HSV-Trainer Tim Walter (Mitte) beim Training mit seinen Profis | Witters

Fußball | 2. Bundesliga Datenanalyse: HSV-Trainer Walter und sein Hochrisiko-Fußball

Stand: 24.09.2021 10:33 Uhr

Dass der Hamburger SV unter Trainer Tim Walter einen riskanten Offensivfußball spielt, ist offensichtlich. Aber wie sieht das HSV-System wirklich aus? Was macht der Fußball-Zweitligist richtig gut und wo ist noch Luft nach oben?

Von Matthias Heidrich

Um solchen Fragen genauer auf den Grund gehen zu können, hat der NDR in Zusammenarbeit mit GSN (Global Soccer Network) ein crossmediales Datenprojekt gestartet. Die Entschlüsselung von Walters HSV-Handschrift macht dabei den Auftakt.

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Dominant am Ball, intensiv im Pressing und mit viel Tiefgang: So tritt der Hamburger SV, der am Sonntag den 1. FC Nürnberg empfängt (13.30 Uhr), aktuell auf. Die GSN-Daten fördern für den einstigen Bundesliga-Dino, der so gerne zurück in die Belle Etage des deutschen Fußballs möchte, viele Zweitliga-Spitzenwerte zu Tage.

Dominanter HSV - Im Ballbesitz Ligaspitze

Mit 65,1 Prozent Ballbesitz (der Ligaschnitt liegt bei 50 Prozent) sind die "Rothosen" ebenso Spitze wie beim Passspiel. 610 Pässe spielt der HSV durchschnittlich pro Partie - weit über dem Ligaschnitt von 453. Knapp 87 Prozent der Bälle kommen bei den Hanseaten auch an, ligaweit sind es nur 81,5 Prozent. Dabei gilt das HSV-Credo: In der Kürze liegt die Würze. Mit lediglich 36,81 Pässen pro Partie über mehr als 20 Meter hat die Walter-Elf den niedrigsten Anteil an langen Bällen.

Tim Walter, Trainer des HSV | imago / Joachim Sielski / NDR

Tim Walter, Trainer des HSV Bild: imago / Joachim Sielski / NDR

Ein spanisches Tiki-Taka ist es noch nicht, aber die Norddeutschen dominieren quasi gerne auf kurzem Dienstweg und das dann ausgiebig. Effektiv ist der HSV 33:51 Minuten pro Spiel in Ballbesitz (ebenfalls Zweitligaspitze) und damit acht Minuten länger als alle anderen Konkurrenten.

Allein das Spielgerät in den eigenen Reihen zu halten, bringt aber noch keinen Erfolg. Dafür braucht es den Vorwärtsgang und den hat der Traditionsclub von der Elbe eigentlich ständig eingelegt. So häufig wie der HSV hat kein anderes Team den Ball in der gegnerischen Hälfte und im letzten Drittel. 71,92 Pässe pro Partie werden bei den Hamburgern nach vorne gespielt (Platz sechs im Zweitliga-Ranking), 79,8 Prozent davon kommen an (Rang zwei).

HSV stark im Pressing

Beim Thema Ballbesitz ist "haben" besser als "brauchen": Deswegen setzt der HSV mit intensivem Pressing alles daran, dem Gegner das Spielgerät so schnell und so früh wie möglich abzuluchsen. Durchschnittlich gestatten die Walter-Jäger dem gegnerischen Team nur 4,3 Pässe, bevor sie das Aufbauspiel des Kontrahenten mit einer Defensivaktion stoppen. In dieser Kategorie ist nur der 1. FC Heidenheim mit 4,1 Pässen besser. Der Ligaschnitt liegt bei 5,1.

Was ist Global Soccer Network (GSN)?

2013 gegründet ist GSN eine der führenden Datenscouting-Agenturen weltweit mit ca. 100 Klienten auf allen fünf Kontinenten, darunter RB Leipzig, Inter Mailand, Chelsea London, Manchester City, Paris Saint Germain oder Atletico Madrid. Gründer und Geschäftsfüher ist Dustin Böttger, der früher als Talenscout unter anderem für TSG Hoffenheim und den SV Sandhausen gearbeitet hat.

Was macht GSN?

Hauptbestandteil der Arbeit von GSN ist das Analysieren und Einschätzen von ca. 500.000 Fußballspielern weltweit sowie aller relevanten Clubs und Wettbewerbe basierend auf Einschätzungen von Scouts, Big Data, Algorithmen und künstlicher Intelligenz.

Woher steckt genau hinter den GSN-Daten?

