Eine Blutprobe wird entnommen | Bildquelle: picture alliance / dpa

Doping-Ermittlungen Deutscher Olympionike in Verdacht

Stand: 26.03.2019 11:32 Uhr

Nach den Razzien in Seefeld und Erfurt Ende Februar kommt nun eine neue Dimension des mutmaßlichen Doping-Netzwerks ans Licht: Wie die ARD-Dopingredaktion erfuhr, stehen auch deutsche Athleten unter Verdacht.

Von Hajo Seppelt, Grit Hartmann, Shea Westhoff, Jörg Winterfeldt und Jörg Mebus

Dutzende prall gefüllte Blutbeutel in einer Kühltruhe, ein Auftaugerät, ein Regal voller Spritzen und Medikamente. Eine selbstgezimmerte Sperrholzwand, hinter der ein Dopinglabor versteckt ist. Beweisfotos, die in dieser Woche die Staatsanwaltschaft München den Medien präsentierte,  aus der Zentrale des Netzwerks um den mutmaßlichen Doping-Arzt Mark Schmidt. Seine Spuren reichen aus Erfurt, so viel weiß man bisher, in zwölf Länder.

Operation Aderlass: Deutscher Olympiateilnehmer mutmaßlich Kunde des Erfurter Arztes
Operation Aderlass: Deutscher Olympiateilnehmer mutmaßlich Kunde des Erfurter Arztes

Damit handelt es sich schon jetzt um das größte Doping-Netzwerk, das im vereinigten Deutschland aufgeflogen ist – ohne dass ein Ende der Ermittlungen absehbar wäre. In der „Operation Aderlass“, sagt Kai Gräber, Leiter der Schwerpunktstaatsanwaltschaft Dopingkriminalität, seien „längst nicht alle Kapitel geschrieben“.

Deutscher Athlet war mutmaßlich Doping-Kunde

Die Frage allerdings, ob auch deutsche Sportler die Dienste des Erfurter Zirkels in Anspruch genommen haben, wollte Gräber nicht beantworten: „Sie werden verstehen, dass ich aus ermittlungstaktischen Gründen keine Angaben darüber machen kann, was der Hauptbeschuldigte gesagt hat. Insbesondere nicht dazu, welche Athleten konkret betroffen sind oder aus welchen Nationen diese stammen.“                                      

Allerdings steht jetzt ein erster Deutscher als Kunde des Doping-Netzwerks unter Verdacht: Nach Informationen der ARD-Dopingredaktion startete der Eisschnellläufer als Mitglied des Nationalteams auch bei Olympia. Verschiedene Quellen lieferten dazu konkrete Hinweise – auch den, dass sich der Sportler vor Olympischen Winterspielen wiederholt sein Blut von Schmidts Netzwerk manipulieren ließ.

Deutscher Eisschnelllaeufer mutmaßlicher Kunde des Erfurter Dopingrings | Bildquelle: imago sportfotodienst
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Auch ein deutscher Eisschnellläufer soll Kunde des Erfurter Dopingrings gewesen sein.

Offen ist, ob Schmidt, der in der Haftanstalt München-Stadelheim mehrfach vernommen wurde, den Namen des Athleten sogar selbst mitteilte. Die Staatsanwaltschaft München erklärte auf Anfrage, sie wolle den Fall noch nicht kommentieren, und verwies auf laufende Ermittlungen. Nach ARD-Informationen ist der Name auch der Nationalen Anti-Doping-Agentur (NADA) bekannt. Auch die wollte auf Anfrage weder bestätigen noch dementieren. Man könne dazu noch keine Stellungnahme abgeben, hieß es aus Bonn.                       

Die ARD-Dopingredaktion erreichte den Betroffenen am Telefon. Er teilte mit, er wolle zum Vorwurf gegen ihn nichts sagen.

