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Schlusslicht

Bollywood feiert Jubiläum 100 Jahre Weltflucht à la Indien

Stand: 03.05.2013 13:01 Uhr

Vor 100 Jahren wurde der erste Kinofilm in Indien gedreht. Heute entstehen in der Traumfabrik Bollywood jährlich mehr Streifen als in den USA und Europa zusammengerechnet. Millionen Inder haben einen Traum: hier zu landen, in diesen Studios zu arbeiten. Denn Kino, das ist in Indien wie eine Religion, und die Filmstars sind die Götter. Ein Besuch bei aufstrebenden jungen Schauspieler in Mumbai.

Kai Küstner

Von Kai Küstner, ARD-Studio Neu Delhi

"And Action!": Eine Traumwelt auf Zelluloid entstehen zu lassen, bedeutet zunächst einmal harte Arbeit. Hier, in der Filmstadt Mumbais, werden an Dutzenden Sets Serien, Daily Soaps und natürlich die weltberühmten Bollywood-Schinken gedreht.

Eines Tages wollen hier auch Jessica und Shalin vor der Kamera stehen. Aber sie wissen: Es gibt mehr als 1,2 Milliarden Inder - und ungefähr 1,2 Milliarden von denen haben den selben Traum. "Film ist eine Religion hier", erklärt Shalin. "Wir drehen in Indien mehr Streifen als Amerika und Europa zusammengerechnet. Indien ist religiös sehr vielfältig, aber Bollywood verbindet uns alle. Es gibt Tempel, die Filmstars gewidmet sind. Das macht es nicht leichter für uns..."

Fassade des Imperial Cinema im indischen Mumbai | null

Mal gemalt, mal geklebt: Plakate an der Fassade des Imperial Cinema in Mumbai

Und Jessica ergänzt: "Nachdem man den ganzen Tag hart gearbeitet hat, ist der Film doch die beste Unterhaltung. Man kauft ein Kinoticket, sitzt in einem gekühlten Raum und genießt. Wer will also nicht da auf der Leinwand zu sehen und der Held sein?"

Am Fuße des indischen Film-Olymps

Shalin hat es genau wie Jessica immerhin schonmal geschafft, einen Platz sozusagen am Fuße des indischen Film-Olymps zu bekommen: Beide lernen an der einzigen Schule auf dem Gelände der Traumstadt, "Whistling Woods" heißt sie. Unterrichtet wird in allen wichtigen Fächern: Schauspiel, Regie, Drehbuch. Jeder weiß: Wer in Bollywood vor die Kamera will, muss tanzen können. "Wir haben Tanz- und Akrobatikunterricht und Yoga, das hilft sehr", sagt Jessica.

Statue des indischen Bollywood-Stars Dev Anand in Mumbai | null

Verehrung allerorten: Indische Mädchen mit einer Statue des Bollywood-Stars Dev Anand in Mumbai

Einer, der es bereits geschafft hat in dieser auf der Leinwand so tänzelnd-spielerisch-leicht erscheinenden, aber in Wahrheit brutal harten Filmwelt, ist Somnath Sen. Er ist Regisseur und Lehrer an der Schule. Es gab mal eine Zeit, so Sen, da dachte er: "Vielleicht kann ich keine guten Filme machen, weil mir die Angst fehlt? Ich komme aus einer stinknormalen Mittelschicht-Familie. Mein Vater hat nicht meine Mutter im Suff umgebracht. Ist es schwer, es nach oben zu schaffen? Ja klar, es ist sehr eng an der Spitze."

Bislang hat Hollywood in Indien gegen Bollywood keine Chance: 97 Prozent der Zuschauer strömen in die per Air Condition gekühlten Theater, um einen indischen Film zu sehen - einen, der europäischen Kinogängern oft bombastisch, aber flach vorkommt, gibt Sen unumwunden zu: "In Indien hat der Film das traditionelle Volkstheater ersetzt, was wirklich ausschließlich zur Unterhaltung gedacht war. Das Mainstream-Kino in Indien hat vor allem mit Vergnügung, mit Weltflucht zu tun. Man kann es nicht im Entferntesten als Kunst bezeichnen."

"Mach aus der Frau 'nen Mann!"

Die Schauspielschüler Jessica und Shalin wissen das alles. Sie wissen aber auch, dass es mittlerweile eine ganze Reihe von alternativen Produktionen gibt, die Themen aufgreifen, die der Gesellschaft auf der Seele brennen. Eine Schauspielerin hat es aber immer noch schwerer als ein männlicher Kollege: "Bollywood behandelt seine Frauen wie Dreck", sagt Regisseur Sen. "Ich schäme mich dafür. Filme verkaufen sich wegen der männlichen Hauptdarsteller. Anders als in den USA, wo für Meryl Streep oder Jodie Foster Drehbücher geschrieben werden. Ich war mal in der Situation, in der ich zwei Frauen als Hauptdarstellerinnen hatte. Da hat der Produzent gesagt: mach aus einer einen Mann und sorge dafür, dass sie eine Affäre haben."

Eingang des Imperial Cinema in Mumbai, Indien | null

Das Imperial Cinema im indischen Mumbai öffnete 1905 seine Tore.

Das mobile Kino "Anoup Touring Talkies" | null

Derzeit macht in Mumbai "Anoup Touring Talkies", ein mobiles Kino, Station.

Falls das mit der Karriere nicht klappt, hält sich nicht nur Jessica eine Hintertür in ein anderes Berufsleben offen. Sie hat bereits ein Psychologiestudium hinter sich. Aber mindestens ein Hobby soll die Schauspielkunst für sie und auch für Shalin sicher bleiben. Genauso wie ein traumloser Schlaf als gesundheitsgefährdend gilt, ist doch auch ein traumloses Leben eigentlich wenig wert.

Dieser Beitrag lief am 3. Mai 2013 um 05:22 Uhr im Deutschlandradio Kultur.