Der US-Amerikaner Lance Armstrong (links) vom Team Discovery neben seinem Hauptkontrahenten Jan Ullrich vom Team T-Mobile bei der Tour de France im Jahr 2005 (Archivfoto vom 06.Juli.2005)
Interview

ARD-Dopingexperte Seppelt "Armstrong wählt das kleinere Übel"

Stand: 24.08.2012 13:10 Uhr

Bei Armstrong fuhr der Dopingverdacht immer mit - jetzt gibt er klein bei. "Damit hat er das kleinere Übel gewählt", meint ARD-Dopingexperte Seppelt. Ein Prozess käme einer öffentlichen Hinrichtung gleich. Dass der ebenfalls Doping-belastete Jan Ullrich nun Armstrongs Titel zuerkannt bekommen könnte, ist für Seppelt "eine der größten Ironien der Geschichte".

tagesschau.de: Lance Armstrong spricht von einer "Hexenjagd" auf ihn und sieht sich als Opfer. Hat er den Kontakt zur Realität verloren?

Hajo Seppelt: Das ist die typische Wortwahl von Armstrong, die nicht mehr überrascht. Die zahlreichen Indizien und Beweise gegen ihn sind so erdrückend, wie in kaum einem anderen Doping-Fall. Auch wenn es - formal betrachtet - keine juristisch anerkannte positive Doping-Probe von Armstrong gegeben hat, ist dieser Fall viel klarer als viele andere im internationalen Sport.

Lance Armstrong

Erdrückende Indizien: Armstrong gewann sieben Mal die Tour de France - wohl nicht ohne Hilfe leistungsfördernder Substanzen.

Es war höchste Zeit, dass dieses fragile Denkmal zum Einsturz gebracht wurde. Und Armstrong hat angesichts dieser erdrückenden Indizienlage jetzt die Reißleine gezogen. Er dürfte wissen, dass ein öffentlicher Prozess seinem Ruf noch weitaus mehr schaden würde. Auch für seine Krebsstiftung wäre ein öffentliches Verfahren sicherlich ein Desaster. Es wäre - und ich bin sonst mit solchen Vokabeln vorsichtig - einer öffentlichen Hinrichtung eines Sport-Denkmals gleichgekommen. Insofern hat Armstrong das kleinere Übel gewählt - indem er klein beigibt.

tagesschau.de: Geht Radsport auf diesem Niveau denn überhaupt ohne Doping?

Seppelt: Es geht solange ohne Doping, wie es alle nicht machen würden. Und der Zuschauer merkt doch nicht, ob die Radfahrer 41 Kilometer pro Stunde fahren oder 39. Sobald aber einer anfängt mit Doping, müssen die anderen offensichtlich mitmachen, um den Kontakt nicht zu verlieren und mithalten zu können. Dies ist in der Struktur des kommerzialisierten Hochleistungssports quasi angelegt, selbst wenn sich die Situation des Radsports durch den öffentlichen Druck und die konsequentere Verfolgung nicht mehr als so hoffnungslos darstellt wie noch vor einigen Jahren.

Dopingexperte Seppelt
Zur Person

Der Journalist "Hajo" Seppelt ist Experte für das Dopingproblem im nationalen und internationalen Sport. Seit 2006 berichtet er für die ARD über Doping und Sportpolitik. Nach seinen Recherchen musste der Internationale Radsportverband 2010 einen positiven Dopingtest des Tour-de-France-Siegers Alberto Contador eingestehen.

tagesschau.de: Dann bleibt doch nur die Konsequenz: Doping freigeben

Seppelt: Das wäre völliger Unsinn. Das würde die Gesundheit gefährden, es würde einen völlig neuen Industriezweig entstehen lassen, der sich allein mit der Kreation von leistungsfördernden Medikamenten beschäftigt. Körper würden dann getunt - wie in der Formel 1. Alles offiziell. Das wäre verheerend. Auch weil die Trennschärfe zu Kindern und Jugendlichen nur schwer gezogen werden könnte.

Es ist natürlich richtig, dass der Spitzensport oft nur eine große Heuchelei ist. Aber deswegen muss hier der Hebel angesetzt werden, nicht am Dopingverbot. Das Verbot ist überlebenswichtig für den Sport als Kulturgut.

tagesschau.de: Was bedeutet Armstrongs Schritt jetzt für Jan Ullrich? Drei Mal kam er hinter Armstrong ins Ziel in Paris. Nur einmal gewann Ulrich die Tour.

Seppelt: Das wäre eine der größten Ironien der Sportgeschichte. Ullrich könnte im Nachhinein zum viermaligen Tour-Sieger erklärt werden. Aber Ullrich hat ja zuletzt auch durch die Blume erkennen lassen, dass er Teil des Systems gewesen ist. Und er ließ ja auch durchblicken, dass er kein Interesse an den nachträglichen Tour-Siegen hat. Sollten Ullrich die Siege dennoch zuerkannt werden, wäre es wirklich die bemerkenswerteste sporthistorische Entwicklung, die es jemals in Sachen Doping gegeben hat. Aber ich bezweifle, dass diese neuen Siegerlisten dann lange Bestand hätten.

Der US-Amerikaner Lance Armstrong (links) vom Team Discovery neben seinem Hauptkontrahenten Jan Ullrich vom Team T-Mobile bei der Tour de France im Jahr 2005 (Archivfoto vom 06.Juli.2005)

Teil des Systems: Der Dopingverdacht fuhr bei Armstrong und Ullrich immer mit.

Das Interview führte Wenke Börnsen, tagesschau.de