Deutschlands Füllkrug bejubelt seinen Treffer zum 1:1-Ausgleich gegen Spanien.  | Getty Images/Alexander Hassenstein

FIFA WM 2022 Deutschland und Spanien trennen sich mit 1:1

Stand: 27.11.2022 23:30 Uhr

Spät, aber hochverdient: Joker Niclas Füllkrug hat die Niederlage gegen Spanien abgewendet und Deutschlands Hoffnung auf die K.o.-Runde bei der Fußball-WM aufrecht erhalten.

Christian Hornung
Sportschau

Durch das 1:1 (0:0) am Sonntagabend (27.11.2022) bei der Fußball-Weltmeisterschaft in Katar ist für die Mannschaft von Hansi Flick bei einem abschließenden Sieg am Donnerstag gegen Costa Rica noch alles möglich - es wird aber ein Rechenspiel. Ganz sicher ist: Bei einem Sieg mit acht Toren Vorsprung ist Deutschland weiter, aber es gibt auch eine Reihe anderer Szenarien.

"Einfach geil, dieser rechte Fuß"

Darauf vertraut auch Füllkrug: "Wir brauchen jetzt auch nicht durchzudrehen. Aber wir können hoffen, dass im letzten Spiel alles gut ausgeht", sagte der Remis-Retter im ZDF. "Wir wollten unbedingt dieses Spiel ziehen, das war fürs Gefühl sehr wichtig. Wir haben aber auch noch Luft nach oben."

Das erste Kompliment bekam Füllkrug von Thomas Müller: "Einfach geil, was Fülle für einen rechten Fuß hat, er ist auch ein positiver Typ, der sehr viel Selbstvertrauen ausstrahlt. Wir alle hatten vor dem Spiel Wut im Bauch und haben jetzt die Aufgabe, im letzten Spiel Costa Rica zu schlagen."

Zwei Wechsel gegenüber Japan

Flick hatte seine Mannschaft gegenüber der Japan-Pleite auf zwei Positionen verändert. Kai Havertz musste für Leon Goretzka weichen, dafür rückte Thomas Müller in die Spitze. Auch der unglückliche Nico Schlotterbeck hatte ausgedient, Thilo Kehrer kam als rechter Verteidiger ins Team, Niklas Süle übernahm Schlotterbecks Position in der Innenverteidigung.

Riesenreflex von Neuer - Lattentreffer

Von Beginn an waren die Deutschen viel auf dem Platz unterwegs - aber vor allem mit Hinterlaufen beschäftigt. Schon nach wenigen Minuten kristallisierte sich eine Ballbesitzverteilung von mehr als 70 Prozent zugunsten der Spanier heraus, das DFB-Team suchte zwar die Zweikämpfe, kam aber oft mit dem Passtempo des Gegners nicht klar und deshalb immer wieder zu spät.

Nach sechs Minuten hätte sich das beinahe bereits gerächt: Dani Olmo zog von der Strafraumgrenze knallhart ab, doch Manuel Neuer lenkte die Kugel mit einem spektakulären Reflex an die Lattenunterkante.

Erste Annäherungen durch Gnabry

Erst nach einer Viertelstunde gelang es der Mannschaft von Hansi Flick, die Deckung etwas vorzuverlagern und den Spaniern damit weniger Räume für ihre Blitz-Kombinationen zu ermöglichen. Der erste eigene durchdachte Angriff über Ilkay Gündogan, Leon Goretzka bis zu einem Steilpass von Thomas Müller auf Serge Gnabry endete zwar mit einer Torchance - doch der Treffer hätte wegen Gnabrys Abseitsstellung nicht gezählt.

Immerhin: Dieser Offensivortrag diente als Mutmacher und lieferte die klare Erkenntnis, dass die Spanier zwingend defensiv beschäftigt werden müssen, um den Druck wenigstens zeitweise etwas abzumildern. In der 25. Minute wurde das zum zweiten Mal vielversprechend umgesetzt, doch Gnabry schlenzte den Ball nach einem Fehlpass von Keeper Unai Simón knapp am linken Eck vorbei.

Probleme mit Ferran Torres

Deutschland holte in dieser Phase beim Ballbesitz deutlich auf, machte sich mit zu vielen Fehlern im Aufbauspiel das Leben aber auch immer selbst wieder schwer. Vor allem Ferran Torres hätte sich diese Patzer beinahe zunutze gemacht. Bei seiner ersten Großchance nach einem Stellungsfehler von David Raum stand er knapp im Abseits (34.), kurz danach warf sich Jamal Musiala in die Schussbahn des Barca-Linksaußens.

