Cottbuser Ex-Profi Hondo gesteht Doping | Bildquelle: imago images / Geisser

Behandlung durch Erfurter Sportarzt Ex-Radprofi Hondo gesteht Blutdoping

Stand: 12.05.2019 16:15 Uhr

Der frühere Telekom-Radprofi Danilo Hondo beichtet exklusiv in der ARD, 2011 Kunde des Erfurter Doping-Arztes Schmidt gewesen zu sein. Kosten: 30.000 Euro im Jahr, Effekt: angeblich null. Zuletzt arbeitete er als Trainer erfolgreich in der Schweiz. Nun liegt sein Leben in Trümmern.

Von Hajo Seppelt, Jörg Mebus, Wolfgang Bausch und Jörg Winterfeldt

Danilo Hondo wirkt entspannt. Davon, dass er nach eigener Aussage die ganze Nacht kein Auge zugemacht hat, sind keine Nachwirkungen zu erkennen. Genauso wenig, dass er innerlich seit Stunden im ganzen Körper zittert. Er ist am Sonntag in aller Frühe um halb sieben aufgebrochen von zu Hause in der Nähe von Zug, ist nach Zürich zum Flughafen gefahren und nach Berlin geflogen.

Hondo, 45, trägt schwarze Designerjeans mit modischen Rissen zu den Luxussneakern von Yohji Yamamoto. Äußerlich keine Spur davon, dass sein Leben gerade aus den Fugen zu geraten droht: Der frühere Radprofi Hondo aus Cottbus hat vor laufenden Kameras der ARD-Dopingredaktion in einem ausführlichen Interview gestanden, beim Erfurter Arzt Mark Schmidt Blutdoping betrieben zu haben. "Er hatte dann schon vehement versucht, Druck auszuüben, dass das schon eine Geschichte ist, die Sinn macht, die doch sehr weit verbreitet ist“, sagt der inzwischen als Nationaltrainer der Schweiz tätige Hondo, "dann habe ich schlussendlich leider Gottes den großen Fehler meines Lebens getan und dieser Geschichte zugestimmt."

Danilo Hondo: "Ich muss dazu stehen"
Danilo Hondo im Interview mit seiner Dopingbeichte

Verfahren gegen Lehmann-Dolle

Der Erfurter Arzt Schmidt war im Zuge der Razzien bei der Nordischen Ski-Weltmeisterschaft in Seefeld/Österreich und in Erfurt Ende Februar festgenommen worden. Die Ermittler hatten bekannt gegeben, dass dem Dopingring 21 Sportler aus acht Nationen und fünf Sportarten angehörten. 

Erst am Freitag (10.05.2019) hatte die Nationale Anti Doping Agentur Deutschland (NADA) mitgeteilt, dass sie ein sportrechtliches Disziplinarverfahren vor dem Deutschen Sportschiedsgericht (DIS) gegen Robert Lehmann-Dolle wegen eines möglichen Verstoßes gegen Anti-Doping-Bestimmungen eingeleitet hat. Ende März hatte die ARD-Dopingredaktion berichtet, dass ein deutscher Eisschnellläufer Kunde von Schmidt gewesen sei, allerdings aus juristischen Gründen noch ohne den Namen Lehmann-Dolles zu nennen.

Radsport: Neues Dopinggeständnis von Ex-Radsportprofi
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Im Rahmen der Vernehmungen in Untersuchungshaft soll der Arzt Schmidt auch Hondo als Kunden identifiziert haben. Damit konfrontiert, hatte Hondo am Samstag zunächst noch jede Tatbeteiligung abgestritten, sich aber dann dazu durchgerungen, doch ein vollumfängliches Geständnis abzulegen, obwohl ein konsultierter Anwalt ihm dringend abgeraten habe. "Da ich mittlerweile als Nationalcoach in der Schweiz tätig bin, mit vielen jungen Fahren zu tun habe und mir in den letzten Jahren wirklich ganz aktiv, präventiv Anti-Doping auf die Fahnen geschrieben habe, war dann relativ klar: Wenn ich in diesen Fall verwickelt bin, muss ich dazu stehen, um das, was ich in den letzten Jahren als nicht mehr aktiver Radprofi getan habe, fortzuführen", sagt er, "da wäre es jetzt Unrecht, wenn ich versuchen würde, mich meiner Verantwortung mit juristischen Mitteln zu entziehen. Nur so kann ich ein klares Zeichen setzen gegenüber meinen Sportlern."

