Sporthalle | IMAGO/Stephan Goerlich

Studie zu Gewalt im Sport "Wir haben auch im Vereinssport ein Problem"

Stand: 19.09.2022 10:01 Uhr

Der Forschungsbericht "SicherImSport" ist die bislang größte Studie zu Gewalterfahrungen im organisierten Sport in Deutschland. Gefördert vom Landessportbund NRW haben Forscherinnen und Forscher aus Köln, Wuppertal und Ulm diesen Bericht jetzt auf einer Fachtagung veröffentlicht.

Andrea Schültke
Sportschau

"Wir haben auch im Vereinssport ein bedeutsames Problem", machte Marc Allroggen bei seinem Vortrag deutlich. Der Kinder- und Jugendpsychiater von der Uniklinik Ulm ist einer der Projektleiter der Studie. Mehr als 4.000 Vereinsmitglieder haben sich an der Onlinebefragung beteiligt. Dabei haben 63 Prozent der Befragten angegeben, mindestens einmal im Sport psychische Gewalt erlebt zu haben.

Jüngere Mitglieder häufiger betroffen

Darunter versteht das Team etwa bedroht, beschämt oder ausgegrenzt zu werden. Erfahrungen mit Belästigungen ohne Körperkontakt, also sexuellen Grenzverletzungen, haben ein Viertel der Vereinsmitglieder gemacht. Ein Fünftel hat angegeben, sexualisierte Gewalt mit Körperkontakt erfahren zu haben, also ungewollte Berührungen bis hin zu sexuellen Übergriffen.

Die Breite des Sports ist betroffen, so Marc Allroggen: "Statistisch gesehen gibt es interpersonelle Gewalt in jedem Verein mit mindestens zwei Mitgliedern." Dass es sich bei bekannt gewordenen Gewalterfahrungen im Sport um sogenannte "alte Fälle" handelt, wie es in Diskussionen oft heiße, sei mit der Studie zweifelsfrei ausgeräumt, erläuterte Bettina Rulofs, die die Studie gemeinsam mit Allroggen leitete. "Es ist ein aktuelles Problem", so die Sportsoziologin von der Sporthochschule Köln.

Sie verweist darauf, dass Mitglieder unter 30 Jahren häufiger von Gewalterfahrungen im Verein betroffen waren als ältere Vereinsmitglieder. Bereits vor zehn Monaten hatte das Forschungsteam Zwischenergebnisse vorgestellt. Unter anderem dieses: Trotz aller Gewalterfahrungen, die die Betroffenen im Online-Fragebogen angegeben haben, bewerten fast alle ihre Erlebnisse im Vereinssport dennoch als gut bis sehr gut.

Ansprechpartner oft nicht zu finden

In dem jetzt veröffentlichten Abschlussbericht sind weitere Auswertungen der Daten eingeflossen. Etwa, dass die Betroffenen häufig mehrere Gewaltformen erfahren haben. Psychische Gewalt tritt demnach sehr häufig in Kombination mit körperlicher oder auch sexualisierter Gewalt auf.

Auch zum Stand der Präventionsmaßnahmen in den regionalen Verbänden, also in den Stadt- und Kreisverbänden und in den Landesverbänden der einzelnen Sportarten, gibt es neue Erkenntnisse: Selbst wenn es eine Ansprechperson für das Thema Gewalt im Sport gibt, ist diese für Betroffene zum Beispiel auf den Internetseiten der Organisation nicht zu finden und existiert für Suchende somit nicht.

Vereine brauchen professionelle Unterstützung

Auch bei der Frage was zu tun ist, wenn ein Fall bekannt wird "sehen wir deutliche Defizite", sagte Bettina Rulofs. "Hier gibt es noch zu wenig Aktivitäten in den Verbänden." Auf Ebene der Vereine brauche es eine systematische Risikoanalyse. Also Antworten auf die Frage: Wo könnte es in meinem Verein zu interpersoneller Gewalt kommen? Etwa in Bezug auf die Sprache und den Umgang miteinander oder spezielle räumliche Situationen beim Duschen oder Umziehen.

Solche Analysen, um darauf aufbauend Schutzkonzepte zu erstellen, das könnten vor allem ehrenamtlich geführte Vereine nicht allein schaffen, ist Birgit Palzkill überzeugt. Die Beauftragte zum Schutz vor sexualisierter Gewalt im Sport des Landessportbundes NRW sieht daher die Notwendigkeit professioneller Unterstützung. Im Idealfall müsse jeder Kreis- und Stadtsportbund eine Fachkraft haben, die die Vereine in Fragen des Kinderschutzes und der Prävention von physischer, psychischer und sexualisierter Gewalt im Sport berät.

Quelle: sportschau.de

Dieser Beitrag lief am 13. Juli 2019 um 19:05 Uhr.