Symbolbild: Eine Pflegekraft läuft einen Krankenhausflur entlang | WDR / dpa

Nordrhein-Westfalen Intensivmediziner: Krankenhäuser im Corona-Blindflug

Stand: 15.01.2022 14:04 Uhr

Omikron ist inzwischen die vorherrschende Corona-Variante. Trotz milderer Verläufe befürchten Mediziner aber für die nächsten Wochen eine hohe Belastung der Krankenhäuser - nicht nur auf den Intensivstationen.

Die Zahl der Corona-Infektionen in Deutschland ist deutlich gestiegen: Die Inzidenz lag am vergangenen Samstag (8.1.22) bei 336 und an diesem Samstag schon bei 497. Gleichzeitig ist Omikron inzwischen die vorherrschende Variante - und diese Variante sorgt für mildere Krankheitsverläufe als bei der bisher dominierenden Variante Delta. Was bedeutet diese veränderte Lage für die Entwicklung in den Krankenhäusern?

Lage in den Krankenhäusern unklar

Intensivmediziner Christian Karagiannidis | privat/Christian Karagiannidis

Intensivmediziner Christian Karagiannidis Bild: privat/Christian Karagiannidis

Es gebe in Deutschland keinen tagesaktuellen Überblick darüber, wie viele Corona-Patienten insgesamt in den Krankenhäusern sind, kritisiert Christian Karagiannidis von der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI): "Das ist ein gewisser Blindflug."

Zwar erhebt die DIVI mit ihrem Intensivregister tagesaktuell die Zahl der Corona-Patienten auf den Intensivstationen. Demnach hat sich die Lage etwas entspannt. Erstmals seit zwei Monaten ist die Zahl der Corona-Intensivpatienten auf unter 3.000 gesunken. Für die Normalstationen gebe es keine solche Erhebung, kritisiert Karagiannidis, der wissenschaftlicher Leiter des Intensivregisters ist.

Intensivmediziner-Vereinigung fordert bessere Patientenerhebung

Die Hospitalisierungsrate des RKI, die einen Überblick über die insgesamt ins Krankenhaus eingewiesenen Patienten geben soll, sei zu ungenau: Die Daten würden per Fax an die Gesundheitsämter und dann an das RKI weitergeleitet und seien deshalb zeitverzögert.

Karagiannidis fordert ein tagesaktuelles Register auch für die Normalstationen. Die Krankenhäuser müssten die Daten an die Krankenkassen melden: "Die Krankenkassen sind die einzigen in Deutschland, die die Daten zusammenführen können." Die Kassen müssten die Daten dann anonymisiert der Wissenschaft und der Öffentlichkeit zur Verfügung stellen, so Karagiannidis.

Er sieht die Politik jetzt am Zug: Sie müsse das per Gesetz regeln. In Dänemark, Israel und den USA beispielsweise würden solche Zahlen schon erfasst.

Durch Omikron hohe Belastung der Normalstationen befürchtet

Möglich ist, dass wegen der milderen Verläufe bei Omikron ins Krankenhaus eingewiesene Patienten vermehrt auf der Normal- und nicht auf der Intensivstation behandelt werden. Auf den Normalstationen müssten jetzt Isolierbereiche eingerichtet werden, so Karagiannidis. Außerdem könnten Mitarbeiter in den nächsten Wochen wegen eigener Corona-Infektionen, Quarantäne oder Kinderbetreung ausfallen-

Laut DIVI-Präsident Gernot Marx ist auch unklar, wie sich die Lage auf den Intensivstationen entwickeln wird: Bei der Delta-Variante seien etwa 0,8 Prozent der Inzifierten intensivmedizinisch behandelt worden.

Selbst wenn der Anteil bei Omikron sinke, könne es auf den Intensivstationen bald wieder voller werden, so Marx. Im Moment seien nämlich vor allem junge Menschen unter 35 mit Omikron infiziert: "Diese bilden deutlich seltener einen schweren Verlauf aus als ältere Menschen, sind also noch nicht oder nur vereinzelt Patienten auf unseren Intensivstationen."

Quelle: wdr.de