Rui Pinto | Bildquelle: NDR

Football Leaks Whistleblower oder Hacker?

Stand: 01.02.2019 14:00 Uhr

Rund 70 Millionen teils vertrauliche Dokumente hatte Rui Pinto als Informant "John" an Medien weitergegeben - bekannt geworden als Football Leaks. Nach seiner Festnahme äußert er im Interview Angst um sein Leben.

Von Andreas Bellinger und Hendrik Maaßen, NDR

Hausarrest, Fußfessel - und die allgegenwärtige Angst vor der Auslieferung nach Portugal. Nach seiner Verhaftung am 16. Januar spielte sich das Leben von Rui Pinto, den die Fußball-Welt bis dahin nur unter dem Decknamen "John" kannte, auf wenigen Quadratmetern seiner Budapester Wohnung ab. Dem Macher hinter den Football-Leaks-Enthüllungen, der nach zwei Tagen in Haft mit Fußfesseln in seine Eineinhalb-Zimmer-Bleibe zurückkehren durfte und dort unter Hausarrest steht, droht in seinem Heimatland Portugal ein Prozess wegen versuchter Erpressung. Sie soll sich im Jahr 2015 abgespielt haben.

Für großes Aufsehen und zahlreiche europaweite Ermittlungsverfahren hatte der 30-Jährige Ende vergangenen Jahres im professionellen Fußballgeschäft gesorgt, als er mehr als 70 Millionen teils vertrauliche Dokumente dem "Spiegel" übergab, die das Nachrichtenmagazin mit dem NDR und dem Recherchenetzwerk EIC teilte. Football Leaks ist das bislang größte Datenleck.

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Morddrohungen aus der Heimat

Ungarns Justiz muss nun bis zum 19. März über einen Auslieferungsantrag entscheiden. Cyberkriminalität und versuchte Erpressung lauten die Vorwürfe der Generalstaatsanwaltschaft in Lissabon. Pinto soll im Jahr 2015 unter anderem den FC Porto mit belastenden Mails des Konkurrenten Benfica Lissabon versorgt haben, was das Land elektrisiert und Benfica in eine Krise gestürzt hatte.

Der Beschuldigte bestreitet die Vorwürfe in einem Interview, das der "Spiegel" sowie der NDR und das französische Investigativportal "Mediapart" an zwei Tagen in Budapest führten. "Ich habe kein Statement der Behörden gelesen, das mich mit dem Benfica-Skandal in Zusammenhang bringt", sagt er. Trotzdem sei sein Foto in Portugal auf Titelseiten erschienen. "Mein Facebook-Account und meine Mailadresse wurden mit Morddrohungen geflutet."

Versuchte Erpressung?

Besonders schwer könnte der Vorwurf wiegen, Pinto habe im Herbst 2015 versucht, die Agentur Doyen Sports mit Insiderwissen zu erpressen. Tatsächlich hielt er Material in den Händen, dessen Brisanz er nicht einschätzen konnte. Deshalb versuchte er es auf eine Art, die er heute selbst als naiv bezeichnet.

"Ich schrieb der Firma unter falschem Namen (Artem Lobuzov, Anm.d.Red.) eine Mail", sagt Pinto. "Ich bot an, dass ich für eine Summe zwischen 500.000 Euro und einer Million Euro bereit wäre, die Dokumente zurückzugeben." Er habe herausfinden wollen, "wie viel es sich Doyen kosten ließe, mich zum Schweigen zu bringen".

Rui Pinto von "Football Leaks" droht eine Gefängnisstrafe
tagesschau 16:00 Uhr, 01.02.2019, Hendrik Maaßen, Nino Seidel, NDR

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Anwalt: "Erkenne keine Gier"

"Es war eher ein kindlicher Streich. Er hat letztendlich selbst auf das Geld verzichtet, hat freiwillig widerstanden", sagte sein Anwalt, William Bourdon, dem "Spiegel". "Wir sind überzeugt, dass er dafür nicht verurteilt werden kann."

Der 62-jährige Franzose Bourdon gilt als erfahrener Jurist, der schon Edward Snowden vertreten hatte. Für ihn steht außer Frage, dass auch sein Klient ein wichtiger Whistleblower und kein Hacker ist. "In seiner Haltung erkenne ich keine Gier."

Pinto habe aus enttäuschter Liebe zum Fußball und ohne eigene Absichten gehandelt, so Bourdon. "Ich bin kein Hacker", beteuerte Pinto im NDR. Er betonte, nicht der Einzige hinter Football Leaks zu sein. "Mit der Zeit kamen immer neue Quellen hinzu." Wie er an die Informationen gekommen ist, verrät er bis heute aber nicht.

FIFA-Skandal als Auslöser

Sein Mandant erfülle alle Bedingungen eines Whistleblowers, die der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte aufgestellt hat, sagte Bourdon. "Er sollte vor Strafverfolgung geschützt werden, sofern er außergewöhnliche Leistungen für das öffentliche Interesse erbracht hat. Es ist absolut offensichtlich, dass er genau das getan hat."

Pinto sei einfach nur ein Fußball-Fan, der Gefahren für seinen Sport sah, der sich in eine völlig falsche Richtung entwickelt habe. Hauptauslöser aber sei der FIFA-Skandal 2015 gewesen. "Parallel zu all den Verhaftungen beim Weltverband sah ich, dass es bei zahlreichen Transfers in Portugal zu Unstimmigkeiten kam. Dass immer mehr Investoren in den Markt drängten. Ich fing an, Daten zu sammeln."

Cristiano Ronaldo | Bildquelle: AP
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Der Fußballprofi Cristiano Ronaldo von Juventus Turin. Der Portugiese wurde wegen Steuerhinterziehung verurteilt.

Strafe für "Lieblingsspieler" Ronaldo

"Ich bin überzeugt davon, dass ich das Richtige getan habe", sagte Pinto. "Dafür sind und waren meine Daten hilfreich." Auch sein Lieblingsspieler Cristiano Ronaldo bekam das zu spüren. Der Portugiese wurde wegen Steuerhinterziehung verurteilt. Nach einer Einigung mit den spanischen Behörden zahlte er 19 Millionen Euro und entging einer Haftstrafe. Für manche ist das ein Deal mit fadem Beigeschmack.

Pinto kooperiert mit einigen Ermittlungsbehörden. So auch mit dem Metropolitan Police Department in Las Vegas, das gegen Ronaldo ermittelt. Eine US-Amerikanerin beschuldigt ihn der Vergewaltigung, was der für Juventus Turin spielende Weltstar bestreitet.

Angst um sein Leben

"Es ist mir gleichgültig, ob mein Lieblingsspieler oder mein Lieblingsverein, der FC Porto, betroffen sind. Ich gebe alle relevanten Daten weiter", sagte der in Vila Nova de Gaia nahe Porto geborene Pinto. Dass er den Mächtigen im Milliardengeschäft Profifußball dabei oft genug und bisweilen nachhaltig auf die Füße getreten ist, liegt auf der Hand.

Angst hat der Portugiese auch davor, dass seine fußballbegeisterten Landsleute Rache nehmen könnten. Er sieht sich als Angriffsziel vor allem für Fans von Benfica Lissabon: "Ich fürchte, dass, wenn ich ein portugiesisches Gefängnis betrete, vor allem eines in Lissabon, ich dort nicht lebend herauskomme."

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 01. Februar 2019 um 14:50 Uhr.

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