Nach einer Standardsituation jubelte dann plötzlich Deutschland. Der sehr engagierte Gnabry hatte in der 40. Minute einen Freistoß herausgeholt, den Joshua Kimmich von halbrechts perfekt auf den Kopf von Antonio Rüdiger zirkelte. Kein Spanier hatte Rüdiger auf der Rechnung, Unai Simón war gegen den Kopfballtreffer aus kurzer Distanz chancenlos - doch nach Videobeweis wurde das Tor wegen einer hauchdünnen Abseitsstellung wieder aberkannt.

Enriques Wechsel führt zum Tor

Aus der Kabine kamen die Deutschen deutlich mutiger als zu Beginn des ersten Durchgangs, das Pressing wurde konsequenter, bei eigenen Angriffen rückten mehr Spieler mit auf. Spanien versuchte weiterhin, riskant von hinten heraus zu kombinieren, was Kimmich in der 57. Minute beinahe genutzt hätte: Er grätschte in einen Pass von Unai Simón, bei Kimmichs Schuss war der Keeper aber wieder voll da.

Spaniens Coach Luis Enrique reagierte auf den wachsenden deutschen Druck mit der Hereinnahme von Mittelstürmer Álvaro Morata, was kein gutes Omen war, denn auf neue Impulse von der gegnerischen Bank hatte Flick schon gegen Japan keine Antwort mehr gefunden. Diesmal dauerte es acht Minuten, ehe der Joker stach: Thilo Kehrer ließ Dani Olmo zu viel Platz zum Flanken, im Zentrum stand Süle zu weit von Morata weg - und Neuer machte sich wie schon beim Asano-Treffer gegen Japan klein, statt die kurze Ecke zuzumachen: 0:1 (62.).

Großchance durch Musiala - dann trifft Füllkrug

Weitere Parallele zum Japan-Spiel: Wieder brauchte Flick nach dem Rückstand acht Minuten, um zu reagieren, dann stärkte er mit Leroy Sané und Niclas Füllkrug die Offensive. Immerhin blieb diesmal mehr Zeit. Sané leitete dann auch sofort die bis dahin größte deutsche Chance ein, als er Musiala steil schickte, der vor dem Tor nur noch quer auf Füllkrug zu legen brauchte, es aber zu eigensinnig selbst versuchte und an Unai Simón scheiterte.

Doch Deutschland hatte noch einen Trumpf in der Hinterhand, und der hieß tatsächlich Füllkrug. Der Mann, der vor dieser WM-Vorbereitung noch keine einzige Berufung erhalten hatte, nutzte in der 83. Minute eiskalt seine Chance: Musiala transportierte den Ball nach Zuspiel von Sané nach vorne, Füllkrug nahm ihm die Kugel ab und jagte sie entschlossen und unhaltbar in den linken Winkel.

Schlotterbeck rettet gegen Morata

In der 90. Minute wäre das gesamte Bemühen dann beinahe wieder Makulatur gewesen, doch der überraschend eingewechselte Schlotterbeck zeigte sich diesmal stabil: Er grätschte Morata eine Großchance weg und jubelte danach, als hätte er selbst einen Treffer erzielt. Ein Solo von Sané in der sechsten Minute der Nachspielzeit hätte dann beinahe sogar noch den deutschen Sieg bedeutet - aber Sané ließ sich zu weit nach außen treiben und brachte sich damit selbst um die Schusschance.

"Da hätten wir uns eigentlich noch mit dem Siegtreffer belohnen müssen", haderte Flick nach dem Schlusspfiff, zog aber insgesamt ein extrem positives Fazit: "Es ist wirklich gigantisch, was die Mannschaft heute geleistet hat. Ich bin wirklich stolz. Wir sind einer Mannschaft, die fußballerisch top ist, auf Augenhöhe begegnet. Die Mentalität war überragend. Aber wir haben nur den ersten Schritt gemacht, gegen Costa Rica wollen wir den zweiten Schritt machen."

Schult sieht "andere Körpersprache"

Sportschau-Expertin Almuth Schult zeigt sich bezüglich dieses zweiten Schritts optimistisch: "Ein bisschen Schützenhilfe wäre ganz gut, aber heute auf dem Platz war es eine deutlich andere Körpersprache. Es war anders als gegen Japan zu spüren, dass die deutsche Mannschaft sogar noch das zweite Tor machen wollte."

Sportschau-Experte Thomas Hitzlsperger sieht es genauso: "Wirklich eine hervorragende Leistung, auch was Jamal Musiala gezeigt hat, war eine Augenweide. Jetzt bin bin überzeugt, dass die Mannschaft ins Achtelfinale einziehen will."

Quelle: sportschau.de