Fußball-Bundestrainer Joachim Löw | Bildquelle: dpa

Fußball-Nationalmannschaft "Das war schon fast arrogant"

Stand: 26.12.2018 04:28 Uhr

Kein Sommermärchen in Deutschland: Die Fußball-Nationalmannschaft schied bereits in der Vorrunde aus. Lag es an der falschen Haltung und der grundsätzlichen Einstellung zum WM-Turnier in Russland?

Von Gerd Gottlob, NDR

Kazan, die Stadt in der russischen Teilrepublik Tatarstan, wird immer mit einer dunklen Stunde in der Fußball-WM-Geschichte Deutschlands verbunden bleiben. So wie Cordoba wegen des peinlichen Ausscheidens gegen Österreich 1978 und Gijon 1982, als sich Deutschland und Österreich auf dem Platz unausgesprochen auf ein Ergebnis einigten, das beiden nützte.

Wie konnte das passieren? Wie konnte Weltmeister Deutschland erstmals nach einer Vorrunde ausscheiden, obwohl doch "nur" Mexiko, Schweden und Südkorea die Gegner waren?

Oliver Bierhoff (links) und Joachim Löw | Bildquelle: dpa
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Oliver Bierhoff und Joachim Löw waren bei der Gruppen-Auslosung für die Fußball-WM noch optimistisch gestimmt.

In allererster Linie war es die falsche Haltung und die grundsätzliche Einstellung zum WM-Turnier 2018 in Russland. Die sportliche Leitung, Trainer Joachim Löw und Manager Oliver Bierhoff, hatte mit dem Anspruch auf einen Titelgewinn das Turnier vom Finale her geplant, die Gruppenphase war gedanklich schon überstanden.

Löw wollte keine Veränderung

2018 sollte der Ballbesitz-Fußball zur absoluten Vollendung gebracht werden. Die Überlegenheit war zu einer solchen Selbstverständlichkeit geworden, dass überhaupt keine Zweifel aufkamen an der Richtigkeit der sportlichen Strategie. Aber die Herangehensweise war inkonsequent: Nach dem Halbfinal-Aus bei der EM 2016 rief Löw die Nachrückenden ins Team zum ConfedCup 2017, weil sie "Druck auf die Etablierten" machen sollten.

Sie machten Druck, sie spielten guten Fußball, und sie gewannen das Turnier. Aber die gewünschte Entwicklung, die tatsächlich eintrat, wurde nicht für die WM genutzt: Es spielten wieder Hummels/Boateng statt Süle, Özil statt Reus, Khedira statt Goretzka, Müller statt Brandt, Neuer statt ter-Stegen. Der eigenwillige, aber oft fantastisch spielende Leroy Sané war gar nicht nominiert. Erbhof schlug Leistungsprinzip, weil Löw gar nicht ernsthaft eine Veränderung wollte. Auch dieses Verharren hatte eine tiefe Wirkung für das Mannschaftsgefüge.

Sami Khedira beim Training während der Fußball-WM in Russland. | Bildquelle: dpa
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Erbhof schlug Leistungsprinzip: Bundestrainer Löw setzte lieber auf Sami Khedira als auf Goretzka.

Nichts Neues im deutschen System

Außerdem war das deutsche System zigfach entschlüsselt worden und barg nichts Neues mehr. Mexikos Trainer Juan Carlos Osorio hatte nach seinem überraschenden 1:0-Sieg über Deutschland nüchtern festgestellt, er hätte schon ein halbes Jahr zuvor gewusst, mit welcher Taktik er gegen Deutschland spielen wolle. Welch eine Ohrfeige für das deutsche Trainerteam!

Selbst die Gegenreaktion gegen Schweden - Khedira und Özil auf der Bank - löste bei Löw nichts aus. In Kazan gegen Korea schob der Bundestrainer Özil und Khedira wieder ins Team. Das war ein fußballerischer Offenbarungseid, der möglich wurde, weil Löw immer noch geglaubt hat, es besser zu wissen. Die Haltung war herablassend, was Löw später zugab: "Das war fast schon arrogant." Aber es war auch niemand bereit, umzusteuern oder gar zu opponieren.

Nach der Blamage war vor der Blamage

Es war auch niemand da, der die letzten Warnzeichen erkannt oder ernst genommen hätte: Eine Niederlage gegen Österreich und sogar Saudi-Arabien hatte in Leverkusen beim letzten Test die Anfälligkeit des deutschen Systems enttarnt. Dazu das auch in der Mannschaft offensichtlich nicht angemessen aufgearbeitete Problem durch das Özil/Gündogan-Foto mit Erdogan.

Ilkay Gündogan, Mesut Özil, Recep Tayyip Erdogan und  Cenk Tosun | Bildquelle: TURKISH PRESIDENTAL PRESS OFFICE
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Das Foto von Ilkay Gündogan, und Mesut Özil mit Recep Tayyip Erdogan sorgte für Schlagzeilen.

Nach der Blamage war vor der Blamage: Der Druck und die Kritik waren offensichtlich noch nicht groß genug. Nach der Trennung im Streit von Özil, der Aussortierung von Khedira, dem Rücktritt von Gomez sorgte in der Nationsleague erst eine krachende und verdiente Niederlage gegen die Niederlande für eine radikale Frischzellenkur: Süle, Kehrer, Gnabry, Schulz, Sané gegen Frankreich. Da gab es zwar eine ungerechte Niederlage, aber dafür guten, frischen, schnellen Fußball, der Hoffnung macht.

Zweifellos großes Potential

Es ist bedauerlich, dass die tatsächliche Einsicht und die Abkehr vom bisherigen System erst kam, als das Vorrunden-Aus amtlich und der Abstieg in die Gruppe B der Nations League besiegelt war. Nun besteht eine gute Chance, mehr aus dem zweifellos großen Potential der aktuellen DFB-Generation und den kommenden Jahrgängen zu machen. Die EM-Qualifikation für das Turnier 2020 muss auch dafür genutzt werden. Löw muss zeigen, dass er diese Aufgabe noch einmal bewältigen kann.   

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 29. August 2018 um 13:24 Uhr.

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