Fans im Stadion beim niederländischen Duell NEC gegen De Graafschap | picture alliance / BEAUTIFUL SPORTS/Orangepictures

Corona-Pandemie Kreativ gegen Corona: Wie Forscher die Fans zurück ins Stadion bringen wollen

Stand: 24.02.2021 13:44 Uhr

Zu Beginn der Woche hat ein Bündnis aus Kultur, Sport und Wissenschaft ein Konzept zur Rückkehr der Fans in die Stadien vorgestellt. Doch auch außerhalb Deutschlands gibt es Ideen. Es geht um Untersuchungen mit Fans, künstliche Intelligenz oder riesige Aerosol-Experimente in Stadien.

Von Johannes Kolb

Am Sonntag (21.02.2021) hat NEC Nijmegen zuhause mit 1:2 gegen De Graafschap verloren. Noch vor einem Jahr hätten sich außerhalb der Niederlande wohl nur wenige für die Begegnung der beiden Zweitligisten interessiert. Jetzt berichten sogar internationale Medien, denn es waren 1200 Fans im Stadion – teils ohne Abstand oder Maske: „Die Stimmung war großartig, es wurde viel Bier getrunken und der Fußball war so schlecht wie immer. Der größte Unterschied ist, dass wir uns jetzt nicht darüber ärgern“, sagte ein Nimweger Fan gegenüber Omroep Gelderland.

Sportschau

Niederlande Vorreiter bei der Forschung

Das Spiel ist Teil der Fieldlab Events, einer Reihe von wissenschaftlichen Experimenten in den Niederlanden. In Zusammenarbeit mit der niederländischen Regierung untersuchen Wissenschaftler:innen, wie (Sport-) Veranstaltungen trotz Covid-19 wieder stattfinden können. Nach einem Corona-Test durften die Fans streng in Untersuchungsgruppen eingeteilt ihre Mannschaft anfeuern: Die einen mit Masken, andere mit 1,5 Meter Abstand, manche ganz ohne Corona-Schutzmaßnahmen. Die Fans mussten sich ebenso verpflichten, sich fünf Tage später wieder testen zu lassen. Ein ähnliches Experiment wurde schon im Utrechter Beatrix-Theater durchgeführt, im März ist sogar ein Mini-Festival mit 3000 Besucher:innen geplant.

Regelmäßige Corona-Tests als Basis

Zentraler Bestandteil der FieldLab-Experimente sind regelmäßige Corona-Tests vor und nach Veranstaltungen. Auch in Deutschland setzt ein Drei-Stufen-Plan eines Bündnisses aus Sport, Kultur & Wissenschaft auf verpflichtende Test, um Stadien oder Hallen wieder voll auslasten zu können. Was unter aufwändig kontrollierten wissenschaftlichen Bedingungen machbar ist, wird in der Realität aber möglicherweise zur Herkules-Aufgabe: Wie sollen vor Einlass zehntausende Fans verlässlich auf Corona getestet werden? Welche Rolle spielen An- und Abreise beim Infektionsgeschehen? Diese Fragen werden auch die FieldLab-Experimente nicht beantworten können.

Dennoch sind sie in ihrer Größe und wissenschaftlichen Qualität weltweit einzigartig und werden wichtige Daten zu Ansteckungsrisiken bei Großveranstaltungen liefern. Und sollten die Untersuchungen aus den Niederlanden zeigen, dass Veranstaltungen so gestaltet werden können, dass sie keine Infektionstreiber sind, wäre das Musik in den Ohren der arg gebeutelten Veranstaltungsbranche - und auch von Sportvereinen und -verbänden in Deutschland, die häufig sehr stark auf Einnahmen aus Ticketverkäufen angewiesen sind. Mit ersten Ergebnissen rechnet FieldLab in etwa sechs Wochen.

Besucher im Stadion in England schon im Mai?

Großbritannien könnte dann schon einen Schritt weiter sein. Stand heute (24.02.2021) haben in Großbritannien circa 27 % der Bevölkerung eine Impfdosis erhalten, in Deutschland sind es gerade einmal knapp 6 % (Quelle: Our World in Data).

