Der iranischen Kanut Saeid Fazloula  | EOM

Gewissheit nach fünf Jahren – und noch einmal fünf Monaten Flüchtling Saeid Fazloula nun offizell IOC-Stipendiat

Stand: 25.02.2021 09:00 Uhr

Für den iranischen Kanuten Saeid Fazloula geht nach mehr als fünf Jahren ein Kampf mit den Institutionen des Sports zu Ende, der ihn mehr Kraft gekostet hat, als jedes Rennen. Jetzt darf er durchstarten – im Idealfall bis nach Tokio.

Von Peter Wozny

Ende September 2020 hatte sich eigentlich schon alles zum Guten gewendet für Saeid Fazloula.

Sportschau

Nachdem die ARD-Sportschau über seinen jahrelangen Kampf um die Aufnahme ins olympische Flüchtlingsprogramm berichtet hatte, lenkten die Verbände ein und versprachen dem 28-Jährigen ihre Unterstützung. Dass er noch fünf weitere Monate bis zur offiziellen Bestätigung warten müsse, hatte Fazloula damals nicht geahnt.

Jetzt hält er Briefe vom Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) und vom Internationalen Olympischen Komitee (IOC) in den Händen und kämpft mit den Tränen: "Ich habe jeden Tag auf ein offizielles Schreiben gewartet und ins Internetportal des IOC geschaut, ob ich auf der Liste der Stipendiaten auftauche."

Erst das Versprechen, dann die Zweifel

Saeid Fazloula kamen zuletzt wieder große Zweifel. War er nur Spielball von Funktionären? Ist bei den Anträgen vielleicht doch etwas schief gegangen? Wer seine Geschichte kennt, versteht diese Skepsis:

Der Kajakfahrer gehörte zu den besten Kanuten des Iran. 2015 geriet er ins Blickfeld der Religionshüter, wurde verhaftet, verhört und bedroht. Der Vorwurf: Er wolle zum Christentum konvertieren. Der Beweis: Ein Foto, das Fazloula während einer Stadtbesichtigung am Rande der Kanu-WM in Mailand zeigt. Im Hintergrund ist der Mailänder Dom zu sehen.

Fazloula flüchtete aus dem Iran - über die Balkanroute nach Deutschland und schließlich nach Karlsruhe, wo er am Bundesstützpunkt trainieren durfte. Sein großer Traum: Ein Start bei den Olympischen Spielen in Tokio. Dafür kommt in seinem Fall nur das 2016 ins Leben gerufene Flüchtlingsteam des IOC infrage. Für die Aufnahme brauchte der Top-Athlet die Empfehlung des Welt-Kanuverbandes ICF. Doch diese empfahl ihn nicht.

Funktionär stellt Flucht infrage

Fazloula erfüllte zwar formal alle Kriterien, war anerkannter Flüchtling. Auch die Leistungen stimmten. Doch innerhalb der ICF gab es Kräfte, die seine Aufnahme ins Flüchtlingsprogramm blockierten. Gegenüber der ARD stellte ein ICF-Funktionär sogar Fazloulas Flucht infrage.

Offiziell berief sich der Verband auf sein Regelwerk, das keinen Paragrafen zum Umgang mit geflüchteten Sportlern besaß und sogar die Zustimmung des Iran zur Bedingung machte, Fazloula für die Aufnahme ins Flüchtlingsprogramm zu empfehlen.

Als Folge der ARD-Berichterstattung vom September 2020 drehte sich der Wind zugunsten von Fazloula. Die ICF lenkte ein und versprach, ihm keine Steine mehr in den Weg zu legen. Doch erst am Jahresende reichte der Verband seine Empfehlung an IOC und DOSB weiter. Man habe erst das Regelwerk ändern und einen Flüchtlingsparagrafen schaffen müssen, erklärte damals der deutsche ICF-Vizepräsident Thomas Konietzko auf ARD-Anfrage.

"Mein Kopf ist endlich frei."

Als letzte Instanz hat nun auch das IOC grünes Licht gegeben und Fazloula ins Flüchtlingsprogramm aufgenommen. Der Iraner bekommt finanzielle und logistische Unterstützung, um sich auf die Olympischen Spiele in Tokio vorzubereiten. Ob er dort tatsächlich starten darf, entscheidet sich erst kurz vor den Spielen, wenn das IOC aus den rund 50 Stipendiaten das Flüchtlingsteam zusammenstellt. In Rio 2016 waren elf geflüchtete Sportler in diesem Team am Start.

Für Fazloula ist das aber im Moment zweitrangig. Er bekommt nach fünf Jahren eines zermürbenden Kampfes endlich Anerkennung. Die Post vom IOC gibt ihm auch sportlich Auftrieb: "Ich fühle mich so fit wie lange nicht mehr. Mein Kopf ist endlich frei. Ich werde jetzt immer stärker", erklärt er im Videocall mit der ARD. "Mein Trainer sagt, so kenne er mich gar nicht." Sein Trainer ist Ralf Straub, der gleichzeitig auch U23-Nationalcoach der deutschen Frauen ist.

Wie es nun weitergeht und ob er noch an Qualifikationsrennen teilnehmen muss, weiß Fazloula noch nicht. Doch er ist bereit alles auf sich zu nehmen, um sich sportlich für die Spiele zu empfehlen.

Quelle: sportschau.de