Estlands Nationaltrainer Martin Reim | Bildquelle: firo Sportphoto

EM-Qualifikation Estland erwartet "Schwerstarbeit"

Stand: 10.06.2019 19:41 Uhr

Noch ein Spiel gegen Estland, dann haben Deutschlands Nationalspieler Sommerpause. Doch wieso kokettiert Nationaltrainer Martin Reim mit einer Ganzkörperrasur und was hat er mit den Bussen am Strafraum vor? Ein Überblick.

Von Tim Beyer

Waren Sie schon mal in Estland? Wenn nicht, lassen Sie sich gesagt sein: Sie sollten da mal hin. Die Gastfreundschaft der Menschen ist unbeschreiblich, es gibt dort städtebauliche Schönheiten wie Tallinn und natürlich diese unfassbare Weite der Landschaft. Freies W-Lan hat man fast immer, nix mit EDGE und 3-G. Auch die Strände sind toll und die Inseln (Saaremaa!) erst. Aber Fußball? Eine ganz große Rolle hat Estland mit seinen 1,3 Millionen Einwohnern im Fußball noch nie eingenommen. Kann sich ja noch ändern.

Martin Reim - Nationaltrainer, Rekordnationalspieler, Ganzkörperrasur

Wer sich einmal die Mühe macht, einen Blick auf Estlands Fußballhistorie zu werfen, wird ziemlich schnell auf den Namen Martin Reim stoßen. Als Aktiver war Reim viele Jahre die prägende Figur der Nationalmannschaft, er machte 157 Länderspiele (14 Tore), die meisten im zentralen Mittelfeld, wo er den Rhythmus vorgab. Bis heute ist Reim Estlands Rekordnationalspieler. Weltweit gibt es überhaupt nur 15 Spieler, die mehr Länderspiele als Reim absolviert haben. Seit Sonntagabend auf einer Stufe mit Reim: Portugals Superstar Cristiano Ronaldo, der beim Endspiel in der Nations League ebenfalls Länderspiel Nummer 157 machte.

Doch zurück zu Martin Reim, denn der konnte offensichtlich nicht nur kicken, er scheint auch ein ganz guter Trainer zu sein. Seit September 2016 coacht er Estlands A-Nationalmannschaft, im Schnitt holte er dabei immerhin 1,34 Punkte pro Spiel. Könnte auch daran liegen, dass Estland regelmäßig gegen Länder testet, deren Nationalteams ein Stück von der Weltspitze entfernt sind: Malta, Neukaledonien, Fidschi oder Vanuatu. Doch es sind auch Ergebnisse dazwischen, die aufhorchen lassen: In der Nations League gewann Estland im November 2018 1:0 in Griechenland. Am Ende stiegen die Esten trotzdem aus der League C ab.

Nach allem, was man nun über Estlands Fußballer weiß, ist es nicht wahnsinnig wahrscheinlich, dass diese Auswahl die des DFB so richtig ärgern kann. Für den Fall, dass Estland tatsächlich zumindest einen Punkt holt in Mainz, hat sich Reim bei der Pressekonferenz am Montag (10.06.2019) zu einem Versprechen hinreißen lassen, dass er womöglich noch bereuen dürfte. Als Reim von einem Journalisten gefragt wurde, ob er eine ähnliche Aktion plane wie Weißrusslands Trainer Igor Krijuschenko, der vor dem Spiel gegen Deutschland gesagt hatte, er werde sich im Erfolgsfall seinen Schnäuzer abrasieren, legte noch einen drauf. Reim sagte: "Ich wäre bereit, das zu machen und mir alle Haare abzurasieren."

Zwischen Kirgistan und Jordanien

In Deutschland schaute mancher Fußballfan nach dem Vorrunden-Aus bei der WM 2018 ungläubig auf die Fifa-Weltrangliste. Die hatte die DFB-Auswahl lange sogar angeführt, doch plötzlich stand die Mannschaft von Bundestrainer Joachim Löw nur noch auf Rang 15. Aktuell ist Deutschland Dreizehnter, und davon können sie in Estland nur träumen: Platz 96, direkt nach Kirgistan und unmittelbar vor Jordanien. Wer fies ist, könnte auch sagen: Estland, ein "Fußball-Zwerg".

