Die deutsche Nationalmannschaft der Frauen macht sich warm | picture alliance/dpa/Sebastian Gollnow

DFB-Team vor EM-Finale Vorfreude auf einen der größten Sportmomente

Stand: 31.07.2022 08:02 Uhr

Fast 90.000 Fans werden heute in Wembley beim EM-Finale zwischen England und Deutschland dabei und die meisten für England sein. Die deutschen Spielerinnen machen sich aber keine Sorgen, sondern ziehen gerade daraus zusätzliche Motivation. Klara Bühl wird das Endspiel allerdings verpassen.

Florian Neuhauss (London)
Sportschau

Der DFB und die Spielerinnen schöpfen ihr Kartenkontingent natürlich voll aus. Und auch die nach dem deutschen Halbfinalsieg gegen Frankreich (2:1) noch kurzfristig in den Umlauf gebrachten Tickets waren umgehend vergriffen. Trotzdem wird der ganz große Teil der fast 90.000 Fans beim Endspiel heute (31.07.2022/18 Uhr MESZ, live im Ersten und sportschau.de) England die Daumen drücken. "Es ist eine große Ehre in Wembley zu spielen - gegen England, in England, bei einer Europameisterschaft im Finale", sagte Vize-Kapitänin Svenja Huth am Tag vor dem Spiel. "Wir haben noch eine ganze Menge im Tank und wollen den EM-Titel mit nach Deutschland nehmen."

Martina Voss-Tecklenburg beschrieb sich selbst als "ruhig und gelassen". Sie wisse, was die Mannschaft kann. Jede freue sich und genieße jeden Moment auf dem Weg zu einem Karriere-Highlight: "Es gibt nicht viele Sportmomente, die größer sind als dieses EM-Finale", sagte die Bundestrainerin.

Verzichten muss MVT auf Klara Bühl. Die Linksaußen, die sich vor dem Halbfinale mit Corona infiziert hatte, ist nicht rechtzeitig fit geworden. Zuletzt hatte das deutsche Team noch gehofft, die 21-Jährige von Bayern München könnte sich wegen ihres bis dahin milden Verlaufs heute freitesten. Doch das klappt nicht, weil die notwendigen medizinischen Untersuchungen vor einem Einsatz nun nicht mehr rechtzeitig erfolgen können. Wenn Bühls Test heute negativ wäre, dürfte sie zumindest ins Stadion. Ansonsten sind laut Bundestrainerin aber alle Spielerinnen einsatzfähig, auch die zuletzt angeschlagene Abwehrchefin Marina Hegering.

Deutsches Team jung, aber erfahren genug

Die deutschen Frauen erwartet in Wembley eine ganz besondere Atmosphäre, auf die sie sich freuen: "Wir haben uns das Finale verdient. Meine Vorfreude ist riesig, gerade weil das ganze Stadion gegen uns sein wird. Ich mag das", unterstrich Lena Oberdorf. Und auch "Torminator" Alexandra Popp erklärte: "Ich finde es ganz cool, wenn viele Menschen gegen einen sind. Ich hoffe auf 90 coole Minuten."

Von Angst und Sorgen ist jedenfalls vor dem entscheidenden Duell mit den Engländerinnen keine Spur. "Wir sind alle nicht erst seit gestern im Geschäft", sagte Kathrin Hendrich, die allerdings eingestand, in den vergangenen Tagen doch "sehr emotional gewesen" zu sein. In der ersten Nacht im neuen Hotel habe sie kaum schlafen können, weil ihr so viel durch den Kopf gegangen sei. Sie lege immer mal wieder auch das Handy bewusst aus der Hand: "Wenn irgendwo Sachen über uns stehen, dann klicke ich meist weiter oder schließe die App."

Popp: "Haben schon alle Erwartungen übertroffen"

Hendrich und Co. erreichen allerdings dieser Tage vornehmlich positive Nachrichten. Sie haben auch in Deutschland mit ihren Auftritten für Begeisterung gesorgt. Am TV waren im Halbfinale 12,19 Millionen Menschen dabei. Und so wird das Team unabhängig vom Ausgang des Endspiels auch auf dem Frankfurter Römer empfangen. "Mit uns hat keiner gerechnet. Und plötzlich stehen wir da. Wir haben nichts mehr zu verlieren, sondern schon alle Erwartungen übertroffen. Alles was jetzt noch kommt, ist absoluter Bonus", sagte Popp.

