Kevin de Bruyne  (Belgien) jubelt | Bildquelle: dpa

WM-Halbfinale Das heimliche Endspiel

Stand: 10.07.2018 10:58 Uhr

Im ersten WM-Halbfinale trifft Belgien auf Frankreich - viele Beobachter sagen, hier werde bereits der eigentliche Weltmeister gekürt. Die Nachbarländer teilen viele Vorlieben, aber auch eine herzliche Abneigung gegeneinander.

Von Karin Bensch, ARD-Studio Brüssel

Bei diesem Spiel geht es nicht nur um Fußball und den WM-Titel. Es geht um viel mehr: um den Stolz zweier Nachbarn. Denn Belgier und Franzosen sind sich manchmal recht ähnlich und dann doch wieder grundverschieden.

In Hassliebe vereint

Frankreich, das sich selbst als "Grande Nation" bezeichnet, und Belgien häufig als kleine, hässliche Schwester betrachtet. Im Verhältnis zwischen den beiden Ländern sind viele Vorurteile und Klischees im Spiel. Was in Deutschland die Ostfriesen-Witze sind, sind in Frankreich die Belgier-Witze. Viele Franzosen belächeln die Belgier gern, stellen sie häufig als leicht vertrottelt dar.

Aufs Korn genommen werden sie etwa in der Filmkomödie "Nichts zu verzollen", in der sich belgische und französische Grenzbeamte gegenüber stehen - also Fritten gegen Camemberts. Der Franzose liebt es, den Akzent der französischsprachigen Belgier zu imitieren, und so zu übertreiben, dass die Sprache nur noch trampelig klingt.

Paul Pogba | Bildquelle: AP
galerie

Er ist einer der Superstars im französischen Team: Paul Pogba.

Antoine Griezmann | Bildquelle: dpa
galerie

Genau wie Antoine Griezmann.

Im wahren Leben nehmen sich die meisten Belgier nicht besonders ernst und auch nicht übermäßig wichtig. Die Frotzeleien der Franzosen empfinden viele Belgier allerdings arrogant und überheblich - und ärgern sich darüber. Im Film aber kontert der belgische Grenzbeamte. Die Franzosen lachen bei einem Witz gleich drei Mal. Wenn sie ihn erzählen, wenn sie ihn erklären, und, wenn sie ihn verstanden haben, sagt der Belgier.

"Rote Teufel" gegen "Les Bleus"

Mit dem Anpfiff heute Abend werden viele Gefühle mit im Spiel sein. Frankreich, der Weltmeister von 1998 gegen Belgien, das 1986 mit Platz vier seinen bislang größten WM-Erfolg feierte. Die blauen Franzosen gegen die roten Belgier.

Doch es gibt auch Gemeinsamkeiten: In beiden Mannschaften spielen viele Nachkommen von Einwanderern. Oft stammen ihre Vorfahren aus den früheren Kolonien. Frankreich bereicherte sich in vielen nordafrikanischen Ländern - etwa ein Drittel Afrikas südlich der Sahara hatten sie zeitweise unter ihrer Kontrolle - und anderen Regionen der ganzen Welt. Belgien dagegen plünderte Rohstoffe aus dem Riesenland Kongo, sowie aus Ruanda und Burundi. Mit dem Kautschuk aus Belgisch-Kongo konnten die französischen Brüder Michelin einen Weltkonzern für Gummireifen aufbauen.

Thierry Henry | Bildquelle: REUTERS
galerie

Thierry Henry wurde 1998 mit Frankreich Weltmeister - trainiert aber heute die Belgier.

Gemeinsame Leidenschaften

Belgien und Frankreich: Beide Länder lieben die Comic-Kunst. Aus Belgien kommen zum Beispiel Tim und Struppi, Lucky Luke und die Schlümpfe. Aus Frankreich stammen Asterix und Obelix. Menschen in beiden Ländern lieben gutes Essen, zum Beispiel Pasteten und Pralinen. Geteilt - allerdings unfreiwillig - wird auch der frühere Fußballstar Thierry Henry. Der Franzose ist heute Co-Trainer der belgischen Nationalelf. Manche behaupten, Frankreichs größter Gegner sitzt auf der belgischen Bank.

Das Nachbarschaftsduell Belgien gegen Frankreich dürfte ein Spektakel werden. Manche orakeln, es könnte das vorweggenommene Endspiel werden. Die Hoffnungen und Träume jedenfalls sind riesengroß - und zwar auf beiden Seiten.

WM-Halbfinale Belgien gegen Frankreich - viel mehr als nur ein Spiel
Karin Bensch, WDR Brüssel
10.07.2018 09:36 Uhr

Download der Audiodatei

Wir bieten dieses Audio in folgenden Formaten zum Download an:

Hinweis: Falls die Audiodatei beim Klicken nicht automatisch gespeichert wird, können Sie mit der rechten Maustaste klicken und "Ziel speichern unter ..." auswählen.

Über dieses Thema berichteten am 10. Juli 2018 NDR Info um 10:50 Uhr und tagesschau24 um 11:00 Uhr.

Darstellung: