Fans von Borussia Dortmund | Ralf Ibing /firo Sportphoto

Fußball | Zuschauerstudie Fans und Fußball: Nicht mehr der große Stellenwert

Stand: 14.10.2021 08:00 Uhr

Die Fans sind zurück in den Bundesligastadien, mancherorts bleiben aber viele Plätze leer. Eine Studie hat jetzt herausgefunden, dass der Stellenwert des Fußballs bei den Anhängern während der Corona-Pandemie gesunken ist.

Von Thorsten Poppe

Die Bundesligastadien können mit Hilfe der 3G- bzw. 2G-Regeln wieder bis auf den letzten, verfügbaren Platz mit Fans gefüllt werden. Doch einige Klubs verkaufen bei weitem nicht alle Karten, obwohl die Anzahl der Tickets bisher begrenzt gewesen ist.

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Beispiel Hoffenheim: Etwas mehr als 8.000 Zuschauer sind zu den vergangenen drei Heimspielen gekommen. Fast die doppelte Anzahl - 15.000 - hätten reingedurft. Ähnliches Beispiel Hertha BSC: 25.000 Zuschauer wären möglich gewesen, bei keinem der drei bisherigen Heimspiele der Berliner waren alle Plätze besetzt (18.241/21.372/18.376). Und beim VfL Wolfsburg sind selbst beim Top-Spiel gegen Rasenballsport Leipzig nicht alle knapp 13.000 verfügbaren Karten verkauft worden.

Der FC Bayern München rechnet dagegen nach der Länderspielpause mit "vollem Haus": 75.000 Zuschauer. Gegen Eintracht Frankfurt hat der Rekordmeister bereits "ausverkauft" gemeldet, 25.000 Fans waren zugelassen. Auch beim 1. FC Köln konnten anders als an anderen Bundesliga-Standorten jeweils die kompletten Kontingente abgesetzt werden. Die Fans können also wieder zurück in die Stadien, strömen aber nicht mehr überall wie vor der Pandemie dorthin. Warum?

Stellenwert des Fußballs gesunken

Eine aktuell veröffentliche Studie, die Borussia Dortmund zusammen mit der TU Dortmund und der FH Dortmund durchgeführt hat, liefert für diese Entwicklung erstmals mögliche Gründe. Dabei wurden 28.000 Anhänger des Klubs befragt, welche Rolle der Fußball in ihrem Leben spielt. Ein erstes Zwischenergebnis hat der BVB jetzt veröffentlicht.

Dabei sei der Schluss zulässig, dass der Stellenwert des Fußballs im Leben der Fans bedingt durch die Pandemie gesunken ist. Laut der Studie hatten vor der Pandemie über 80 Prozent der Befragten den Stellenwert des Fußballs in ihrem Leben mit "hoch" bewertet. Im Frühjahr 2021 gab das noch rund die Hälfte der Befragten an.

Kommerzialisierung wird wahrgenommen

Zustimmung findet das Zwischenergebnis bei Sportwissenschaftler Harald Lange von der Universität Würzburg. Er ist Gründer des Instituts für Fankultur e.V.. Durch die hohe Teilnehmerzahl sei die Studie nicht nur repräsentativ, sondern vermittele eindrücklich, dass die Diskussion um die Kommerzialisierung der Bundesliga während Corona von der breiten Öffentlichkeit wahrgenommen worden sei.

"Und man dabei auch festgestellt hat, dass man damit eben unzufrieden ist. Und darunter hat erst einmal die Nationalmannschaft gelitten, von der sich die Fans millionenfach abgewendet haben. Und jetzt ist das eben auch ein Stück weit in der Bundesliga bei den Klubs angekommen." Die mäßigen Ticketverkäufe würden das deutlich machen, obwohl Fans in Pandemie-Zeiten auf den Stadionbesuch hätten verzichten müssen, ergänzt Fanforscher Lange im Gespräch mit sportschau.de.

Kommerzialisierung wird kritisch bewertet

Auch in der Studie des BVB wird die Kommerzialisierung des Fußballs thematisiert. Diese bewerteten über 80 Prozent der befragten BVB-Fans "kritisch". Die Nachfrage von sportschau.de, welche konkreten Kritikpunkte hier seitens der Anhänger genannt worden sind, lässt der BVB unbeantwortet.

Positiv bewertet der Klub, dass laut der Studie 90 Prozent der Anhänger wieder mit einem Besuch in Deutschlands größtem Stadion planen. Allerdings zeigten sich eben auch knapp zehn Prozent noch völlig unentschlossen. Auf bvb.de betont Hans-Joachim Watzke, der Vorsitzende der Geschäftsführung von Borussia Dortmund, wie sehr es ihn freue, dass viele der BVB-Fans wieder ins Stadion zurückkommen wollen. "Auf der anderen Seite nehmen wir aber selbstverständlich auch die Kritikpunkte der Fans an bestimmten Entwicklungen im Fußball wahr und werden diese in unsere internen Überlegungen mit einbeziehen", so Watzke. Welche Überlegungen dies sind, ließ er offen.

Ultras vielerorts noch nicht zurück

Zudem bleiben bisher die meisten Ultras den Stadionkurven fern. Nur wenige Ultra-Gruppierungen sind bereits in die Stadien zurückgekehrt. Bei Mainz 05 zum Beispiel am vergangenen Spieltag gegen den 1. FC Union Berlin. Und auch bei Werder Bremen sind sie im Spiel gegen den 1. FC Heidenheim erstmals wieder da gewesen.

Die besonders frenetischen Anhängern gelten als Stimmungsmacher auf den Rängen. Das ist auch in Dortmund nicht anders, wo sich zum Beispiel "THE UNITY – Supporters Dortmund e.V." wegen unterschiedlicher Regelungen in den Stadien noch Mitte September deutlich gegen eine Rückkehr ausgesprochen hat.

Und auch die Frankfurter-Ultras haben sich aktuell gegen eine Rückkehr in die Kurve ausgesprochen: "Wir sind jedoch nach wie vor keine Stimmungsdienstleister, sondern haben klare Vorstellungen davon, unter welchen Bedingungen eine freie und lebendige Fankurve, wie wir sie alle kennen, existieren kann", heißt es in einer Stellungnahme.

Sportpolitische Missstände ansprechen

Für Fanforscher Harald Lange bedeutet all dies keine Normalisierung für den Profi-Fußball, im Gegenteil. Ein Großteil der Fans habe gemerkt, dass es neben Fußball auch anderes gebe. Und mit einer schrittweisen Rückkehr der Ultras würde auch wieder eine stärkere Opposition im Sinne von Meinungsbildung Einzug in die Stadien erhalten. "Die Stadionkurven sind ja für die Fanszenen auch die Bühne, um sportpolitische Missstände anzusprechen. Und das hat ja im letzten Jahr völlig gefehlt, so dass wir trotz der Schieflage des Fußballs wenig kritische Resonanz bekommen haben. Das wird sich in den kommenden Wochen mit einer verstärkten Rückkehr der Ultras ändern."

Quelle: sportschau.de