blick auf die WM in Katar gegründete UEFA-Arbeitsgruppe für Menschenrechte und Arbeitsrecht die FIFA offen heraus: Mit einer Kapitänsbinde, die mit einem bunten Herz und der Aufschrift "One Love" zumindest zwischen den Zeilen den Gastgeber des FIFA-Turniers wegen Homophobie, dem Umgang mit Gastarbeitern oder fehlenden Rechten von Frauen kritisiert. Die FIFA wendete das ab, die Kontroversen bleiben.

Im März findet der FIFA-Kongress in Ruanda statt. Während Konföderationen wie Afrika, Asien und sogar Südamerika Infantino die Unterstützung zur Wahl für eine dritte und laut aktueller Statuten letzte Amtszeit als FIFA-Präsident von 2023 bis 2027 längst zugesichert haben, gibt es eine solche geschlossene Zuneigung aus Europa ganz und gar nicht. Der DFB verweigerte zuletzt offen die Gefolgschaft.