Fritz Keller, Präsident vom Deutschen Fußball-Bund (DFB), steht unter einem riesigen DFB-Logo beim DFB- Bundestag .

Machtkampf beim DFB Landesverbände fordern Kellers Rücktritt

Stand: 02.05.2021 22:34 Uhr

Die Präsidenten der Landes- und Regionalverbände des Deutschen Fußball-Bundes haben Präsident Fritz Keller und Generalsekretär Friedrich Curtius ihr Vertrauen entzogen. Keller wurde zum Rücktritt aufgefordert.

Wie der Deutsche Fußball-Bund (DFB) am Sonntag (02.05.2021) nach einem zweitägigen Krisengipfel in Potsdam mitteilte, sei dem DFB-Präsidenten und dem Generalsekretär Friedrich Curtius mehrheitlich das Vertrauen entzogen worden. Mit diesem Votum steht ein Rücktritt der beiden Funktionäre im Raum, Keller wurde explizit dazu aufgefordert. "Zur Abwendung weiteren Schadens vom Verband fordert die Konferenz den Präsidenten auf, von seinem Amt zurückzutreten", hieß es in der Mitteilung.

Während Keller für die jährliche Aufwandsentschädigung von 246.000 Euro ein Ehrenamt bekleidet, ist Curtius ein Angestellter des DFB. Beide sitzen außerdem im Aufsichtsrat und in der Gesellschafterversammlung der DFB GmbH, die sich um Sponsoren sowie die Vermarktung des DFB-Pokals oder von Länderspielen kümmert. Curtius sagte auf Sportschau-Anfrage, dass er sich am Abend nicht zu den Entwicklungen äußern wolle.

Wie es für Präsident Keller weitergeht

Keller hatte vor der Abstimmung einen Rücktritt kategorisch ausgeschlossen und das Votum der Regional- und Landesverbände hat auch keinen bindenden Charakter. Allerdings bedeutet der Vertrauensentzug der Basis eine deutliche Erhöhung des Drucks. 2019 wurde Keller für drei Jahre ins Amt gewählt, 2022 müsste er sich auf dem DFB-Bundestag einer Wiederwahl stellen - bei dem wiederum die Regional- und Landesverbände einen Großteil der Stimmen halten.

Sollte Keller nicht aus diesem Grund zurücktreten, könnte eine mögliche Anklage durch die DFB-Ethikkommission den Druck weiter erhöhen. Denn Keller hatte DFB-Vizepräsident Rainer Koch in einer Sitzung mit dem Nazi-Richter Freisler verglichen. Der Fall liegt nun bei der Ethikkommission. Nach Informationen der Sportschau wurde bei der Sitzung der Regional- und Landesverbände aber deutlich, dass die Unzufriedenheit mit Keller nicht allein auf dem Nazivergleich basiert.

Generalsekretär Curtius gilt als schärfster Widersacher Kellers. Seit Monaten machen beide kein Geheimnis um ihr zerrüttetes Verhältnis und das gegenseitige Misstrauen. Curtius erhielt vor Monaten schon eine Abreibung von den Profis unter dem Dach der Deutschen Fußball-Liga. Die DFL bemängelte Indiskretionen und lud den Generalsekretär von Sitzungen aus. Warum die Landespräsidenten ihm nun mehrheitlich das Vertrauen entzogen, blieb offen. „Da gibt es nicht den einen Grund“, sagte ein Teilnehmer der Konferenz in Potsdam. Maßgeblich dürfte gewesen sein, dass der erbitterte Streit zwischen Keller und Curtius eine konstruktive Arbeit im Verband verhindert.

Mehrheiten für Koch und Osnabrügge, aber gegen Keller und Curtius

Vizepräsident Koch und Schatzmeister Stephan Osnabrügge sei dagegen das Vertrauen der Landes- und Regionalverbände ausgesprochen worden, teilte der DFB mit und nannte konkrete Abstimmungsergebnisse.

Vertrauensfragen DFB
Präsident Fritz Keller 9 26 2
Vize Rainer Koch 21 13 3
Schatzmeister Stephan Osnabrügge 22 13 2
Generalsekretär Friedrich Curtius 14 20 3

Die Präsidenten der fünf Regionalverbände haben bei der Konferenz jeweils eine Stimme. Bei den Landesverbänden gibt es Unterschiede aufgrund von Mitgliederstärken. Bayern, Niedersachsen und Westfalen haben je drei Stimmen, während Hessen, Mittelrhein, Niederrhein, Südbaden, Südwest und Württemberg je zwei Stimmen abgeben dürfen. Der Rest hat je eine Stimme. Bei den Abstimmungen in Potsdam fehlte Sachsen-Anhalts Präsident entschuldigt.

