Teilnehmende einer Demonstration gegen das Infektionsschutzgesetz tragen ein Schild mit der Aufschrift: Nein zur Corona-Diktatur. | AFP / Paul Zinken

Nordrhein-Westfalen Selbsthilfegruppe: Tochter von Corona-Leugner erzählt

Stand: 14.01.2022 14:12 Uhr

Sarahs Vater glaubt an Verschwörungsmythen: Das Coronavirus sei eine Erfindung, und Impfen mache krank. Nun haben Sarah und ihr Freund Tim aus Bochum eine Selbsthilfegruppe für Angehörige sogenannter Querdenker gegründet. Ein Interview.

Sarah und ihr Freund Tim treffen sich in den Räumen der Bochumer Selbsthilfe-Kontaktstelle mit deren Leiterin Dorothée Köllner. Christoph Grotepass von der Sekten-Info in Essen stößt auch dazu. Sarah und Tim heißen in Wirklichkeit anders. Ihre richtigen Namen wollen sie nicht öffentlich machen, um sich selbst und auch ihre Gruppe zu schützen. Sarah erzählt dem WDR, wie es zu der Selbsthilfegruppe kam.

WDR: Sarah – was genau gab den Ausschlag für die Idee mit der Selbsthilfegruppe?

Vier Personen sitzen an einem Tisch | WDR/Andrea Groß

"Nicht mit Fakten argumentieren" Bild: WDR/Andrea Groß

Sarah: Ich telefoniere regelmäßig mit meinem Vater. Zuletzt endete das immer mit Schreierei auf beiden Seiten. Aber das eine Mal war es so krass, dass mir richtig Angst wurde. Einen Aneinanderreihung aller Stereotypen. "Das ist ja wie im Holocaust!", "Wir leben in einer Diktatur!", "Wir leben im Bürgerkrieg" und immer so weiter. Ich habe das Gespräch abgebrochen. Das war nicht mein Vater. Dann habe ich zwei Stunden geheult. Ich hatte das Gefühl, gerade meinen Vater verlorenen zu haben. Tim hat sofort gegoogelt, wer uns helfen könnte. Bei der Sekteninfo in Essen haben wir uns dann super aufgehoben gefühlt.

WDR: Warum? Was haben die gesagt?

Sarah: Das war ein bisschen wie einen uralten Freund treffen. Es war, als ob Christoph Grotepass meinen Vater schon ewig kennt und uns auch. Das hat uns sofort wieder ein bisschen Power gegeben. Und die praktischen Ratschläge waren echt Gold wert und haben auch super gewirkt.

WDR: Nämlich?

Sarah: Auf jeden Fall vermeiden, mit Fakten zu argumentieren. Lieber auf der emotionalen Ebene bleiben. Fragen: "Warum denkst du das, wovor genau hast du Angst?" Und sich bloß nicht am Trennenden festbeißen, sondern die Gemeinsamkeiten suchen. Und ganz wichtig: Grenzen setzen. Wenn das Gespräch wieder auf das unvermeidliche Thema kommt: "Du, darauf habe ich jetzt gerade gar keine Lust." Und das wirkt. Nicht immer, aber häufig eben doch, und das hat dazu geführt, dass ich meinen Vater auch wieder selbst anrufe. Vorher bin ich manchmal gar nicht mehr drangegangen.

WDR: Und diese Erfahrung wollt ihr jetzt in der Selbsthilfegruppe weitergeben?

Aufnahme der Demo. | WDR

Gegner der Corona-Impfung in Münster Bild: WDR

Sarah: Genau. Aber nicht nur das. Wir waren ziemlich erschüttert, als wir rausgefunden haben, dass es so etwas in ganz NRW noch nicht gibt. Wenn man die Berichte über die "Spaziergänge" oder die Anti-Corona-Demos sieht – das sind tausende von Menschen! Und jeder hat Ehepartner, Eltern, Kinder, Geschwister. Es muss doch mega-viele betroffene Angehörige geben. Und mit denen wollen wir darüber reden, welche Strategie die in welcher Situation fahren. Wir wollen denen aber überhaupt auch einen Rückzugsraum bieten. Unser "Problem" ist einige hundert Kilometer entfernt - manche haben es aber in der gleichen Wohnung und können ihm nicht ausweichen.

WDR: Und wie ist die Resonanz auf eure Initiative?

Sarah: Die Gruppe ist voll, und es gibt eine Warteliste. Anmeldungen sind auch aus Köln und Duisburg dabei. Wegen Corona treffen wir uns erst einmal im Netz. Aber ich denke, dass wir bald schon Ableger in anderen Städten haben werden. Das ist uns auch ein Anliegen: Dass wir die Konstellation mit der Selbsthilfegruppen-Kontaktstelle bekannter machen. Die gibt es in jeder Stadt, die haben Erfahrung, die haben Infrastruktur, die helfen einem weiter.

Das Interview führte Andrea Groß.

Quelle: wdr.de