Interview

FIFA-Präsident Joseph Blatter

FIFA-Experte Kempe im Interview "Ohne Blatter passiert nichts"

Stand: 27.05.2015 17:53 Uhr

Fallen die Festnahmen und die Durchsuchungen in der FIFA-Zentrale auf dessen Präsident Blatter zurück? FIFA-Experte Robert Kempe erklärt im Interview mit tagesschau.de, wie der Weltfußballverband organisiert ist und warum der Präsident fest im Sattel sitzt.

tagesschau.de: Die Festnahmen von FIFA-Funktionären gehen auf US-Behörden zurück - warum wird gerade dort ermittelt?

Kempe: Es geht um Unregelmäßigkeiten bei der Vergabe von Medien-, Vermarktungs- und Sponsoringrechten bei der Austragung von Fußballturnieren. Man weiß, dass die Steuerbehörden und das FBI in den USA begonnen haben, gegen Chuck Blazer zu ermitteln. Er ist ehemaliges FIFA-Exekutivmitglied und Generalsekretär des CONCACAF, des Zusammenschlusses der amerikanischen und karibischen Fußballverbände. Blazer kooperiert nun mit dem FBI. Er soll verwanzt worden sein und bei den Olympischen Spielen 2012 in London Gespräche mit FIFA-Funktionären und Vertretern aus Russland und Katar geführt haben. Was dabei herausgekommen ist, wird nun scheibchenweise bekannt.

Zur Person

Robert Kempe hat zusammen mit seinem Kollegen Jochen Leufgens die ARD-Dokumentation "Der verkaufte Fußball - Blatter und die Macht der FIFA" gedreht. Mehrere Monate recherchierten die Sportjournalisten dafür im Umfeld des FIFA-Präsidenten.

"In der FIFA ist alles möglich"

tagesschau.de: Werden die Vorfälle die am Freitag anstehende Wahl des FIFA-Präsidenten beeinflussen?

Kempe: Mit normalem Menschenverstand würde man sagen, das muss ja Auswirkungen auf die Wahl haben. Aber in der FIFA ist alles möglich. Blatter saß vor dieser Sache so fest im Sattel wie nie. Er hat seinen Kopf immer wieder aus der Schlinge ziehen können. Die FIFA hat ja sofort nach den Festnahmen betont, dass Herr Blatter damit nichts zu tun hat. Wenn er am Freitag nicht gewählt wird, das wäre eine Überraschung. Aber wir wissen natürlich nicht, was da noch kommt. Es ist alles möglich. Wenn es eine Chance gibt, Blatter aus dem Amt zu hieven, dann war sie sicherlich noch nie so groß.

tagesschau.de: Kaum ein Mensch hierzulande hat ein positives Bild von Blatter, er wurde auch anderswo bei Veranstaltungen ausgebuht. Wer unterstützt ihn?

FIFA-Präsident Blatter gibt den WM-Ausrichter Katar bekannt.
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FIFA-Präsident Blatter gibt den WM-Ausrichter Katar bekannt.

Kempe: Blatter ist seit 40 Jahren in der FIFA, seit 17 Jahren Präsident und war Generalsekretär - er hat quasi jedes Amt inne gehabt, das es im Weltverband gibt, und kennt den Verband in- und auswendig. Er fing mit der Entwicklungshilfe im Weltfußballverband an und kennt dadurch jeden Verbandsvertreter in Afrika und der Karibik mit Namen. Er versteht es, sich auf die kleinen Länder zu konzentrieren, die auf die FIFA und ihre Geldzahlungen angewiesen sind. Solange die wissen, dass sie das Geld bekommen, so lange sind sie Blatter auch loyal. Im FIFA-Kongress, der den Präsidenten wählt, gibt es 209 Stimmen, allein 54 davon aus Afrika. Zum Vergleich: aus Europa sind es 53. Dieses System der Abhängigkeiten hat Blatter eingeführt, deswegen kann er sich ewig an der Macht halten. Er weiß genau, wie er das machen muss: Er gibt den Kleinen das Gefühl, genauso wichtig zu sein wie die Großen.

Unterstützung für Blatter

tagesschau.de: Aber in Europa hat er keinen Rückhalt

Kempe: Auch in Europa hat er Unterstützer. Viele Verbände in der UEFA stehen hinter ihm, da gibt es genug, die von ihm profitieren. Deutschland und England sind nicht so abhängig von FIFA-Geldern wie Montserrat in der Karibik mit 5000 Mitgliedern. Die haben aber ebenso wie der DFB genau eine Stimme. Das Thema Amtszeitbegrenzung bei der FIFA wurde mal angedacht, aber nie umgesetzt. Ähnliche Probleme gibt es übrigens auch bei anderen Sportverbänden.

tagesschau.de: Wie ist die FIFA aufgebaut?

Kempe: Die Kontrolle hat der Präsident inne und wie der sich kontrolliert, das zeigen die ganzen Skandale, mit denen er in Verbindung gebracht wird. So lange Sepp Blatter an der Spitze ist, hat er seinen Finger drauf. Man kann sich nicht vorstellen, dass etwas ohne das Wissen von Blatter passiert. Der FIFA-Vorstand besteht neben dem Präsidenten, der vom Kongress gewählt wird, aus den Vorständen. Diese werden von den jeweiligen Konföderationen gewählt, insgesamt sind es 24 Mitglieder im sogenannten Exekutivkomitee. Doch auch die Konföderationen gelten nicht als Vorbild in Sachen Transparenz, auch nicht die UEFA.

Jeffrey Webb
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Der festgenommene FIFA-Funktionär Jeffrey Webb.

tagesschau.de: Wie wird die FIFA auf die Vorfälle reagieren?

Kempe: Die FIFA hat ja als erstes auf der Pressekonferenz klar gemacht, dass Herr Blatter und der Generalsekretär nichts damit zu tun haben und dass das nicht den Termin der Wahl beeinflusst. Die wollen das erst einmal durchziehen. Aber Blatter muss sich ja irgendwie verhalten, das wird man sehen. Zuviel darf man von der FIFA aber nicht erwarten.

Beliebter Sport und verhasster Verband

tagesschau.de: Der Fußballverband steht schon länger in der Kritik, deshalb wurde eine Ethikkommission eingesetzt unter Leitung des Anwalts Michael J. Garcia. Damit sollte den Korruptionsvorwürfen begegnet und Transparenz geschaffen werden. Gab es Konsequenzen?

Kempe: Der Bericht ist nicht veröffentlicht worden, man weiß nicht, was da herausgefunden wurde. Das einzige, was öffentlich wurde, ist, dass die FIFA aus den Ergebnissen den Schluss zieht, dass die Weltmeisterschaften in Russland und Katar stattfinden können.

tagesschau.de: Warum gibt es keinen Aufstand der Fußballfans?

Kempe: Es gibt viele kritische Fans. Die FIFA hat nicht den besten Stellenwert, sie wird oft mit Korruption, Nepotismus und mafiösen Strukturen in Verbindung gebracht. Es gibt, glaube ich, niemanden, der im Fußball ein so schlechtes Image hat wie die FIFA. Das ist ja das surreale: Fußball ist so erfolgreich wie nie und der Weltverband hat die schlimmsten Imagewerte, die man sich vorstellen kann.

Das Interview führte Michael Stürzenhofecker

Philipp Sohmer, Journalist, zur Eröffnung des Strafverfahrens gegen die FIFA
tagesschau 12:00 Uhr, 27.05.2015

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