Offizielle Missbilligung von Kellers Nazivergleich

"Die Konferenz der Präsidenten der Regional- und Landesverbände missbilligt den von DFB-Präsident Fritz Keller vorgenommenen Vergleich des 1. Vizepräsidenten Rainer Koch mit dem Nazi-Richter Roland Freisler", hieß es in einem Statement. Sie werde "aufs Schärfste" verurteilt. Am Rande des Treffens kam es zu einem Gespräch zwischen Keller und Koch. Die Entschuldigung Kellers wurde allerdings von Koch weiterhin nicht akzeptiert. "Ich habe diese Entschuldigung entgegengenommen. Eine Bewertung des Sachverhalts überlasse ich den dafür zuständigen Gremien und möchte den Sachverhalt daher nicht weiter kommentieren", sagte Koch laut DFB.

Koch entscheidet über Koch

Der Machtkampf lähmt und schädigt den Verband seit Monaten. Auf der einen Seite steht Keller, auf der anderen stehen Curtius, Koch und Osnabrügge. Und auch die Seite um Koch geriet zuletzt unter Druck. "Die 13 Gegenstimmen bei der Vertrauensfrage sind ein Denkzettel für Koch", sagte Sportschau-DFB-Experte Marcus Bark. "Auch da ist Vertrauen verloren gegangen."

Zu bedenken ist dabei, dass Koch selbst vier Stimmen zustanden: drei als Präsident des Bayerischen Fußballverbandes (BVF), eine als Präsident des Süddeutschen Fußballverbandes (SFV). Auf Anfrage der Sportschau erklärte Koch am späten Sonntagabend, dass er die Stimme des SFV an dessen Vizepräsidenten Ronny Zimmermann übertragen habe, der als Präsident des Badischen Fußballverbandes in Potsdam anwesend war. Die Stimmen des BFV habe er "nicht übertragen können", so Koch. Deshalb habe er selbst abgestimmt. Ob die drei Enthaltungen, die es bei der Abstimmung über ihn gab, von ihm kamen, wollte Koch mit Verweis auf die geheime Wahl nicht sagen. Bei der vorangegangenen Diskussion über seine Person sei er nicht im Raum gewesen.

Undurchsichtiger Vertrag

Im Mittelpunkt des Konflikts steht ein undurchsichtiger und hochdotierter Vertrag mit einem Kommunikationsberater aus dem Jahr 2019, den das Trio nach übereinstimmenden Berichten auf den Weg gebracht haben soll.

Seine Rolle in diesem Vorgang hat Koch in der Versammlung der Land- und Regionalpräsidenten nach Informationen der Sportschau den Teilnehmern aber glaubhaft erklären können. Zudem gilt Koch als Fürsprecher der Amateure, die von den Regional- und Landesverbänden vertreten werden.

Grindel erhebt Vorwürfe gegen Koch

Der frühere DFB-Präsident Reinhard Grindel erhob zudem schwere Vorwürfe gegen Koch. Demnach habe Koch eher als bislang von ihm behauptet von der Enthüllung im Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" über fragwürdige Zahlungen im Zusammenhang mit der WM-Vergabe gewusst. Koch habe aber weder das Präsidium noch den damaligen Präsidenten Wolfgang Niersbach frühzeitig über die Recherche in Kenntnis gesetzt. Dies, so der damalige Schatzmeister Grindel, "wäre gut gewesen, um sportpolitisch, möglicherweise auch steuerrechtlich" auf die vom "Spiegel" erhobenen Vorwürfe zu reagieren.

Koch, so Grindel, habe ihm von seiner Kenntnis berichtet, ein paar Tage später in einer Krisensitzung mit Niersbach allerdings so getan, als höre er zum ersten Mal von der Recherche. Die Vorgänge um die Vergabe der WM 2006 sind bis heute teilweise offen. Auf Anfrage der Sportschau ließ Koch über den Bayerischen Fußball-Verband, dessen Präsident er ist, mitteilen, "dass die Aussagen von Reinhard Grindel nicht der Wahrheit entsprechen". Koch sei indes nicht verwundert, "dass Herr Grindel diese Aussagen zum jetzigen Zeitpunkt trifft und ganz gezielt Öffentlichkeit herstellt".

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 02. Mai 2021 um 16:00 Uhr.