Die GSN-Datenbank greift in seinen Analysen mittlerweile auf ungefähr 35 Milliarden einzelne Datenpunkte zurück. Grob zusammengefasst gibt es dabei vier Bereiche:

  • "Persönliche Basisdaten": Daten wie Größe, Gewicht oder Alter der Spieler werden erfasst.
  • "Scoutingdaten": Ein weltweites Scoutingnetzwerk liefert Einschätzungen zu ca.130 fussballspezifischen Eigenschaften (technisch, taktisch, physisch, mental) von Spielern.
  • "Performance-Daten": Jede Aktion jedes Spielers während eines Spiels wird erfasst - u.a. Pässe, Torschüsse, Sprints oder auch Fouls.
  • "Advanced analytics": Damit sind Datenmodelle gemeint, die auch mit Hilfe von künstlicher Intelligenz berechnet werden. Diese Modelle sollen den "Performance-Daten" Kontext verleihen. Ein Beispiel ist der sogenannte "Action score", bei dem berechnet wird, wie positiv oder negativ jede Aktion eines einzelnen Spielers für das jeweilige Team ist.

Aber nicht alle HSV-Zahlen der Datenanalyse glänzen. Es gibt Verbesserungspotenziale und Gründe, warum der Club in der Zweitliga-Tabelle "nur" auf Rang sechs rangiert.

Die Schwäche in der Luft gehört dazu. Dass die Hamburger mit 38,78 Kopfballduellen pro Spiel (Ligaschnitt 44,91) nur Rang 14 im Zweitligavergleich einnehmen, ist mit dem Spielsystem zu erklären und an sich auch noch kein Problem. Dass Moritz Heyer und Co. davon aber nur 40,5 Prozent gewinnen, ist schwach und der zweitschlechteste Wert der Zweiten Liga.

"Der neue Stil gefällt mir. Der HSV kann in jedem Spiel drei, vier und mehr Tore erzielen. Aber genauso viele auch kassieren. Hinten ist man meiner Meinung nach noch zu anfällig. Ein Gegentor liegt stets in der Luft."
— Ex-HSV-Kapitän Aaron Hunt in der "Bild"

Acht Gegentore hat der HSV in sieben Saisonspielen kassiert, was auch daran liegt, dass das Walter-Team mit seinem riskanten Kurzpassspiel in der eigenen Hälfte im Schnitt 16,57 Bälle pro Spiel verliert - der dritthöchste Wert der Liga. 5,71 individuelle Fehler in jeder Partie, die zu einem gegnerischen Torabschluss führen sind ebenfalls viel (fünfthöchster Wert der Liga).

Ist Trainer Walter flexibel genug?

Auf eine ganze Saison gesehen, könnte die mangelnde Kontrolle und Konzentration im Spielaufbau womöglich den Unterschied zwischen Aufstieg oder Verbleib in Liga zwei ausmachen. Ohnehin wird es spannend zu beobachten sein, wie Walters Team auf Strecke mit dem aufwendigen Spielsystem umgeht und ob Walter bei körperlichen oder mentalen Durststrecken flexibel genug ist, um seine Handschrift zumindest in Nuancen anzupassen.

Individuelle Aussetzer werden sich nicht vollkommen abstellen lassen, sie gehören nun mal zum "Fehlerspiel Fußball" dazu. Der auf Risiko gepolte HSV wird ein Stück weit damit leben müssen.

Der Schlüssel zur Kompensation liegt zudem auf der anderen Seite des Spielfeldes. 8,71 Chancen erspielt sich der HSV im Schnitt pro Spiel - die meisten aller Zweitligisten (Ligaschnitt 6,00). Auch die Qualität der HSV-Chancen ist top.

Das "Expected goals"-Modell

"Expected goals" sind "zu erwartende Tore" und werden anhand eines Datenmodells berechnet, in das eine Vielzahl von Faktoren einfließt - unter anderem von wo auf dem Platz der Abschluss erfolgte, wie der Winkel zum Tor war und wie viele Gegenspieler noch zwischen Ball und Tor standen. Jede Torchance erhält dabei einen Wert zwischen 0 und 1, um die Wahrscheinlichkeit zu bestimmen, mit der der Ball von diesem Punkt aus im Tor landet. "Expectes goals"-Werte sind so aussagekräftiger als die normale Torschuss-Statistik, die alle Abschlüsse gleich behandelt.

Basierend auf dem Datenmodell der "Expected goals" liegt die Wahrscheinlichkeit, dass ein Torschuss des HSV reingeht, bei 15,85 Prozent. Allerdings hat die Walter-Elf aus 96 Versuchen bislang nur zwölf Treffer markiert, also eine Rate von 12,50 Prozent erzielt. Eine Differenz von 3,35 Prozent pro Torschuss ist sehr hoch und gibt Walter den klaren Auftrag, mit seinem Team an der Effizienz vor dem gegnerischen Tor zu arbeiten.

Dieses Thema im Programm:
Sportclub | 26.09.2021 | 22:35 Uhr

Quelle: sportschau.de