Leeres Hallenbad | picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild | Kira Hofmann

Sexualisierte Gewalt im DSV Neue Vorwürfe gegen Schwimm-Verband

Stand: 21.08.2022 17:15 Uhr

Nach den erschütternden Aussagen von Jan Hempel gibt es neue Vorwürfe gegen den Deutschen Schwimm-Verband. Geht es dem DSV nun ans Geld?

Hajo Seppelt, Arne Steinberg, Bettina Malter, Sebastian Münster und Jörg Mebus
Sportschau

Neue Vorwürfe, Drohungen aus der Politik: Der Deutsche Schwimm-Verband (DSV) und der mittlerweile freigestellte Bundestrainer Lutz Buschkow geraten nach den erschütternden Missbrauchsvorwürfen des ehemaligen Wasserspringers Jan Hempel immer stärker unter Druck. In der Bundesregierung werden bereits Stimmen laut, die die Förderwürdigkeit des Verbandes im Zuge des Skandals in Frage stellen.

Özdemir: "Keinen Cent von Steuermitteln"

"Wir haben jetzt gesehen, dass die Zeit für Lippenbekenntnisse endgültig vorbei ist", sagte Mahmut Özdemir (SPD), für den Sport zuständiger Parlamentarischer Staatssekretär im Bundesinnenministerium, der Sportschau. Ein Verband, der sich nicht an Auflagen und Bedingungen für Fördermittel halte, ergänzte Özdemir, "der sexualisierte Gewalt, Doping oder andere interpersonelle Gewalt duldet, nicht aufklärt, vertuscht - solche Verbände dürfen keinen Cent von Steuermitteln bekommen."

Missbrauch: Es geht um Aussitzen oder Bagatellisieren

In den vergangenen zehn Jahren hat der Verband aus dem Etat des Innenministeriums, also aus Steuermitteln, knapp 45 Millionen Euro Leistungssportförderung erhalten. Damit gehört er nach dem Deutschen Leichtathletik-Verband (DLV) zu den am meisten geförderten Sportfachverbänden.

Nun kommen zu den Vorwürfen, Buschkow und der DSV hätten nichts zur Aufarbeitung der Missbrauchsvorwürfe von Hempel gegen dessen Trainer Werner Langer unternommen, weitere hinzu – und wieder geht es um mögliches Aussitzen oder Bagatellisieren.

Neue Vertuschungsvorwürfe aus Aachen

Nach Informationen der Sportschau erlangten 2009 Vertreter am Bundesstützpunkt Wasserspringen in Aachen Kenntnis über zahlreiche Fälle von sexuellem Kontakt jugendlicher Athletinnen und Athleten während DSV-Veranstaltungen, deutschen Meisterschaften, internationalen Wettkämpfen sowie bei einem Länderkampf zwischen England und Deutschland.

Die sexuellen Kontakte seien durch Vernachlässigung der Aufsichtspflichten von Trainern und Betreuern begünstigt worden. Athletinnen und Athleten seien "unbeaufsichtigt durch Betten getobt" und hätten "Geschlechtsverkehr miteinander" gehabt, sagte Hans Alt-Küpers, damals Abteilungsleiter Springen am Bundesstützpunkt in Aachen, der Sportschau.

Daraufhin sei der "DSV darüber informiert worden, weil fast alle Stützpunkte des DSV betroffen waren". Der DSV habe "es nicht für nötig gehalten", ähnliche disziplinarische Maßnahmen wie der Stützpunkt Aachen zu ergreifen. "Ganz im Gegenteil", sagte Alt-Küpers: "Man hat uns vorgeworfen, wir würden Kadersportler sperren und mit Strafen belegen, ohne den DSV zu bitten, dass wir das dürfen". Es sei in Aachen zu einem Gespräch mit Buschkow gekommen, der damals DSV-Leistungssportdirektor war.

DSV-Vorstand: "Keinerlei Kenntnis"

In der Folge habe die DSV-Spitze aktiv darauf hingewirkt, so der Vorwurf von Alt-Küpers, dass Aachen den Status als Bundesstützpunkt Wasserspringen verliert – was dann zum 1. Januar 2013 passierte.

Der DSV teilte der Sportschau am Sonntag mit, dass der Vorstand bis zum Erhalt der ARD-Anfrage "keinerlei Kenntnis" von den Vorwürfen bezüglich der Causa Aachen gehabt habe. "Selbstverständlich wurden diese unmittelbar aufgenommen und werden aktuell intensiv und mit der gebotenen Sorgfalt geprüft", hieß es.

Buschkow wollte sich auf ARD-Anfrage nicht äußern. Der DSV hatte den Bundestrainer Wasserspringen am Donnerstag wenige Stunden nach Erstausstrahlung der Doku "Missbraucht – Sexualisierte Gewalt im deutschen Schwimmsport" in der ARD-Mediathek freigestellt und eine Untersuchung eingeleitet.

Weitere Ex-Funktionäre belasten Buschkow

Im Fall Hempel gerät Buschkow nun verstärkt unter Druck. Ein ehemaliger hochrangiger Funktionär aus der DSV-Fachsparte Wasserspringen, der anonym bleiben will, sagte der ARD für die Sportschau am Sonntag: "Alle damaligen Trainer und Funktionäre im Wasserspringen haben gewusst, dass Werner Langer Athleten missbraucht hat – demzufolge auch Lutz Buschkow."

Ein weiterer ehemaliger DSV-Topfunktionär erklärte: "Wir waren alle daran interessiert, dass es geräuschlos über die Bühne geht."

Hempel hat in der ARD-Dokumentation angegeben, 14 Jahre lang von seinem damaligen Trainer Werner Langer missbraucht worden zu sein. Dem DSV und dem langjährigen Top-Funktionär Buschkow warf er vor, untätig geblieben zu sein, nachdem er Langer 1997 verbandsintern belastet hatte. Langer nahm sich 2001 das Leben.

Hempel: "Stein ins Rollen gebracht"

Hempel, der am Sonntag seinen 51. Geburtstag feierte, blickt derweil mit Stolz auf seinen mutigen Schritt zurück. "Einen großen Stein ins Rollen gebracht zu haben, ist für mich eine große Wohltat", sagte Hempel der Sportschau: "Das, was mir passiert ist, kann man nicht ungeschehen machen. Aber das, was in Zukunft sein wird, kann man ändern."

Quelle: sportschau.de

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 21. August 2022 um 17:59 Uhr und um 18:23 Uhr.