Die deutsche Lockerheit hatte die Kapitänin am Freitag auf der täglichen Pressekonferenz eindrucksvoll vorgeführt. Unter dem Gelächter der anwesenden Journalistinnen und Journalisten sowie einiger Teamkolleginnen, die sich unbemerkt hinten in den Saal geschlichen hatten, um dem Schauspiel beizuwohnen, hatte Popp unter ihrer Maske einen Schnauzbart entblößt, den sie sich in Anspielung auf einige Witze in den Sozialen Medien angeklebt hatte.

"Wir sind sehr entspannt, aber auch auf das Match fokussiert. Der Druck liegt eher bei den Engländerinnen", meinte Popp. "Wir kennen das von der Heim-WM 2011. Plötzlich erwarten alle, dass man den Titel gewinnt oder denken, man hat ihn eigentlich schon gewonnen."

Wembley? Vergangenheit spielt keine Rolle mehr

Apropos gewonnen: Deutschland hat nicht nur das einzige direkte Duell in einem EM-Finale gegen England gewonnen (2009), sondern auch beim jüngsten Vergleich im Wembley zehn Jahre später. Voss-Tecklenburg gibt auf dieses Spiel allerdings nichts mehr. In den drei Jahren habe nicht nur Deutschland sich weiterentwickelt, sondern auch England. "Mit Sarina Wiegman haben die Engländerinnen außerdem eine fantastische Trainerin. Sie hat schon bewiesen, dass sie ein Team zu einem EM-Titel führen kann (Anm.d.Red.: 2017 ihr Heimatland Niederlande). Wollen wir hoffen, dass es bei einem Titel bleibt."

Viel wichtiger in der Spielvorbereitung sei Englands Halbfinalauftritt gegen die Schwedinnen. Denn auch wenn das 4:0-Endergebnis eine deutliche Sprache spricht - "die ersten 30 Minuten gegen Schweden haben gezeigt, dass man ihnen wehtun kann - und das ist jetzt unsere Aufgabe". Auch das Viertelfinale gegen Spanien, als England lange keine Mittel fand und schon vor dem Aus stand, dürfte einige Hinweise auf die richtige Herangehensweise bieten.

Wird Popp EM-Torschützinkönigin?

Da kommt wieder Popp ins Spiel, die es in diesem Turnier mit Abstand am besten versteht, den Gegnerinnen wehzutun. Und da ist ja auch noch der alleinige Rekord als beste Torschützin bei einer EM-Endrunde samt dem Goldenen Schuh für die Torschützinkönigin bei diesem Turnier. Ihre Kontrahentin steht auf der anderen Seite: Beth Mead. Aber auch da wiegelt die 31-Jährige vom VfL Wolfsburg ab: "Es ist nicht mein erstes Ziel, Torschützenkönigin zu werden. Es geht um den EM-Titel. Und wenn statt mir drei andere treffen, bin ich auch glücklich."

Finale sorgt für Zuschauerrekord in England

Die ganze Mannschaft freut sich auf die sicher tolle Atmosphäre im Wembley-Stadion. Der Rekord von 77.768 Zuschauenden, aufgestellt beim Duell England - Deutschland 2019, bei einem Fußballspiel von Frauen im Vereinigten Königreich wird heute sicher gebrochen.

"Deutschland gegen England ist das Traumfinale", spricht Sydney Lohmann vielen aus der Seele. Es sei kein Geheimnis, dass ihr Team einen holprigen Weg hinter sich habe. "Deshalb hatten wir keinen Druck, was bestimmt gut für uns war. Aber es war uns immer klar, dass wir das Potenzial für den Titel haben. Und das haben wir hier vom ersten Spiel an gezeigt."

MVT: Wembley gehört am Ende hoffentlich uns

Es spiele keine Rolle, "ob die 90.000 Fans für oder gegen uns sind". Ohnehin gaben Hendrich und Popp schon die Richtung vor. "Wir wollen die Zuschauer ruhigstellen", sagte Hendrich. Die Kapitänin hatte bereits zuvor erklärt: "Wir wollen Wembley zum Schweigen bringen." Die Bundestrainerin setzte einen Tag vor dem Endspiel verbal noch einen drauf: "Wembley wird am Anfang wahrscheinlich den Engländerinnen gehören - und am Ende hoffentlich uns."

Quelle: sportschau.de