Lennard Kämna

In drei Jahren zum Kapitän Tour de France: Lennard Kämna sucht die nächste Chance

Stand: 15.09.2020 09:17 Uhr

Lennard Kämna war bei der Tour de France schon einmal nahe dran am Etappensieg. In den Alpen will er es in den kommenden Tagen noch einmal als Ausreißer versuchen. Langfristig aber will sein Team Bora-hansgrohe ihn zum Kapitän ausbilden.

Von Michael Ostermann (Villard-de-Lans)

Lennard Kämna ist ein junger Mann - kein Wunderkind, von denen es im Radsport gerade so viele zu geben scheint. Er ist vor ein paar Tagen 24 Jahre alt geworden und damit ziemlich genau zwei Jahre älter als der Slowene Tadej Pogacar, der gerade so außergewöhnlich stark durch Frankreich radelt und einen Tag nach dem Ende der Tour in Paris am kommenden Sonntag seinen 22. Geburtstag feiern wird. Und das womöglich sogar als Gesamtsieger.

Ziemlich viel Talent für Radsport

Ob Kämna jemals in die Nähe des Gelben Trikots kommen oder die Tour de France vielleicht sogar einmal gewinnen wird, lässt sich nicht seriös voraussagen. "Man kann nicht sagen, ich werde auf jeden Fall gut genug sein, um irgendwann mal die Tour zu gewinnen. Es wäre schwachsinng, das zu behaupten. Das kann einfach nicht jeder", sagt er selbst. "Jemand der die Tour gewinnt, ist einfach besser als die anderen." So wie Pogacar oder Primoz Roglic, der aktuelle Träger des Gelben Trikots.

Was man über Kämna jedoch sicher sagen kann ist, dass er ziemlich viel Talent für den Radsport mitbringt. Und der Plan ist schon, ihn zu einem Fahrer zu entwickeln, der bei den großen Drei-Wochen-Rundfahrten weit vorne landen kann. "Er ist jemand, der sich sehr gut regeneriert und darum auch in der dritten Woche noch sehr stark fahren kann. Das ist etwas, was nur bedingt trainierbar ist", sagt sein Coach Dan Lorang.

Lorang trainiert Kämna, der seit Beginn der Saison für das deutsche World-Tour-Team Bora-hansgrohe fährt, nun seit etwa neun Monaten. Der Luxemburger hat schon Emanuel Buchmann in die Nähe des Tourpodiums in Paris gebracht. Buchmann wurde im vergangenen Jahr Vierter und hätte in diesem Jahr eigentlich mindestens einen Schritt nach oben machen sollen. Kämna war dafür als wichtiger Helfer in den Bergen vorgesehen.

Unverhoffte Freiräume für Kämna

Buchmanns Sturz bei der Dauphiné-Rundfahrt im Vorfeld der Tour hat das verhindert. Der Bora-Kapitän fährt - in den vergangenen Tagen zusätzlich geschwächt durch eine Erkältung - hinterher. Für Kämna haben sich dadurch unverhoffte Freiräume eröffnet, die er in der zweiten Tourwoche nutzen konnte, nachdem er die Folgen von drei Stürzen auf den ersten beiden Etappen der Tour überwunden hatte.

Auf der 13. Etappe im Zentralmassiv fehlten ihm auf dem Puy Mary nur ein paar Meter zum Etappensieg. Einen Tag später setzte er in Lyon eine mutige Attacke im Finale, die allerdings nicht von Erfolg gekrönt war.

Kämna darf sich ausprobieren. Er soll und will Erfahrungen machen. "Es ist wichtig, dass man ihm den Spielraum lässt. Er darf auch Fehler machen", sagt Lorang. "Jedes Mal in einer Ausreißergruppe kommen neue Erfahrungen hinzu", sagt Kämna. Eine Fluchtgruppe sei wie ein riesiges Pokerspiel, hat er festgestellt, man müsse die Konkurrenten analysieren und überlegen, wie deren Taktik aussehe. "Man muss sehr viel nachdenken und jedes Mal, wenn ich in eine Ausreißergruppe komme, geht dieses Spiel von vorne los. Und ich habe das Gefühl, dass ich jedes Mal darin besser werde, wenn ich die Erfahrungen vom letzten Mal nicht verdränge, sondern mich daran zurückerinnere, was da passiert ist."