Der beste Spieler fehlt

Fehlt gegen Deutschland: Ragnar Klavan (Nr. 15) | Bildquelle: imago/ZUMA Press
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Fehlt gegen Deutschland: Ragnar Klavan (Nr. 15)

Von allen noch aktiven estnischen Fußballern ist Ragnar Klavan, 33, sicher der bekannteste. Vier Jahre spielte Klavan für den FC Augsburg in der Bundesliga, ehe ihn kein Geringerer als Jürgen Klopp zum FC Liverpool lockte. Auch dort kam Klavan auf seine Einsätze, wenngleich sie irgendwann seltener wurden. Auch deshalb spielt der Innenverteidiger nun nicht mehr an der Anfield Road, sondern für Cagliari Calcio in der Serie A. Auch nicht schlecht.

Zuletzt litt Klavan allerdings immer mal wieder an Achillessehnenproblemen, und offensichtlich ist das auch der Grund, weshalb Estlands bekanntester Spieler gegen Deutschland gar nicht erst im Kader steht. Verschiedene Medien schrieben, Klavan wolle die Sommerpause nutzen, um die Verletzung auszukurieren.

Estlands Taktik

"Natürlich bin ich mit dem Ziel hergekommen, Punkte mit nach Hause zu holen", sagte Reim. Er sagte aber auch: Er erwarte "Schwerstarbeit" für seine Spieler. Die müssten wahrscheinlich "den Bus parken und mit elf Mann verteidigen", um ein ansprechendes Ergebnis zu erzielen. Nicht unüblich für die Esten, die gerne mal in einem 5-4-1 agieren. Doch allzu ängstlich, das wollen sie dann auch nicht sein. Verteidiger Karol Mets, der bei der Pressekonferenz neben seinem Trainer Platz genommen hatte, erzählte bereitwillig, was Reim ihnen eingetrichtert habe: "Wir sollen keine Angst haben. Auch die Deutschen haben Schwachstellen, sie sind nicht unschlagbar."

Der Start in die EM-Qualifikation

War nun wirklich nicht erfolgreich: Zwei Spiele, zwei Niederlagen. Durch die 1:2-Heimniederlage gegen Nordirland am vergangenen Samstag hat sich die ohnehin sehr vage Hoffnung auf ein EM-Ticket fast zerschlagen. Eine Stunde lang hatte Estland mitgehalten, war durch Konstantin Vassiljev sogar in Führung gegangen. Doch als die Kräfte schwanden, brach die Mannschaft ein. "Ich bin definitiv nicht enttäuscht von meinen Spielern. Ich habe ihnen gesagt, dass sie die Köpfe hochnehmen sollen und dass es nichts gibt, wofür sie sich schämen müssten", sagte Reim.

Die Sache mit dem Alter

Fast 28 Jahre alt war die Startelf der Esten gegen Nordirland, das ist heute fast schon ein biblisches Durchschnittsalter für eine Fußballmannschaft. Es bleibt Trainer Reim aber auch nicht viel übrig, er muss an einigen Routiniers festhalten, schließlich ist die Auswahl an Talenten begrenzt. Und so passt es ins Bild, dass der 34-jährige Vassiljev kaum zu ersetzen ist. Über ihn läuft fast jeder Angriff, ihn suchen sie immer dann, wenn Spielkontrolle gefragt ist. Blöd für Estland: In den letzten Tagen war der Spielmacher angeschlagen, sein Einsatz ist fraglich.

So könnte Estland spielen

Lepmets (Levadia Tallinn/32/6) - Teniste (Brann Bergen/31/71), Vihmann (Stabaek IF/23/18), Tamm (Korona Kielce/27/31), Mets (AIK Solna/26/55), Pikk (Miedz Legnica/26/32) - Zenjov (Schachtjor Karaganda/30/77), Käit (FC Fulham/20/19), Dmitrijev (Okjet. Kokshetau/30/21), Ojamaa (Miedz Legnica/28/38) - Sappinen (FC Den Bosch/23/21)

Quelle: sportschau.de

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 11. Juni 2019 um 11:15 Uhr.

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