Tokio | AFP

Paralympics-Eröffnung Ohne Zuschauer, dafür mit Kaiser

Stand: 24.08.2021 08:57 Uhr

539 Wettbewerbe, 4400 Sportler - in Tokio werden heute die Paralympics eröffnet. Wegen der Corona-Pandemie wird die Zeremonie ohne Zuschauer stattfinden - dafür wird der japanische Kaiser anwesend sein.

Von Kathrin Erdmann, ARD-Studio Tokio

Die Paralympics haben noch nicht begonnen, aber Tokios Gouverneurin Yuriko Koike weiß schon jetzt gar nicht, wohin mit ihrem ganzen Lob und blumigen Worten. "Diese Paralympischen Spiele werden ein unsichtbares Erbe hinterlassen, wie es für eine reife Gesellschaft zu erwarten ist. Vielfalt und Harmonie sind die Vision dieser Spiele, wie zum Beispiel die Menschenrechte zu achten, damit es in der Gesellschaft eine soziale Inklusion geben kann." Sie habe sogar schon alle 22 Sportarten ausprobiert und Boccia gefalle ihr besonders. Als Gouverneurin von Tokio könnte Koike alle Wettbewerbe live erleben.

Kathrin Erdmann ARD-Studio Tokio

Naruhito bei Feier

Ansonsten sind Zuschauer wegen steigender Coronazahlen erneut ausgeschlossen, auch bei der Eröffnungsfeier. Beiwohnen wird der Zeremonie aber Japans Kaiser Naruhito. Der 61 Jahre alte Monarch ist offizieller Schutzherr der Paralympics und hatte zuvor schon die Olympischen Spiele im neuen Olympiastadion der Hauptstadt für eröffnet erklärt. Auch IOC-Präsident Thomas Bach soll bisher unbestätigten Medienberichten zufolge zur Feier kommen.

539 Wettbewerbe

In den kommenden zwei Wochen werden die etwa 4400 Athletinnen und Athleten ihre Leistungen vor überwiegend leeren Rängen präsentieren. Allerdings soll bis zu 170.000 Schülerinnen und Schülern der Besuch bei einzelnen Wettkämpfen im Rahmen eines Bildungsprogramms erlaubt werden.

Insgesamt sind 539 Wettbewerbe in 22 Sportarten geplant. Gastgeberland Japan geht mit einer Rekordzahl von 221 Teilnehmenden an den Start und peilt 20 Goldmedaillen an. Das deutsche Team besteht aus 133 Athletinnen und Athleten. Von ihnen gehört rund ein Drittel nach eigenen Angaben zur Corona-Risikogruppe. Deswegen und wegen der angespannten Coronalage dürfen sich Teams und Journalisten nur in einer Art Blase bewegen.

Mehr über Menschen mit Behinderungen nachdenken

Wohl auch deshalb findet eine Mehrheit der Japaner es laut Umfragen richtig, Zuschauer auszuschließen. So wie Ryu: "Während Olympia sind die Coronainfektionen gestiegen, jetzt ist es noch schlimmer. Aber deshalb die Paralympics abzusagen, fände ich ungerecht. Aber ich verfolge die Nachrichten rund um beide Themen aufmerksam." Er hofft, dass die Japaner durch die Spiele mehr über Menschen mit Behinderungen nachdenken und die Politik sich mehr engagiert - denn das tut sie aus seiner Sicht bisher zu wenig.

Sein Freund Genta sieht weiter Probleme bei der Teilhabe: "Bei der Barrierefreiheit gab es Fortschritte. Zum Beispiel durch Treppen mit Handläufen ist es für Menschen mit Behinderungen nicht mehr so schwierig, ein normales Leben zu führen. Am Arbeitsplatz und in der Schule gibt es jedoch noch keine Gleichberechtigung."

Nachholbedarf bei Infrastruktur

Licht und Schatten sieht auch Yasuta Wake, Professor für Soziologie an der Meiji-Gakuin-Universität. "Früher gab es in Japan nur Werbespots mit unversehrten Sportlern. Jetzt sind Menschen mit körperlichen Behinderungen, die an den Paralympics teilnehmen, auch im Fernsehen zu sehen. Das ist eine große Veränderung gegenüber den Olympischen Spielen vor 30 Jahren. Das zeigt, dass sich das Bewusstsein der Öffentlichkeit ändert." Nachholbedarf sieht er in der Infrastruktur. Insgesamt hofft der Professor, dass die Paralympics zu mehr Miteinander führen.

Solche Gedanken macht sich Yuka gar nicht erst. Sie freut sich einfach, dass es wieder losgeht. Die Japanerin hatte sich bereits von Olympia anstecken lassen. Eigentlich habe sie sich nur für Olympia interessiert, weil die Spiele in Tokio stattfanden - und deshalb auch viel Fernsehen geguckt. Und genau das will sie jetzt mit ihrer Familie auch bei den Paralympics tun.

Über dieses Thema berichtete B24 Aktuell am 24. August 2021 um 08:12 Uhr.