Trainerin Kim Raisner im Interview.

Pferd bei Olympia geschlagen Fünfkampf-Trainerin ausgeschlossen

Stand: 08.08.2021 03:46 Uhr

Der Weltverband für Modernen Fünfkampf (UIPM) hat Bundestrainerin Kim Raisner von den Olympischen Spielen in Tokio ausgeschlossen. Beim Wettkampf der Frauen hatte Raisner ein Pferd geschlagen und Athletin Annika Schleu aufgefordert, mit der Gerte "richtig draufzuhauen". Raisner bezeichnet die Kritik an ihrem Verhalten als "zu hart".

"Der Vorstand hat Videoaufnahmen überprüft, die zeigten, wie Frau Raisner das Pferd Saint Boy, geritten von Annika Schleu, während der Reitdisziplin des Modernen Fünfkampfs der Frauen mit der Faust schlug", teilte der Verband am Samstag (07.08.2021) mit. "Ihre Handlungen wurden als Verstoß gegen die UIPM-Wettbewerbsregeln angesehen, die für alle anerkannten Wettbewerbe im Modernen Fünfkampf einschließlich der Olympischen Spiele gelten." Damit durfte Raisner beim Wettkampf der Männer am Samstag keine Aufgaben übernehmen.

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"Hau drauf, hau richtig drauf!" hatte die Trainerin Schleu zugerufen, als sich das Pferd beim Springreiten im Modernen Wettkampf verweigerte. Anschließend schlug die Trainerin dem Pferd selbst noch mit der Hand auf die linke Seite.

Raisner widerspricht Vorwürfen der Tierquälerei

Raisner selbst setzt sich zur Wehr, allerdings bereut sie ihre Wortwahl. "Ja, im Nachhinein kann man vielleicht sagen, das war zu harsch", sagte die Bundestrainerin der Deutschen Presse-Agentur. Die Kritik an ihrem Verhalten sei aber insgesamt "zu hart" gewesen. "Ich weiß, auch dieser Klaps auf den Hintern, der hätte nicht sein müssen, aber der war nicht doll", sagte die 48-Jährige.

Vorwürfen der Tierquälerei widersprach Raisner energisch. "Ich bin weit davon entfernt, Tiere zu quälen. Ich liebe Tiere, ich liebe Pferde, genauso wie Annika. Wir verdreschen unsere Pferde nicht." Das Pferd habe in der Situation am Freitag (06.08.2021) "gar nicht" gewollt. "Annika hat das gemerkt und da war einfach Verzweiflung da. Natürlich fordere ich da auf, dass sie als Reiterin die Möglichkeiten, die sie hat, nutzt, und mit den Hilfen, die da sind, versucht, das Pferd aus der Ecke zu bekommen."

Deutscher Verband zeigt sich "überrascht"

Der deutsche Verband für Modernen Fünfkampf wurde von Raisners Ausschluss nach eigener Aussage komplett überrascht. "Wir haben keine offizielle Mitteilung bekommen. Wir wurden nicht angehört, die Trainerin auch nicht", sagte Sportdirektorin Susanne Wiedemann. "Ich denke, dass es der Respekt gebietet, wenn jemand ausgeschlossen wird, dass er darüber auch informiert wird. Ich hatte heute Morgen mit dem Präsidenten des Weltverbandes einen kurzen Austausch. Da war keine Rede von dem, was wir jetzt erfahren mussten", kritisierte Wiedemann den Weltverband.

Berufsverband fordert "fairen" mit Raisner und Schleu

Der Berufsverband der Trainerinnen und Trainer im Deutschen Sport fordert derweil "einen fairen Umgang mit der Bundestrainerin und der Athletin". In einer Mitteilung am späten Samstag betonte der BVTDS aber auch, dass das Verhalten von Raisner und Schleu aus seiner Sicht "falsch" gewesen sei und "zu Recht öffentlich kritisiert" werde. Beide hätten unter einem hohen Erfolgsdruck gestanden, schrieb der Berufsverband. In einer emotionalen Situation hätten sie Fehler gemacht. "Dennoch dürfen Kim Raisner und Annika Schleu nun nicht zu den alleinigen Sündenböcken gemacht werden", hieß es weiter.

Hörmann spricht von "einvernehmlicher Entscheidung"

Der Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB), Alfons Hörmann, hatte zuvor - ohne sich auf die Entscheidung des Weltverbandes zu beziehen - verkündet, dass Raisner beim Wettbewerb der Männer weder am Parcours noch am Abreiteplatz im Einsatz dabei sein wird. Hörmann sprach von einer "gemeinsamen Entscheidung". Es sei für das deutsche Team, für die Trainerin, für die Athleten und für die Pferde der richtige Schritt.

