Die italienische Flagge | AFP

EM-Halbfinale Italien - Spanien Die Ruhe vor dem Jubelsturm

Stand: 06.07.2021 13:42 Uhr

Heute treffen zwei Fußball-Giganten im EM-Halbfinale aufeinander: Italien und Spanien. Die Italiener können den Auftritt ihrer "Squadra Azzurra" kaum erwarten. Der eigentliche Star der Mannschaft wird nicht auf dem Platz stehen.

Von Jörg Seisselberg, ARD-Studio Rom

Die Piazza del Popolo am Vorabend: Die beiden Großbildleinwände sind noch schwarz, über das Public-Viewing-Areal schlendern wenige Einheimische und Touristen. Geht es nach den Italienern, dann ist dies die Ruhe vor dem Jubelsturm. Bis zu 2000 Fans können hier heute Abend in der Innenstadt von Rom das Halbfinale gegen Spanien sehen.

Jörg Seisselberg ARD-Studio Rom

Alessandro ist ein 18 Jahre alter Abiturient aus Rom, in seinen Augen sieht man Vorfreude: "Wir werden hierher kommen und hoffentlich gemeinsam feiern. Was unsere Mannschaft bislang leistet, ist großartig, es ist einfach wunderschön."

Die dunklen Covid-Monate vergessen

Er ist verzückt von den bisherigen EM-Auftritten der "Squadra Azzurra". Mit ihrem frischen, offensivfreudigen Fußball lässt sie Italien derzeit die dunklen Covid-Monate vergessen.

Nicht nur Alessandros gleichaltriger Freund Niccolò träumt bereits vom ganz großen Triumph: "Sehr, sehr viel erwarte ich von dieser Mannschaft, auf die wir wahnsinnig stolz sind. Wir hoffen, dass wir am Ende den Pokal in die Höhe strecken können."

Das ist eine Begeisterung, die sich durch alle Bevölkerungs- und Altersschichten zieht. Der 62 Jahre alte Graziano aus Latina spaziert über die Piazza del Popolo, auch er versprüht jugendlichen Optimismus: "Ich erwarte große Sachen von dieser italienischen Mannschaft, dass sie das Finale erreicht. Alle erwarten wir das."

"Einfachheit, Fröhlichkeit und Spaß am Spiel"

Drei Kilometer Luftlinie entfernt, in der Nähe des Bahnhofs Termini, sitzt Ivan Zazzaroni in seinem Büro im sechsten Stock der Redaktion des "Corriere dello Sport" und schmunzelt.

Der Chefredakteur der renommierten Sportzeitung sagt, er könne die derzeitige Begeisterung der Italienerinnen und Italiener für ihre Nationalmannschaft nachvollziehen: "Es ist eine Mannschaft, die so sehr geliebt wird, weil sie das umsetzt, was ihr Trainer vermittelt: Einfachheit, Fröhlichkeit und Spaß am Spiel. Das kommt bei den Menschen an."

Eine geliebte Mannschaft

Eine italienische Nationalmannschaft - über Jahrzehnte auf Ergebnisfußball gedrillt -, die auf einmal die Leichtigkeit des fußballerischen Seins entdeckt.

"Seit 2006, als Italien das letzte Mal Weltmeister wurde", berichtet Zazzaroni, "erleben wir nicht diese Emotionen. Aber die Mannschaft von 2006 wurde nicht so geliebt wie diese. Damals schwang der Calciopoli-Skandal mit, die Mannschaft war stark von Spielern von Juventus Turin geprägt. Jetzt kommen die Spieler von überall her, von Neapel bis Sassuolo. Diese Mannschaft ist sehr viel demokratischer."

Mancini ist der eigentliche Star

Von der Qualität der einzelnen Spieler her sei die italienische Mannschaft nicht unbedingt überragend, erklärt Zazzaroni. Nur Torwart Gianluigi Donnarumma und Mittelfeldregisseur Marco Verratti seien Topspieler. Mit Roberto Mancini aber habe Italien den besten Nationaltrainer seiner Geschichte.

Mancini sei der eigentliche Star der Mannschaft, die Italien träumen lässt: "Hoffen wir, dass es hilft, einen Turbo im Land zu zünden, um wieder zu beginnen", meint Zazzaroni. "Ich will jetzt nicht davon reden, dass Italien Europameister wird, weil das Unglück bringt. Aber das, was wir bislang erlebt haben, ist derart schön, dass wir es vervollständigen sollten. Halbe Sachen sind nicht angenehm."

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 06. Juli 2021 um 12:50 Uhr.