2022 erstmals als Kapitän

Drei Jahre haben sie bei Bora-hansgrohe für das "Projekt Kämna" veranschlagt. In der Saison 2022 soll der Bremer dann erstmals selbst als Kapitän bei einer Drei-Wochen-Rundfahrt am Start stehen - womöglich nicht direkt bei der Tour de France, sondern erstmal beim Giro d'Italia oder der Vuelta à Espana, wo die öffentliche Aufmerksamkeit nicht ganz so hoch ist.

Auch Kämnas Trainer kann noch nicht abschätzen, wie weit der junge Radprofi kommen kann. "Mit Training setzt man Reize, auf die der Körper reagiert und irgendwann flacht diese Kurve ab", erklärt Lorang. Wann das genau passiere, könne man nicht vorhersagen. Dazu kommt die mentale Belastung, den Körper immer wieder ans Limit zu bringen, Rückschläge zu verkraften und den Druck zu verarbeiten, der entsteht, wenn man - wie Kämna jetzt - zunehmend auf sich aufmerksam macht und damit Erwartungen weckt. "Ausdauersport ist Fleißarbeit", sagt Lorang. Aber der Spaß dürfe dabei nicht verloren gehen.

Den Spaß wiedergefunden

Kämna hat diese Erfahrung schon gemacht. Beim Team Sunweb hatte er sich 2018 eine Auszeit genommen, um sich darüber klar zu werden, ob Radprofi tatsächlich der richtige Beruf für ihn ist. Die Antwort lautete "ja". Im vergangenen Jahr konnte Kämna sein Talent dann erstmals auf der großen Bühne Tour de France präsentieren. "Er ist ein Rennfahrer, er will Rennen fahren", sagt Lorang. Das "Spielerische" müsse Kämna sich erhalten, denn auch das sei wichtig, um Bestleistungen abzurufen.

Den Spaß hat Kämna offenbar auch abseits der Strecke wiedergefunden, wenn man Maximilian Schachmann glauben schenkt. Der kennt Kämna schon seit der WM 2015 in Richmond, wo beide für den Bund Deutscher Radfahrer in der U23 fuhren und Kämna Bronze im Zeitfahren gewann. "Eine Comedy-Karriere nach der Radsportkarriere wäre auf jeden Fall auch etwas für ihn", sagt Schachmann.

Zwei Etappen für den Spieltrieb

Noch aber ist er Radprofi. Sechs Etappen bleiben Lennard Kämna theoretisch noch bei dieser Tour, um seinen Spieltrieb als Rennfahrer auszuleben. Das Zeitfahren am vorletzten Tag und die beiden Sprintetappen am Freitag und am Sonntag fallen mit Blick auf einen möglichen Etappensieg weg. Bleiben die drei Alpenetappen am Dienstag, Mittwoch und Donnerstag.

"Ich tippe, dass die Etappen 16. und 18. sehr interessant sein können für Ausreißer", sagt Kämna. Am Mittwoch, wenn die Etappe oberhalb von Méribel auf dem Col de la Loze endet, werde es dagegen schwierig für Ausreißer, ausreichend Zeit herauszufahren. Kämna wird seine Chance suchen, das darf als sicher gelten. Aber ob es klappt, lässt sich natürlich nicht voraussagen. Erstmal müsse man es überhaupt in die Gruppe schaffen. "Das ist schwer genug", sagt Kämna. "Danach entscheiden das Rennen und die Beine, wie gut man noch drauf ist."

Quelle: sportschau.de

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