Schlusslicht

Rolltreppe Prag Schlusslicht

Schlusslicht Prager Rolltreppentempoprobleme

Stand: 20.08.2009 17:55 Uhr

Es ist eines der letzten großen Abenteuer in Europas Großstädten: Eine Fahrt mit den Rolltreppen der Prager U-Bahn-Linie B. Mit neun Kilometern pro Stunde rasen sie zwischen Oberfläche und Bahnsteigen dahin - dreimal so schnell wie die EU erlaubt. Und so heißt es für die Prager Pendler bald: Mehr Zeit für schöne Gedanken.

Von Barbara Schmidt-Mattern, ARD-Hörfunkstudio Prag

Eigentlich ist Prag eine gemütliche Stadt: entspanntes Bummeln von einer Sehenswürdigkeit zur nächsten, und abends ein frisch gezapftes Bier in einer der zahllosen Kneipen. Gefahr lauert höchstens entlang der U-Bahn-Linie B. Deren Stationen sind berüchtigt für ihre rasenden, langen und steilen Rolltreppen.

Die Prager kennen das Problem: "Meine Mutter ist schon einmal hingefallen, als sie auf die Rolltreppe gestiegen ist", klagt eine Frau. "Und auch mit Kinderwagen ist es ein Riesenproblem. Wenn man schlecht auf die erste Stufe steigt, kann man mitsamt dem Wagen hinfallen. Meine Tochter hatte zwei Kinderwagen, und immer gab es Probleme!"

Einer anderen Pendlerin kann es allerdings nicht schnell genug gehen: "Das wäre schrecklich, wenn sie noch langsamer fahren würden. Dann braucht man ja noch länger. Man hetzt ohnehin schon ständig zur Arbeit und auch sonst wohin."

Prager U-Bahnhof
galerie

Prager U-Bahnhof

Viel schneller als die EU erlaubt

In manchen U-Bahn-Stationen rollt die Treppe mit sagenhaften neun Kilometern pro Stunde ans Tageslicht, das sind 2,5 Meter pro Sekunde. Der Europäischen Union ist dieses Tempo zu schnell. Laut EU-Richtlinie sind statt der neun nur etwa drei Kilometer pro Stunde erlaubt. Deshalb wollen die Prager Verkehrsbetriebe nun sämtliche Rolltreppen der Hauptstadt modernisieren und an die EU-Normen anpassen.

"An den Metrostationen mit sehr langen Rolltreppen wird sich das natürlich auf die Fahrtzeit auf der Treppe auswirken", räumt Sprecher Ondrej Peceni ein. "Ich wage jedoch zu behaupten, dass es deswegen keine Staus geben wird. Schließlich sind wir hier nicht in Asien, wo die Leute Schulter an Schulter stehen." Ob sie nun zu schnell oder zu langsam rollen, Beschwerden seien ihm nicht bekannt, beteuert er.

Petition für Erhalt der Sowjet-Treppen

Doch vielen Pendlern graut es jetzt schon. Die notorischen Links-Steher auf den Rolltreppen ertragen sie noch mit stoischer Gelassenheit, aber dass jetzt Baustellen und die Schließung ganzer U-Bahnstationen drohen, macht manche rasend: "Ich bitte Sie, fragen Sie in diesem Staat niemanden nach irgendetwas, hier macht doch sowieso jeder, was er will!"

55 veraltete Rolltreppen, die teils noch aus sowjetischer Produktion stammen, sollen bis zum Jahr 2015 abmontiert werden. 8000 Pendler und Geschäftsleute haben bereits eine Petition dagegen unterschrieben, doch es hilft nichts: Ende dieses Jahres werden die neuen Bauarbeiten voraussichtlich beginnen. Der Umbau kostet die Prager Verkehrsbetriebe rund 2,8 Millionen Euro. Und die Fahrgäste viel Zeit.

Zeit für schöne Gedanken

Die EU-Richtlinie zum gedrosselten Rolltreppentempo kennen nur die wenigsten. Mindestens einem Prager Pendler tut die Europäische Union allerdings einen Gefallen: "Ich mag es unheimlich gerne, wenn ich meine Ruhe habe. Die Rolltreppen sollen ruhig langsamer fahren, denn das zwingt einen zum Nachdenken. Nicht nur über schöne Frauen, sondern auch darüber, was man zu Hause vergessen hat. Im menschlichen Leben ist die Zeit so relativ und wer darüber nachdenkt, der weiß, wie relativ das ist."

Darstellung: