Die olympische Flagge (l.) und die russische Flagge | dpa

Internationaler Sportgerichtshof Bekommt Russland Olympia-Verbot?

Stand: 01.11.2020 15:00 Uhr

Bleibt Russland für weitere drei Olympische Spiele und dutzende Großereignisse gesperrt? Die Anhörung vor dem CAS ist ein weiterer Höhepunkt in der mittlerweile sechsjährigen Geschichte des russischen Staatsdopingskandals.

Von Nick Butler, Peter Wozny und Jörg Mebus

Für die einen ist es ein "Wendepunkt" im Anti-Doping-Kampf, für die anderen "einer der wichtigsten Prozesse in der Geschichte des Weltsports". Wenn ab heute der internationale Sportgerichtshof CAS über die Vierjahres-Sperre Russlands für Olympische Spiele und andere Großereignisse verhandelt, sind sich alle Parteien und Beobachter zumindest in einem Punkt einig: Die auf vier Tage angesetzte Anhörung ist von herausragender sportpolitischer Bedeutung.

Sportschau

"Ich denke, wir befinden uns an einem der wichtigsten Wendepunkte", sagte Richard Pound, dienstältestes Mitglied des Internationalen Olympischen Komitees, im Interview mit der ARD-Dopingredaktion: "Entweder, wir bekommen das richtig hin, oder es wird das Signal ausgesendet, dass zu viele Menschen oder Organisationen nicht wollen, dass der Kampf gegen Doping erfolgreich ist." Alles andere als eine Bestätigung der Strafe gegen Russland, meint der 78-jährige Kanadier, der seit 1978 IOC-Mitglied ist, würde "eine schreckliche Botschaft aussenden".

Vierjahres-Sperre wegen manipulierter Daten

Die Ausgangslage scheint klar, doch eine Lehre aus den knapp sechs Jahren seit Aufdeckung des russischen Staatsdopingskandals ist, dass klare Ausgangslagen rein gar nichts zu bedeuten haben. Die Welt-Anti-Doping-Agentur WADA sieht es als erwiesen an, dass eine riesige Anzahl an Datensätzen aus dem Moskauer Anti-Doping-Labor, die Russland erst auf immensen Druck Anfang 2019 übermittelt hatte, manipuliert ist. Dies geschah, so vermuten die Russland-Kritiker, um gedopte Sportler zu schützen und das wahre Ausmaß des Skandals zu verschleiern.

Der Schwindel flog auf, WADA-Ermittler wiesen die Manipulationen aus ihrer Sicht zweifelsfrei nach. Die WADA-Exekutive verhängte am 9. Dezember 2019 eine Vierjahres-Sperre gegen Russland, das nicht an Weltsport-Ereignissen wie Olympischen Spielen und Weltmeisterschaften als Nation teilnehmen darf. Russland kann die Wettbewerbe in diesem Zeitraum auch nicht ausrichten oder sich als Gastgeber um sie bewerben. Nur Athletinnen und Athleten, die nachweisen, nicht vom Staatsdopingsystem profitiert zu haben, dürfen unter neutraler Flagge starten. Dies gilt auch für die Fußball-WM 2022 in Katar.

Der Internationale Sportgerichtshof CAS in Lausanne (Schweiz). | imago images/ITAR-TASS

Der Internationale Sportgerichtshof CAS in Lausanne (Schweiz). Bild: imago images/ITAR-TASS

Aus olympischer Sicht betrifft das die Spiele in Tokio 2021, Pyeongchang 2022 und Paris 2024. Dadurch, dass die Corona-Pandemie die Verhandlung immer wieder verzögert hat, steht für die Russen mittlerweile auch hinter den Sommerspielen in vier Jahren in Frankreich ein Fragezeichen, denn die Sanktionen treten normalerweise erst nach einer möglichen Bestätigung durch den CAS in Kraft. Die Anhörung ist bis Donnerstag angesetzt, ein Urteil wird erst später verkündet. Über den Zeitpunkt machte der CAS keine Angaben.

Younger: "Digitale DNA"

Für den deutschen WADA-Chefermittler Günter Younger sprechen die Fakten für sich. "Über forensische Beweise ist schwer zu diskutieren. Für mich ist es digitale DNA. Das heißt, wenn Daten gelöscht worden sind, dann sind sie gelöscht. Das ist nicht mehr zu diskutieren", sagte Younger, nachdem Russland Einspruch eingelegt hatte: "Was zu diskutieren ist, ist die Interpretation. Unsere Experten sagen, es war absichtlich. Die russische Seite sagt, das war ein Computer-Fehler. Das ist dann das, was der CAS entscheiden muss."

Offiziell protestiert vor dem CAS die Anti-Doping-Agentur RUSADA gegen den von der WADA verhängten Bann, doch sie erhält Unterstützung aus allen Winkeln des Sports und der Politik - auch von ganz oben. Wladimir Putin bezeichnete die Sperre als "ungerecht" und politisch motiviert. Wahrscheinlich ist, dass sich die RUSADA vor dem CAS als nicht zuständig präsentiert. Michail Buchanow, Interims-Chef der RUSADA, wurde in den Tagen vor der Anhörung nicht müde zu betonen, dass das Moskauer Labor unabhängig von der nationalen Anti-Doping-Agentur gearbeitet habe. Die RUSADA, so Buchanow, sei sauber.

Der CAS ist seit Dezember 2014, als die ARD-Dokumentation "Geheimsache Doping - Wie Russland seine Sieger macht" den Staatsdopingskandal ins Rollen brachte, regelmäßig mit der Causa befasst - und entschied nicht immer gegen Russland. Im Februar 2018, wenige Tage vor Beginn der Winterspiele in Pyeongchang, hob der CAS die durch das Internationale Olympische Komitee verhängten Doping-Sanktionen - Ausschluss von den Spielen in Südkorea und ein lebenslanges Olympiaverbot wegen Verstrickung in den Staatsdopingskandal - gegen 28 russische Wintersportler auf. Vor allem dieses Urteil macht den Russen nun Hoffnung.

Pound: "Enge Verbindungen zwischen Verbänden und Russland"

Die enorme Bedeutung des aktuellen Prozesses verdeutlicht auch die Anzahl der Verfahrensparteien. Neben dem Internationalen Olympischen beziehungsweise Paralympischem Komitee und deren russischen Ablegern ist unter anderem auch der Eishockey-Weltverband IIHF als interessierte Institution beim Prozess vertreten. Der vom Schweizer René Fasel geführte Verband gehört zu den größten Unterstützern Russlands im Weltsport und will auf jeden Fall seine WM 2023 in Sankt Petersburg austragen. Pound sagt, es gebe "sehr viele enge Verbindungen zwischen Verbänden und Russland, alle achtsam durch die Russen gepflegt". Nicht wenige glauben, dass auch das IOC dazugehört. Der Ringe-Konzern verwies vor dem Prozess auf ein Zitat von Präsident Thomas Bach aus dem Januar. Er wünsche sich ein Urteil, das "keine Interpretationsmöglichkeit" lasse.

Die Sportausschuss-Vorsitzende Dagmar Freitag (SPD) wird deutlicher. Es sei "einer der wichtigsten Prozesse in der Geschichte des Sports". In der Causa liege "ein vom Staat gesteuerter Betrug an sauberen Athletinnen und Athleten" vor, der seinesgleichen suche. "Wenn da kein klares Signal in Richtung Russland gesendet wird, wird der Sport weiter an Glaubwürdigkeit verlieren."

Inwieweit weitere Vorkommnisse den Prozess beeinflussen könnten, ist unklar. Der RUSADA-Boss Juri Ganus ist erst kürzlich unter dubiosen Umständen geschasst worden - wegen angeblicher finanzieller Unregelmäßigkeiten. Er hatte die wiederholte Einmischung der russischen Politik in den Sport kritisiert. Enthüllungen über russische Hackerangriffe auf die Eröffnungsfeier der Winterspiele in Pyeongchang hatten zuletzt für Entrüstung gesorgt.

Quelle: sportschau.de

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 02. November 2020 um 11:45 Uhr.