Bundestrainer Joachim Löw gibt beim Training der deutschen Nationalmannschaft Anweisungen an Mats Hummels (l) und Thomas Müller. | dpa

EM-Kader Löws pragmatisches Ende des Umbruchs

Stand: 19.05.2021 16:02 Uhr

Der Kader von Joachim Löw ist ein deutliches Zeichen für das Ende des Umbruchs. Der Bundestrainer folgt pragmatisch der Logik, die besten Spieler zu berufen statt dogmatisch auf die Jugend zu setzen. Ein paar Fragen gibt es dennoch.

Von Marcus Bark

Bei den Torhütern fällt es sofort auf, dass die Position dreifach besetzt ist. Aber es gibt auch noch andere Positionen im Kader, die mehr als doppelt besetzt sind, denn es gibt Emre Can. Der durchlief in den vergangenen Wochen bei seinem Verein Borussia Dortmund und auch in der Nationalmannschaft alle Positionen in einer Abwehrkette, er spielte alleine im zentralen Mittelfeld oder auch mit der anderen Hälfte einer sogenannten Doppelsechs an seiner Seite.

Polyvalenz, wie das inzwischen heißt, ist einerseits gut. Andererseits auch ein Zeichen dafür, dass jemand seine feste Rolle sucht, auf der er ohne Zweifel die Nummer eins ist. In der deutschen Nationalmannschaft wird seit Jahren nach einer Nummer neun gesucht. Ein Mittelstürmer, abschlussstark, am besten noch kombinationssicher, mit Stärken im Kopfball. Also einer, wie es Miroslav Klose war.

Einer, der dem Typ nahekommt

Timo Werner ist ein anderer Typ, Serge Gnabry auch, Thomas Müller auch. Also hat Joachim Löw nach Frankreich geschaut und dort Kevin Volland entdeckt. Keine klassische Nummer neun, aber einer, der dem Typ nahekommt.

Die Nominierung des ehemaligen Leverkuseners, der bei der AS Monaco eine starke Saison spielte, ist schlüssig. Sein Manko: Er hat länger schon nicht mehr in der Nationalmannschaft gespielt, aber diese Manko teilt er mit einigen Kollegen. Christian Günter spielte bislang neun Minuten in der Eliteauswahl des DFB, das war im Mai 2014. Aber seine Form der vergangenen Wochen war so überragend, dass auch diese Berufung schlüssig ist.

Der deutsche EM-Kader
Spieler Verein
Torhüter
Manuel Neuer FC Bayern München
Bernd Leno FC Arsenal
Kevin Trapp Eintracht Frankfurt
Verteidiger
Mats Hummels Borussia Dortmund
Matthias Ginter Borussia Mönchengladbach
Antonio Rüdiger FC Chelsea
Robin Koch Leeds United
Christian Günter SC Freiburg
Niklas Süle FC Bayern München
Lukas Klostermann RB Leipzig
Marcel Halstenberg RB Leipzig
Robin Gosens Atalanta Bergamo
Emre Can Borussia Dortmund
Mittelfeld/Sturm
Joshua Kimmich FC Bayern München
Leon Goretzka FC Bayern München
Ilkay Gündogan Manchester City
Toni Kroos Real Madrid
Florian Neuhaus Borussia Mönchengladbach
Jonas Hofmann Borussia Mönchengladbach
Jamal Musiala FC Bayern München
Thomas Müller FC Bayern München
Kai Havertz FC Chelsea
Leroy Sane FC Bayern München
Serge Gnabry FC Bayern München
Timo Werner FC Chelsea
Kevin Volland AS Monaco

Ohne Not ohne Konkurrenz

An Thomas Müller und Mats Hummels führte kein Weg vorbei. Sie gehören in den Kreis der besten 26 deutschen Spieler. Dass Kylian Mbappé im Auftaktspiel an Hummels vorbeisprinten wird, ist kein Argument gegen den Dortmunder, denn es fehlt im deutschen Kader neben einer Nummer neun der höchsten Kategorie auch an Defensivspielern aus eben solcher. Daran hätte ein Jonathan Tah nichts geändert, auch kein Thilo Kehrer.