Mit diesem Erfolg im Rücken hat Premierminister Boris Johnson am Dienstag einen vierstufigen Plan veröffentlicht, demzufolge England bis zum 21. Juni komplett zur Normalität zurückkehren soll - sofern gewisse Voraussetzungen, wie beispielsweise eine kontrollierbare Zahl an Neuinfektionen, erfüllt sind. In dem Plan wird auch die Rückkehr von Fans in Stadien angekündigt, ab dem 17. Mai sollen bis zu 10.000 Besucher zugelassen sein. Die Voraussetzung dafür: Die Stadien müssen im Freien sein und eine Kapazität von mindestens 40.000 Plätzen haben, die großen Premier-League Stadien erfüllen die Bedingungen problemlos. Vielleicht gibt es also beim Premier-League-Finale im Mai und auch bei der UEFA Euro 2021 im Sommer in London Zuschauer bei den Spielen.

Hilft die Technik bei der Zuschauer-Rückkehr ins Stadion?

Es ist bisher nicht absehbar, dass Deutschland schnell einen ähnlichen Impffortschritt erreicht wie Großbritannien. Vielleicht helfen daher technische Lösungen, um das Infektionsrisiko gering zu halten? Der BVB hat am letzten Spieltag der abgelaufenen Saison ein Experiment mit Wärmebildkameras und künstlicher Intelligenz durchgeführt, bei dem beispielsweise infektiöse Menschen und Verstöße gegen die Abstandsregel erkannt werden sollten. Diese Technik stellte sich jedoch als nicht praktikabel heraus.

Erfolgsversprechender könnten möglicherweise Lüftungsanlagen sein. Zwar ist die Gefahr einer Ansteckung unter freiem Himmel deutlich geringer als in geschlossenen Räumen, unter bestimmten Bedingungen besteht aber doch ein Risiko: "Es gibt nur eine Situation, wo man sich außen wirklich anstecken kann: Wenn man mit einem anderen relativ eng zusammen steht und eine längere Zeit miteinander redet", sagt Physiker und Aerosol-Forscher Gerhard Scheuch in der ARD-Sendung "livenachneun". Was Gerhard Scheuch mit "längerer Zeit" meint: Mehr als eine Viertelstunde.

Aerosole können auch im Freien ein Problem werden

Wie genau sich Aerosole in einem vollen Stadion verbreiten, wurde im Dezember in einem großen Experiment untersucht - wieder in den Niederlanden. Bert Blocken, Professor für Aerodynamik an der TU Eindhoven, hatte dafür mit seinem Team das Johan-Cruijff-Stadion in Amsterdam in ein riesiges Labor verwandelt. 150 Aerosolgeneratoren haben singende Fans simuliert, während 200 im ganzen Stadion verteilte Sensoren genau gemessen haben, wie lange die winzigen Partikel in der Luft zwischen den Zuschauerrängen schweben bleiben - und dabei potenziell eingeatmet werden können.

In der Studie wird auch untersucht, ob groß dimensionierte Luftreiniger herumschwebende Aerosole effektiv aus der Stadionluft entfernen können. Ergebnisse sind bislang nicht veröffentlicht, in geschlossenen Räumen werden Lüftungsanlagen aber schon lange empfohlen, um das Ansteckungsrisiko zu minimieren. Erste Ergebnisse waren für Anfang Januar angekündigt, doch die Auswertung der Daten hat sich verzögert. Die TU Eindhoven rechnet mit einer Veröffentlichung in dieser oder der nächsten Woche.

Große Luftfilter, verpflichtende Corona-Tests vor Einlass, kontrollierte Besucherströme, die guten alten Masken: Vermutlich wird keine dieser Maßnahmen alleine ausreichen, um schnell wieder volle Stadien möglich zu machen. Große Forschungsprojekte in den Niederlanden arbeiten aber daran, wertvolle Daten zur Wirksamkeit von einzelnen oder kombinierten Maßnahmen zu sammeln. Auch in Deutschland sollten die zu erwartenden Erkenntnisse genau beobachtet werden. Damit Sportfans endlich wieder ihre Teams anfeuern können.

Quelle: sportschau.de