Ermittlungen in der Schweiz

Ohnehin liefen bereits Ermittlungen gegen ihn in der Schweiz. Am Samstag wollte Ernst König, Direktor der Schweizer Anti-Doping-Agentur, der ARD-Dopingredaktion nur den Namen noch nicht bestätigen: "Was ich ihnen sagen kann, dass es um einen deutschen Staatsbürger geht, der einen direkten Leistungssportbezug zur Schweiz hat und aktuell in einer Trainerfunktion in einer olympischen Sportart in der Schweiz tätig ist." Zudem sollen die Schweizer Bundespolizei fedpol und die Kantonspolizei Bern sich Hondos Falls angenommen haben, womöglich um zu prüfen, ob er nicht nur selbst gedopt, sondern Dopingmittel auch in die Schweiz eingeführt oder an andere weitergegeben hat. Nur dann wäre Hondo auch ein Fall für staatliche Ermittler.

Dass der Vorgang und sein Geständnis für ihn schwerwiegende Konsequenzen haben, ist Hondo, der seine aktive Karriere 2014 beendet hatte, einen Fahrradladen auf Mallorca betreibt und zuletzt die Schweizer U23-Fahrer zu Welt- und Europameistern machte, bewusst. "Ich habe den Radsportverband am Sonntag früh informiert, alle sind geschockt", sagt er, "mir war gleich klar, dass es keine Zukunft im Radsport mehr für mich geben würde - zumal ich offiziell auch noch Wiederholungstäter bin."

Carphedon-Sperre

Hondo hatte als Bahnradfahrer begonnen und war 1997 als Sprintspezialist in den Straßenradsport gewechselt. Er ist in seiner Karriere für große Teams wie Telekom, Gerolsteiner, Lampre oder Radioshack gefahren und hat gleich bei seiner ersten großen Rundfahrt, dem Giro d’Italia 2001, zwei Etappen im Sprint gegen den italienischen Weltklassefahrer Mario Cipollini gewonnen.

Allerdings ist Hondo im April 2005 auch schon positiv auf die verbotene leistungssteigernde Substanz Carphedon getestet und zwei Jahre gesperrt worden. Er hatte damals vehement versucht, sich mit juristischen Mitteln zur Wehr zu setzen und beharrt noch heute darauf, "unbewusst gedopt zu haben: Es war meine Vermutung, die ich immer geäußert habe, dass da irgendwas schiefgelaufen ist, dass da irgendwas verunreinigt war."

Schmidt habe er nur flüchtig gekannt als Freund einer Physiotherapeutin, als der ihn angesprochen habe, "um mir diese Geschichte zu offerieren". Seine anfängliche Ablehnung habe sich sukzessive verflüchtigt, als der Arzt ihm die Hintergründe vorgebetet habe: "Ich müsse mir keine Sorgen machen, das sei die sicherste Methode, sagte er, und dass ganz viele Athleten das betreiben."

Also habe er schließlich 2011 nachgegeben. "Bei mir war die Hoffnung, vielleicht doch noch mal länger fahren zu können oder besser fahren zu können, um vielleicht noch mal einen besseren Vertrag zu erhaschen, um einfach noch mal Verluste aus der Vergangenheit wettzumachen", sagt Hondo.

Schmidt habe ihm daraufhin eine ausländische Handynummer gegeben, "slowenisch oder kroatisch oder so", über die sie die Termine für die Blutentnahmen und -rückführungen koordiniert hätten. Hondo sagt, nur der Arzt selbst habe ihn betreut, keine Helfer. Entnommen wurde ihm das Blut in einem Appartement in der Nähe von Frankfurt, was praktisch gewesen sei, weil seine Freundin in Wiesbaden gewohnt habe. Und Schmidt sei auch zu ihm nach Hause in die Schweiz gekommen.

"Rein finanzielle Motivation"

Die Rückführungen seien am Renntag oder dem Tag zuvor erfolgt, etwa bei Mailand - Sanremo, belgischen Klassikern oder der Tour de France, insgesamt drei bis vier Mal. Er habe jedes Mal in bar bei den Behandlungen bezahlt, mindestens 30.000 Euro für das Jahr. Dass Schmidt seinen Namen nun wohl den Ermittlern preisgegeben hat, führt Hondo darauf zurück, dass "das Ganze nicht wirklich im Guten auseinandergegangen ist".

Es habe Diskussionen um die Geldzahlungen gegeben, ihm seien die Beträge überhöht vorgekommen, Schmidt habe sich darauf berufen, das sei teuer. "Grundsätzlich ging es ihm ums Geld, das war 'ne rein finanzielle Motivation", sagt Hondo, "ich weiß, dass er damals ein Haus gebaut hat und immer davon gesprochen hat, es sei als Arzt schwer genug, Geld zu verdienen."

Er habe Schmidt Anfang 2012 "gesagt, nicht mehr weitermachen zu wollen". Zu seinen Skrupeln sei auch die Wirkung der Behandlungen gekommen: "Ich habe mich immer schlecht gefühlt, und an den Tagen, an denen ich das Blut drin hatte, bin ich sogar schlechter gefahren als sonst".

Quelle: sportschau.de

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 12. Mai 2019 um 17:15 Uhr.

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