Dennoch bleibt die Frage, warum Joachim Löw den Verteidiger von Paris St. Germain nicht eingeladen hat in das Trainingslager, genau wie dessen Mannschaftskollegen Julian Draxler. Erst am 1. Juni muss der Bundestrainer seinen endgültigen Kader bei der UEFA melden. Da blieben zwar nur ein paar Tage, um sich ab dem 28. Mai in Seefeld anzuschauen, wer sich wie macht. Aber Konkurrenz schadet gewiss nicht, vor allem nicht, wenn Löw fordert: "Wir müssen im Training sofort die Intensität hochfahren."

Die Gewissheit, dass eine Einladung ins Trainingslager eine Teilnahme am Turnier garantiert, kann im Unterbewusstsein dazu führen, es ein bisschen langsamer angehen zu lassen.

Ü30 bildet die Achse

Für einen zunächst größeren Kader spricht auch der Umstand, dass vier Spieler verspätet nach Österreich reisen werden, da sie am 29. Mai noch das Finale der Champions League mit ihren Klubs FC Chelsea und Manchester City bestreiten werden. Toni Kroos, derzeit mit dem Coronavirus infiziert, könnte ein fünfter sein, der erst nachträglich anreisen kann.

Sollte Kroos gut durch die Infektionszeit kommen, wird er seinen Platz in der ersten Elf haben. Das hatte ihm Löw schon am Rand der Länderspiele im März versprochen. Neuer wird im Tor stehen, Müller und Hummels haben durch die Rückholaktion eine Garantie erhalten. Die Achse der deutschen Mannschaft, zu der auch Ilkay Gündogan zählt, wird daher Ü30 sein.

Musiala folgerichtig dabei

Der Umbruch, den der Bundestrainer nach der missratenen Weltmeisterschaft in Russland startete, ist abgeblasen. Volland, Günter und Jonas Hofmann, die überraschend nominiert wurden, sind jeweils 28 Jahre alt.

Nur ein Spieler ist im 21. Jahrhundert geboren. Jamal Musiala ist mit Abstand der Jüngste, seine Nominierung folgerichtig. Er zeigte beim FC Bayern und auch schon in der Nationalmannschaft, dass er außergewöhnliche Fähigkeiten besitzt, vor allem durch sein Tempo und seine enge Ballführung.

Musiala kann wichtig werden, um auf Rückstände zu reagieren; wenn der Gegner sich zurückzieht, um über Konter zum Erfolg zu kommen. Leroy Sané ist auch ein solcher Spieler. Kai Havertz und Timo Werner, dessen Leistungen wie bei kaum einem anderen vom Selbstbewusstsein (durch das Verwerten von Torchancen) abhängen, sind auch in der Lage, jeder gegnerischen Defensive Probleme zu bereiten. Aber das gilt bei nahezu jedem Gegner des Turniers auch umgekehrt.

Es passt - einfach

Joachim Löw wurde bei der Vorstellung des Kaders gebeten, sich auf eine Platzierung festzulegen. Er druckste verständlicherweise herum und sagte: "Eine Zielsetzung habe ich jetzt im Moment nicht ausgegeben. Wir zählen sicher nicht zu den Favoriten." Das ist nach Lage der Dinge eine vernünftige Einstellung. Sollte es wieder eine Enttäuschung geben, wird es kaum am Kader liegen. Über einzelne Spieler, etwa Lars Stindl wegen seiner Abschlussstärke, kann immer diskutiert werden. Aber das passt schon so. Nicht doppelt, nicht dreifach - es passt: einfach.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 19. Mai 2021 um 17:00 Uhr.