Aufkleber 30 % billiger auf einer Packung Fleisch vom Discounter | imago images/mhphoto

Nordrhein-Westfalen Aus für Lebensmittel-Ramschpreise? - "Wenig durchdacht"

Stand: 27.12.2021 17:41 Uhr

Bundeslandwirtschaftsminister Cem Özdemir (Grüne) hat Ramschpreisen für Lebensmitteln den Kampf angesagt. Klingt gut. Wenn es da bloß nicht ein großes ABER gäbe …

Es geht um den Erhalt der bäuerlichen Betriebe. Aber auch den Schutz der Umwelt. Und um mehr Tierwohl. Damit das alles funktioniert, muss Nahrung teurer werden, findet Bundeslandwirtschaftsminister Cem Özdemir (Grüne). Ramschpreise für Lebensmittel sollten der Vergangenheit angehören, sagte er sinngemäß der "Bild am Sonntag".

Ein Anliegen, das eigentlich jeder und jede unterschreiben könnte. So sieht es auch Niklas Fantasia, Geschäftsführer der Tafel Bochum & Wattenscheid e.V. Seine Hilfsorganisation verkauft zu einem symbolischen Geldbetrag Nahrungsmittel an Leute, die Wohngeld, Sozialhilfe, Hartz IV oder eine Grundsicherung bekommen.

  • Özdemir will gesündere Ernährung und höhere Lebensmittelpreise

Gute Lebensmittel muss man sich auch leisten können

Fantasia sagte dem WDR zu dem Vorstoß von Özdemir: "Nett gedacht, aber wenig durchdacht." Denn Menschen müssten es sich auch finanziell leisten können, für gute Lebensmittel mehr Geld auszugeben. Und dies sei längst nicht bei jedem oder jeder der Fall.

Gesunde Ernährung sei "extrem wichtig", betonte Fantasia. Gerade auch für Kinder. Es gehe nicht an, dass Fast Food-Produkte unter dem Strich günstiger seien als frische Ware. Dieser Effekt könnte sich künftig noch einmal verstärken. Womöglich bliebe vielen eher Ärmeren nichts anderes übrig, noch einmal verstärkt zu Fast Food zu greifen, wenn die Preise für frische Lebensmittel drastisch stiegen.

Ökologisches und Soziales ist nicht trennbar

Sollte es tatsächlich dazu kommen, dass die Preise für Nahrung zum Schutz der Umwelt und der bäuerlichen Betriebe anziehen, müsse dies mit einer deutlichen Erhöhung der Regelsätze für Sozialhilfeempfänger einhergehen, forderte Fantasia.

Damit schloss er sich der Position des Geschäftsführers des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes, Ulrich Schneider, an. Schneider hatte der "Welt" gesagt, man könne Ökologisches und Soziales nicht trennen. "Es geht nur ökosozial, sonst verliert man die Unterstützung der Bevölkerung", so Schneider.

  • Wohlfahrtsverband besorgt über teure Lebensmittel

Hartz-IV-Empfänger haben fünf Euro pro Tag für Nahrung

Der Kölner Armutsforscher Prof. Christoph Butterwegge sagte dem WDR: "Für Hartz-IV-Empfängerinnen und -Empfänger wäre es fatal, wenn die Pläne von Özdemir eins zu eins umgesetzt würden, ohne dass eine finanzielle Kompensation für sie erfolgt."

Zu bedenken sei, dass Hartz-IV-Empfängern aktuell pro Tag gerade einmal fünf Euro für Nahrungsmittel zur Verfügung hätten. Auch die geringfügige Anhebung der Hartz-IV-Sätze ab Januar 2022 bringe nicht viel.

Tierschutzbund: "Kein Recht auf das tägliche Stück Billigfleisch"

Rückenwind für sein Vorhaben erhält Özdemir indes vom Deutschen Tierschutzbund. "Ramschpreise verhindern ein Mehr an Tierschutz", betonte Präsident Thomas Schröder. Tierbestände müssten reduziert und das Angebot an pflanzlichen Alternativen weiter ausgebaut werden.

"Man kann den Menschen ihre Ernährungsweise nicht diktieren, aber es gibt auch kein Recht auf das tägliche Stück Billigfleisch auf dem Teller. Tiere haben einen Wert, nicht nur einen Preis."

Quelle: wdr.de