DOSB fordert Regeländerung beim Springreiten

Zudem fordert der DOSB als Konsequenz der Ereignisse vom Freitag eine Änderung der Regeln der umstrittenen Teildisziplin Springreiten im Modernen Fünfkampf. "Das internationale Regelwerk bedarf dringend einer Überholung", sagte Hörmann. Die Vorgänge seien "inakzeptabel" und würden das Tierwohl gefährden. "Es schadet dem Ansehen von Sportart und Sportlern", sagte Hörmann.

"Es gab nicht nur das eine Reiter-Pferd-Problem", betonte Hörmann und wies zudem auf "eklatante Mängel" in der Bewertung der Situation seitens der Wettkampfleitung hin: "Das kann nicht die Perspektive für den Modernen Fünfkampf sein." Auch der Deutsche Verband der Modernen Fünfkämpfer (DVMF) mahnte "dringenden Handlungsbedarf" an.

Weltverband sieht keine Probleme bei der Auswahl der Pferde

Klaus Schormann, der deutsche Präsident des Weltverbandes, widersprach der Kritik an der Auswahl der Pferde. "Alles war genial, alles war super", wird Schormann auf der Homepage der UIPM zitiert: "Vielleicht gab es ein paar Momente, von denen man sagen kann, dass sie nicht so schön waren, aber ich kann ihnen sagen: Die Pferde sind absolut ausgezeichnet."

Es gebe "keinen Grund für die Sportler, sich zu beschweren. Es liegt nur an den Athleten selbst, wenn sie in einigen Teilen des Wettkampfes nicht erfolgreich waren", sagte Schormann.

Schleu bekam das Pferd nicht unter Kontrolle

In der Fünfkampf-Entscheidung war Schleu als Führende in die dritte Teildisziplin Reiten gestartet. Auf dem ihr zugelosten Saint Boy hatte zuvor schon eine Reiterin mit drei Verweigerungen große Probleme gehabt. Noch bevor Schleu in den Parcours reiten konnte, blockte das Tier ab.

Schleu versuchte daraufhin, das völlig verunsicherte und sichtlich panische Pferd mit dem Einsatz von Gerte und Sporen in die Spur zu bringen. Anschließend rief Trainerin Raisner die Worte, die zu viel Kritik führten. Das ging bis zu offenen Anfeindungen, vor allem in sozialen Netzwerken.

Athleten Deutschland: Hass gegen Schleu "inakzeptabel"

Die Vereinigung "Athleten Deutschland" sicherte Schleu deshalb Unterstützung zu. "Die Anfeindungen und der teils offene Hass, der ihr seit dem gestrigen Reit-Wettkampf in den sozialen Netzwerken entgegenschlägt, ist inakzeptabel und aufs Schärfste zu verurteilen", teilte die Organisation mit. Kritik an den Vorkommnissen im Wettkampf sei hingegen völlig legitim.

Schleu erklärte am Samstag, dass sie ihren Instagram-Account vorläufig deaktiviert habe. "Der Account ist nicht gelöscht, aber ich habe ihn zu meinem eigenen Schutz jetzt erst einmal deaktiviert", so Schleu zur Deutschen Presse-Agentur. Auch ihr Freund und ihre Mutter hätten ihre Accounts deaktiviert.

Der Schlagmann des deutschen Ruder-Achters, Silbermedaillengewinner Hannes Ocik, stärkte Schleu den Rücken. Der in den Sozialen Medien gegen die Fünfkämpferin verbreitete Hass sei "absolut unverständlich und geht total in die falsche Richtung". Um Athleten und Tiere zu schützen, müsse nun der Weltverband des Modernen Fünfkampfes Änderungen herbeiführen, so Ocik. Bilder wie in Tokio wolle er in Zukunft nicht mehr sehen.

Schleu: "Ich war zu keiner Zeit grob"

"Ich fühle mich natürlich schon angegriffen, wenn gesagt wird, dass ich unmenschlich bin, wenn Vorwürfe der Tierquälerei geäußert werden", sagte Schleu. "Ich bin nach bestem Gewissen mit dem Pferd umgegangen. Es war schon klar, dass man etwas konsequenter werden muss, aber ich war zu keiner Zeit grob."

Über Trainerin Raisner sagte Schleu: "Das, was sie gesagt hat, was ich auch von mir aus gemacht hätte, mit der Gerte einmal auf den Hintern zu hauen, das ist schon etwas, was man machen kann, um das Pferd zu überzeugen. Ich denke auch nicht, dass es besonders grob war."

Dieses Thema im Programm:
Das Erste | Olympia Tokio 2020 | 06.08.2021 | 01:05 Uhr

Quelle: sportschau.de

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 07. August 2021 um 12:53 Uhr.