Gesundheitsminister Lauterbach beim Impfen | Reuters/ Fabian Bimmer

Nordrhein-Westfalen Omikron: Darum ist die Sorge vor der fünften Corona-Welle so groß

Stand: 17.12.2021 21:03 Uhr

Weihnachten steht vor der Tür. Und mit dem Fest wohl auch die fünfte Corona-Welle. Denn die Variante Omikron verbreitet sich rasant - und ist laut Politik und Wissenschaft nicht aufzuhalten.

Was für gute Nachrichten: Die Zahl der Neuinfektionen ist in den vergangenen Tagen deutlich gesunken und Deutschland boostert wie ein Weltmeister. Mehr als 1,5 Millionen Impfungen am Mittwoch, 1,24 Millionen am Donnerstag.

Doch das Robert Koch-Institut warnt: Die vierte Corona-Welle ebbt zu langsam ab. Und die nächste ist schon in Sichtweite: Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) erwartet "eine massive fünfte Welle". Krankenhäuser, Intensivstationen und Gesellschaft müssten sich auf eine große Herausforderung einstellen, "die wir in dieser Form noch nicht gehabt haben", sagte Lauterbach.

Ähnlich sieht es auch NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann. Aufhalten könnte man die neue Variante "aller Wahrscheinlichkeit nach nicht". Die Ausbreitung könne nur verzögert werden.

Wie haben sich die Zahlen bisher entwickelt?

In NRW hatte es Mitte letzter Woche 23 Omikron-Fälle gegeben. Doch seither ist die Zahl sprunghaft angestiegen, sagte CDU-Politiker Laumann am Freitag. 607 Fälle gibt es nun, die bereits nachgewiesen sind oder bei denen ein Verdacht durch PCR-Test besteht.

Und die Zahlen sind nicht vollständig. Ausgerechnet in der Millionen-Metropole Köln wurden in der vergangenen Woche fast täglich zu geringe Fallzahlen gemeldet. Teilweise musste die Inzidenz von einem Wert von 290 auf eine Zahl jenseits der 500 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner und Woche hochkorrigiert werden.

Weitet man den Blick auf Europa, lassen sich vielerorts starke Anstiege beobachten:

  • In Schottland geht bereits mehr als die Hälfte der Corona-Infektionen auf die Omikron-Variante zurück. Das Land werde von einem "Tsunami" an Infektionen getroffen, sagte Regierungschefin Nicola Sturgeon.
  • Auch in Dänemark ist Omikron stark verbreitet. Die Regierung will das öffentliche Leben einschränken: Theater, Kinos, Museen schließen.
  • Im Vereinigten Königreich nehmen Experten eine Verdopplung der Fallzahl alle zwei bis drei Tage an, womöglich sogar noch schneller.

Welche Entwicklungen werden erwartet?

Nach Einschätzung der EU-Gesundheitsbehörde ECDC dürfte Omikron bereits in den ersten beiden Monaten 2022 zur dominierenden Variante in Europa werden. Im Vergleich zu Großbritannien habe Deutschland sogar ein großes Problem, warnte der Berliner Virologe Christian Drosten: Hierzulande sind viele Menschen über 60 ungeimpft.

Der Intensivmediziner Uwe Janssens prognostiziert gegenüber dem WDR, man werde eine Verdopplung bis Verdreifachung der Zahlen in kürzester Zeit sehen. Janssens blickt mit "großer Sorge" auf die Festtage. Er befürchtet Engpässe in der medizinischen Versorgung. Denn Krankenhausmitarbeiter könnten - auch wenn sie schon geimpft sind - von dem "hochansteckenden Virus erfasst werden".

Können Booster-Impfungen die Welle brechen?

Erste Daten deuten darauf hin, dass die Impfstoffe bei der Omikron-Variante weniger wirksam sind. Aber: Beim geboosterten Teil der Bevölkerung sei die Übertragungswahrscheinlichkeit immerhin verringert, sagt Dirk Brockmann. Er ist Professor am Institut für Biologie der Humboldt-Universität Berlin. Allerdings sei dieser Zustand nicht dauerhaft.

Die Virologin Sandra Ciesek von der Uniklinik Frankfurt warnt davor, sich bei der Maßnahmen-Diskussion nur auf die Booster-Kampagne zu konzentrieren. Dies würde nicht reichen, weil der Schutz wieder nachlasse.

Das bedeutet aber nicht, dass die Booster nutzlos sind. Ganz im Gegenteil: Sie schützten vor schweren Verläufen, betont Intensivmediziner Janssens. Doch in der akuten Situation reicht unser Impfstoff nicht aus. Laut Janssens werde man nicht schnell genug ausreichend Impfungen machen können. "Wenn wir sie nicht haben, müssen wir andere Maßnahmen ergreifen."

Welche Maßnahmen werden nun debattiert?

In Niedersachsen hat Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) schon eine Weihnachts- und Neujahrsruhe vom 24. Dezember bis 2. Januar angeordnet mit Kontaktbeschränkungen und 2G-Plus in nahezu allen Lebensbereichen. Intensivmediziner Jannsens fordert, über bundesweite Kontaktbeschränkungen zumindest nachzudenken - "am besten sogar eher, bevor wir überrollt sind als dann mittendrin", sagte der Epidemiologe Hajo Zeeb dem WDR.

Diese Forderung wirft insbesondere für Kinder und ihre Eltern die Frage auf, ob Schulen wieder geschlossen werden könnten. Laut Bundesbildungsministerin Bettina Stark-Watzinger (FDP) soll dies nur das letzte Mittel möglicher Corona-Maßnahmen sein.

Bundesgesundheitsminister Lauterbach setzt vorerst auf einen Appell. Mit Blick auf Festtags-Reisen solle man nach dem Grundsatz vorgehen: "Wir schützen uns gegenseitig." Jeder sollte sich vorher testen lassen oder selbst testen - bevorzugt mehrfach. Der Minister machte deutlich, dass vor allem für Menschen ohne Booster-Impfung besondere Vorsicht geboten sei.

Lauterbach erwartet noch eine Stellungnahme des neuen Corona-Expertenrats. Sie soll vor Weihnachten kommen - und Grundlage "wichtiger Entscheidungen sein, die wir im Bezug auf Omikron zu treffen haben".

Quelle: wdr.de