Interview

Schatten von 5000-Meter-Läufern

Hanns-Joachim-Friedrichs-Preis für Hajo Seppelt "Alle naschen mit am Sport-Kuchen"

Stand: 19.10.2016 21:54 Uhr

Der Weltsport sei in Teilen organisiert wie ein Kegelclub, sagt ARD-Dopingexperte Seppelt. Er erhielt am Mittwoch den Hanns-Joachim-Friedrich-Preis. Im Interview spricht er über das System Spitzensport, die Rolle der Politik und Anfeindungen aus den eigenen Reihen.

tagesschau.de: Sie werden heute mit dem Hanns-Joachim-Friedrichs-Preis ausgezeichnet. Inwieweit helfen Ihnen solche Auszeichnungen bei der Arbeit?

Hajo Seppelt: Es hilft, weil es Glaubwürdigkeit schafft. Mein Eindruck ist: Leute vertrauen mehr darauf, dass es mit der ARD-Dopingredaktion eine seriöse und vertrauensvolle Adresse gibt, an die sie sich wenden können, falls sie vertrauliche Informationen über Doping und Korruption im Spitzensport weitergeben wollen. Und das passiert ja auch.

tagesschau.de: Wie würden Sie Ihre Arbeit beschreiben?

Seppelt: Dopingberichterstattung heißt zunächst einmal oft: sehr dicke Bretter bohren. Wer aus dem System will schon darüber reden? Von Doping im Sport können schließlich viele direkt und indirekt profitieren. Doping erhöht in der Regel die sportliche Leistung, dadurch wird der Wettkampf attraktiver für das Publikum. Die TV-Anstalten zahlen mehr für die Übertragungsrechte, weil sie bessere Einschaltquoten erwarten dürfen. Die Übertragungszeiten im Fernsehen werden länger und die Einnahmen von Sportveranstaltern größer. Sponsoren zahlen mehr, denn sie können ihre Produkte länger und vor Millionenpublikum ins Bild setzen. Die Athleten können höhere Gagen verlangen und Manager höhere Provisionen. Die Politik freut sich, weil sportliche Erfolge auch für sie erfolgreiche Investitionen in den Sport darstellen. Das kommt gut an.

Auch Ärzte, Physiotherapeuten, Spielervermittler, PR-Agenturen - alle naschen irgendwie mit am Sport-Kuchen. Eine Win-Win-Situation für die Player im Sport. Deswegen ist es schlecht, wenn einer wie ich oder meine Kollegen kommen. Wir galten jahrelang als Nestbeschmutzer, weil wir dieses Geschäftsmodell natürlich ein Stück weit kaputt machen können. Sportverbände haben den Überbringer der schlechten Nachrichten oft mehr verurteilt als den Doper selber. 

Hajo Seppelt, ARD-Dopingexperte, zu den Auswirkungen seiner Arbeit
Nachtmagazin 00:15 Uhr, 19.10.2016

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"Die Anfeindungen gab es vor 15 Jahren schon"

tagesschau.de: Bei den Olympischen Spielen hatten Sie teilweise Personenschutz. Wie weit gehen die Anfeindungen und wie kommen Sie damit zurecht?

Seppelt: Die Anfeindungen gab es vor 15 Jahren auch schon. Damals gab es auch eigene Kollegen, die einen schräg angeschaut haben und es nicht gut fanden, wenn man "das Produkt kaputt macht". Insofern bin ich den Gegenwind also über Jahre gewohnt, aber er ist massiver geworden. Dass man dann irgendwann Beleidigungen und Drohungen anderen Kalibers erfährt, die nicht mehr lustig sind, war aber auch für mich unerwartet. Doch ich habe keine Angst und lasse mich nicht ins Bockshorn jagen. Dass das im Fall Russland so massive Ausmaße angenommen hat, zeigt ja auch in gewisser Weise, wie stark getroffen das größte Land der Welt von den Recherchen der ARD-Dopingredaktion gewesen ist.