Die Ermittlungen könnten auch Athleten erwischen, die sich in Sicherheit wiegen, weil ihr Blutdoping länger zurückliegt, oder sie gar ihre aktiven Karrieren längst beendet haben. Das Strafrecht sieht eine Verjährung von Selbstdoping nach fünf Jahren vor. Allein: „Die strafrechtliche Verjährung ist unterschiedlich zu sehen von der sportrechtlichen. Die sportrechtliche Verjährung geht weiter zurück“, sagt Lars Mortsiefer, Rechtsvorstand der Nationalen Anti-Doping-Agentur, „wir können nach dem Antidoping-Regelwerk derzeit bis zu zehn Jahre zurückgehen. Sodass der Zeitraum, der jetzt dargestellt wurde, von 2011 bis heute, von unserem Regelwerk noch abgedeckt ist, sodass sportrechtlich Athletinnen und Athleten, die involviert sind, belangt werden können.“

Das Bild von den Praktiken des verschwiegenen Erfurter Netzwerks gewinnt indes zunehmend an Schärfe. 21 Sportler aus acht europäischen Ländern stehen derzeit im Visier der Ermittler und unter Verdacht, zu Schmidts Kundenkreis gehört zu haben. Zwischen 2011 und 2019 sollen sie in Europa, im US-Bundesstaat Hawaii - beim Marathon auf Honolulu - Eigenblut-Doping betrieben haben. Und auch auf der ganz großen Bühne spielte man mit: zum Beispiel bei den Olympischen Winterspielen im Februar 2018 in Pyeongchang.

Als unauffällige Transportbehälter für die zuvor eingelagerten roten Blutkörperchen hielten die Sportler selbst her – genauer: ihre Körper. So schildert es die Staatsanwaltschaft. Vor Abflug nach Südkorea wurde den Athleten demnach bis zu ein Liter Blutkonzentrat in den Kreislauf infundiert.

Der Berliner Sportmediziner und Internist Fernando Dimeo nennt dieses Vorgehen „pervers und kriminell“. Dimeo sagt: „Man hat keine Erfahrung. Sie müssen sich vorstellen – in einen gesunden Körper spritzt man kein Eigenblut und schon gar nicht vor dem Flug.“ Denn: „Das Blut wird dicker. Entsprechend können Gerinnsel entstehen, Thrombosen – lebensgefährlich.“  Zumal sich die Sportler auf Langstreckenflügen befänden -  „drei, vier Stunden, bis sie am nächsten Flughafen sind. Das ist besonders riskant.“

Nach der Landung ließen sich die Athleten von Mitarbeitern des Erfurter Netzwerks das Blut wieder abzapfen, um es kurz vor Wettkampfstart erneut zuzuführen.

Sportler als Versuchskaninchen. Nach Angaben der Staatsanwaltschaft wurde mindestens an einem Athleten ein Hämoglobinpulver ausprobiert, von dem weder Wirkung noch Nebenwirkungen bekannt gewesen seien. Ergebnis: Das Herz des Athleten habe gerast. Von einer weiteren Verwendung des Mittels sei dann abgesehen worden.

Fünf Sportarten sollen involviert sein; vier sind mittlerweile benannt: neben Eisschnelllauf auch die Leichtathletik, Ski-Langlauf und die Sparte, die damit am wenigsten überrascht: „Ein nicht unerheblicher Teil der Athleten war im Radsport tätig“, sagt Oberstaatsanwalt Gräber der ARD-Dopingredaktion. Und: „Auch Radsportler sind betroffen, die an großen und langen Rundfahrten teilgenommen haben.“ Für Insider, die schon daran zweifelten, dass der Profi-Radsport wirklich substanziell sauberer geworden ist, ist es keine Überraschung.

Die Mehrzahl der Athleten, die Kunden beim Erfurter Dopingarzt waren, ist noch unbekannt. Sie dürften bald ein Gesicht bekommen. Und, so erfuhr die ARD-Dopingredaktion, nicht nur einer soll aus Deutschland kommen.

Quelle: sportschau.de

Über dieses Thema berichtete B5 aktuell am 24. März 2019 um 19:50 Uhr.

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