Frankreichs Fans jubeln vor der Achtelfinalpartie gegen Irland.

EM-Rückblick Huh-là-là

Stand: 11.07.2016 09:44 Uhr

Passé - die EM ist vorbei. Hinter uns liegen 30 Tage, die sich für einige anfühlten wie ein Traumsommer: Mit der Islandisierung des Abendlands, einem jesusgleichen Comeback und einer besonderen Trippeleinlage.

Von Anja Kelber, tagesschau.de

Am Anfang war die Angst. Vorbei die Zeiten, in denen ein Gallier nur eines fürchtet: dass ihm der Himmel auf den Kopf fällt. Im Juni 2016 hatte Frankreich größere Probleme: Trotz Gewerkschaftsstreiks und Terrorgefahr sollte die angeschlagene Grande Nation die Fußball-EM ausrichten. Mon dieu!

Hooligan-Gewalt zu Turnierbeginn

Nach 30 Tagen und 51 Spielen in zehn Stadien wissen wir: Es hat alles geklappt. Das ist die gute Nachricht. Die schlechte: Gewalt gab es trotzdem. In Marseille machten russische Hooligans Jagd auf Engländer, deutsche Hools prügelten sich unter der Reichskriegsflagge durch Lille.

Zum Fremdschämen war leider auch der deutsche Fanblock im Stadion: Sei es durch das dumpfe "Sieg", das von den Rängen donnerte, oder durch übles Verunglimpfen der Italiener. Sind das wirklich Fußballfans? Sind "die" eigentlich auch "wir"? Und wer ist überhaupt "wir"?

Singende Nordiren und "Ausrastersson"

Die EM ging friedlich weiter, und bleiben werden die Bilder von den echten Fußballfans: Von den Nordiren, die noch 20 Minuten nach Abpfiff in der Kurve standen und ihren Stürmer besangen. Von dem Flitzer, mit dem Superstar Cristiano Ronaldo geduldig Selfies schoss. Vom isländischen TV-Kommentator, der vor Begeisterung Geräusche machte wie ein Eichhörnchen auf Speed. Das Fußballmagazin "11 Freunde" nannte ihn "Ausrastersson" und fürchtete, der Vulkan Eyjafjallajökull würde wieder ausbrechen - "vor Schreck!"

Zwischen den Spielen war in Frankreichs Städten viel Zeit für Fussi-Folklore, denn diese EM-Gruppenphase war so lang wie keine vor ihr. Erstmals nahmen 24 Mannschaften teil, sodass dem Zuschauer die ersten zwei Wochen so vorkamen wie ein nicht enden wollender Traumsommer, in dem man sich irgendwann einfach mal einen Tag Regen wünscht. Aber nur einen!

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Trippel-trippel-trippel - alle Bälle fliegen hooch!

Egal bei welchem Wetter und mit welchen Fans, auch der Sport hatte große Momente bei dieser EM: Traumtore wie der spektakuläre Seitfallzieher des Schweizers Xherdan Shaqiri gegen Polen, Außenseiterträume wie der Halbfinaleinzug der Waliser und natürlich das Herzinfarkt-Elfmeterschießen zwischen Deutschland und Italien im Viertelfinale. Von dem wird neben Neuers Paraden wohl vor allem der skurrile Trippelschritt-Anlauf des Italieners Simone Zaza in Erinnerung bleiben: Trippel-trippel-trippel - alle Bälle fliegen hooch!

Und dann war da noch Jérôme Boateng. Nein, nicht die Wade, sondern dessen flugakrobatische Rettungstat im Spiel gegen die Ukraine und sein kurioses Handspiel im Viertelfinalspiel gegen Italien gerieten in rasanter Geschwindigkeit zum Internet-Meme: Boateng, der Lieblingsnachbar der Republik, in lauter lustigen Posen.

Rettungstat von Boateng im EM-Spiel gegen die Ukraine
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Rettungstat von Boateng im EM-Spiel gegen die Ukraine.

"Huh!" - Island erschreckt England

Gar nicht lustig fanden die Engländer die EM. Das Mutterland des Fußballs wurde diesmal vom kleinsten Teilnehmer aus dem Turnier geschnippt: Island. Mit Konzentration und Kampfgeist hatten sich die Nordmänner zuvor in die K.o.-Runde gekickt - und spätestens nach dem siegreichen Achtelfinale gegen ihre großen Vorbilder war klar: Hier findet gerade nichts Geringeres statt als die Islandisierung des Abendlands.

Angesichts der herrlichen Sommermärchenhaftigkeit brodelte fortan die Gerüchteküche: Das seien alles Amateure! (Stimmt nicht, alles Profis.) Zum ersten Mal bei einem großen Fußballturnier! (Unsinn, Islands Frauen waren schon zweimal bei der EM.) Die Hälfte aller Isländer sei gerade in Frankreich! (Es waren immerhin etwa neun Prozent der 334.400 Einwohner.)

Und musste ein Land mit einem so eindrucksvollen Fanritual wie dem "Viking Clap" (in die Hände klatschen und "Huh!" brüllen) und für das ein Stürmer namens Sigthorsson das Siegtor gegen England schoss, nicht unbedingt weiterkommen? Kann sein, doch der Fußballgott würfelt nicht, und im Viertelfinale hatte es sich ausgehuht: Gastgeber Frankreich beendete Islands Höhenflug leichten Fußes. Allerdings begingen "Les Bleus" danach den Fehler, deren viel bejubeltes Jubelritual zu klauen. Das kam gar nicht gut an, weder in Island noch im restlichen Europa.

Isländische Fans  nach dem Sieg gegen England
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Isländische Fans nach dem Sieg gegen England

Aus für Deutschland im Halbfinale

Sie taten dies übrigens im Halbfinale, um ihren Sieg gegen die deutsche Mannschaft zu begehen. Ja, Schweinsteigers Handspiel war unglücklich und das EM-Aus bitter, aber vielleicht auch lehrreich. Fazit der deutschen Mannschaft mag sein, dass der Zweck nicht die Mittel heiligt, wenn die Mittel zum Zweck werden. Sprich: Man kann das beste Kombinationsspiel des Turniers abliefern, den sichersten Keeper und den meisten Ballbesitz haben, doch wenn vorne keiner einen reinmacht, macht vorne keiner einen rein. (Für weitere Analysen fragen Sie bitte ihren Kioskbesitzer.)

Surprise, surprise!

Der größte Coup dieser an Überraschungen nicht armen EM gelang am Ende den Portugiesen. Die waren als Gruppendritter eher glücklich als gekonnt durchs Turnier gestolpert. Doch im Finale gegen den favorisierten Gastgeber Frankreich reichte Portugal ein Traumtor von Éder, um Europameister zu werden. Übrigens ohne seinen Superstar: Ronaldo hatte nach 25 Minuten verletzt den Platz verlassen - auf einer Trage und unter Tränen. Später kehrte er jesusgleich zurück, um als erster den Pokal in den Pariser Nachthimmel zu stemmen. Der war voll von Motten, die das Stade de France an diesem denkwürdigen Abend heimgesucht hatten. Und während Portugals Elf noch im Glitzerregen stand, schnippten sich traurige Franzosen Falter von den Nasen. Eine EM auszurichten ist das eine. Sie zu gewinnen etwas anderes.

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