alt Hajo Seppelt

Zur Person

Hajo Seppelt ist Doping-Experte der ARD. Seit 2006 recherchiert er zu Doping im internationalen Spitzensport. Im Dezember 2014 wurde sein Film "Geheimsache Doping: Wie Russland seine Sieger macht" in der ARD ausgestrahlt. Daraufhin traten mehrere Personen von ihren Ämtern in internationalen Sportorganisationen und Anti-Doping-Einrichtungen zurück oder wurden suspendiert. Im November 2015 bestätigte Richard Pound, Leiter einer Untersuchungskommission der Welt-Anti-Doping-Agentur, die Inhalte aus Seppelts Dokumentation.

tagesschau.de: Was treibt Sie in Ihrer Arbeit an? 

Seppelt: Mich hat immer Aufgesetztheit, Oberflächlichkeit und Ungerechtigkeit genervt. Ich mochte es nicht, wenn wir im deutschen Fernsehen Sportbetrug über Stunden übertragen haben, weil jeder ahnen musste, wie massiv da manipuliert wurde. Das fand ich verlogen, das war mein Motor. Denn Journalismus heißt, dass wir uns an die Fakten zu halten haben. Wenn wir ein Produkt verkaufen wollen und ein Ereignis hochjazzen, obwohl es eigentlich nicht so hochwertig ist, dann verletzten wir damit die ethischen Prinzipien des Journalismus. Deswegen hatte ich auch Konflikte mit manchen Kollegen aus der Sportjournalismus-Branche, weil ich das immer schon unpassend fand und noch finde.  

"Sport ist ein hochpolitischer Bereich"

tagesschau.de: Ist der internationalen Doping-Maschinerie dauerhaft beizukommen?

Seppelt: Der ist sehr schwer beizukommen. Warum sollte das auch jemals in Gänze gelingen? Das wäre illusorisch. Es wird ja auch keiner glauben, dass es irgendwann eine Wirtschaft ohne organisierte Kriminalität geben wird. Die Frage ist nur: In welchem Ausmaß wollen Sportorganisationen und die Politik dem Treiben weiter ohne effektive Kontrollmechanismen zuschauen? Wie entschlossen wollen sie tatsächlich gegen die elementaren Probleme, die den Sport als Kulturgut gefährden, angehen? Sport ist ein hochpolitischer Bereich. Er wird auch aus Steuergeldern finanziert und so bedarf es auch einer öffentlichen Kontrolle.

Mein Eindruck über viele Jahre ist, dass Sportorganisationen sehr unzeitgemäß aufgestellt sind. Von guter Unternehmensführung kann da in den meisten Fällen nicht die Rede sein, es sind teilweise Strukturen, die seit 100 Jahren im Wesentlichen gleich geblieben sind. Ehrenamtler sollten nicht das Schicksal global agierender Sportorganisationen bestimmen. Es kann nicht sein, dass der Weltsport ein Milliardenimperium ist, das in Teilen organisiert ist wie ein Kegelclub.

tagesschau.de: Welche Rolle hat der investigative Journalismus?

Seppelt: Ich glaube, das Investigative ist geradezu das Lebenselixier für den Journalismus. Wenn das entsprechend finanziert ist, dann tun wir damit einen Dienst an der Gesellschaft. Die Dopingredaktion der ARD ist weltweit einmalig. Ich kenne keinen einzigen Sender, der es sich leistet, einen Mitarbeiter in Vollzeit nur auf Dopingrecherchen anzusetzen. Dass sich das bewährt, zeigen die letzten Jahre. Insofern ist der Friedrichs-Preis nicht nur eine Anerkennung für mich als Person, sondern für das Bekenntnis, so einen Journalismus zu machen und nicht zu glauben, dass sich Sportjournalismus nur auf Entertainment und Abbildung von Sportereignissen beschränkt. 

Das Interview führte Verena Bünten, WDR, für tagesschau.de

Über dieses Thema berichtete das nachtmagazin am 20. Oktober 2016 um 00:15 Uhr.

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