Kinder im Jemen zeigen ihre Dokumente, um eine Essensration zu erhalten (13.04.2017) | dpa / Hani Mohammed

Nordrhein-Westfalen Konflikte, Wirtschaftskrisen und Klimawandel sorgen für mehr Hunger auf der Welt

Stand: 14.10.2021 12:09 Uhr

Das Ziel der Vereinten Nationen, den Hunger bis 2030 zu besiegen, schien mal greifbar. Doch Kriege, der Klimawandel und die Corona-Pandemie haben die Lage weltweit wieder verschlechtert, sagt Mathias Mogge, Generalsekretär der Welthungerhilfe.

WDR: Wenn es wie jedes Jahr nun einen neuen Welthunger-Index gibt, bedeutet das, dass die Anstrengungen der Vergangenheit vergeblich waren?

Mathias Mogge, Generalsekretär der Welthungerhilfe | Christoph Papsch

Mathias Mogge, Generalsekretär der Welthungerhilfe Bild: Christoph Papsch

Mathias Mogge: Vergeblich nicht. Aber wir versuchen ja, den Status des Hungers jedes Jahr abzubilden. Und deswegen bringen wir den praktisch jedes Jahr wieder neu raus. Und wir haben ja über viele Jahre durchaus kontinuierlich auch Verbesserungen in der Hungerbekämpfung gesehen. Im Moment muss man aber leider sagen, dass sich der Trend umkehrt. Der Hunger nimmt wieder zu.

WDR: Sie sagen, der Trend kehrt sich um, das heißt es sah mal besser aus. Welche messbaren Erfolge gab es denn in der Vergangenheit?

Mogge: Der Index bildet ja vier Indikatoren ab: die Anzahl der unterernährten Menschen; die Kinder, die ausgezehrt sind, also massive Unterernährung haben; die Wachstumsverzögerung haben und die Kindersterblichkeit bei Kindern unter fünf Jahren. Daraus bildet sich der Welthunger-Index. Und da können wir leider sehen, dass es bei fast allen Indikatoren - natürlich nicht überall auf der Welt –, aber dass es in einigen Ländern tatsächlich zu Verschlechterungen kommt.

WDR: Wenn man aber aufgrund der Erfolge der Vergangenheit weiß, was hilft und was helfen würde, warum ist denn der Hunger nicht längst weltweit ausgerottet?

Mogge: Weil drei Faktoren maßgeblich zur Verschlechterung dieser Hungersituation beitragen: Das sind einmal die steigende Anzahl von Konflikten weltweit. Der Klimawandel, der immer immer stärker zeigt, welche gravierenden Auswirkungen er hat, Und wirtschaftliche Krisen, zuletzt ausgelöst durch die Covid 19 Pandemie. Das sind die drei Hauptfaktoren, die Haupt-Hungertreiber weltweit.

WDR: Gibt es neben diesen Faktoren, die Sie eben genannt haben, auch noch so Sonderfaktoren wie etwa Corona? Oder ich nenne mal ein ganz anderes Beispiel so etwas wie die Heuschreckenplage in Ostafrika?

Mogge: Also wir wissen, dass zum Beispiel die Heuschreckenplage in Ostafrika letzten Endes auch Klimawandel induziert ist. Und auch Covid 19 selber hat jetzt nicht unmittelbar zu einem Anstieg des Hungers geführt, sondern die Auswirkungen über die Lockdowns, über den Verlust von Arbeitsplätzen, viele Tagelöhner haben ihre Arbeit verloren, die Transportwege für Nahrungsmittel auf Märkte sind unterbrochen worden, steigenden Nahrungsmittelpreise, das sind sozusagen die Auswirkungen von Covid. Und diese Auswirkungen zusammen haben dazu geführt, dass in vielen Ländern tatsächlich Hunger, aber auch extreme Armut angestiegen ist.

WDR: Wenn ich Sie richtig verstanden habe wird das ganz große Thema der nächsten Jahre die Klimakrise werden. Die hat eine derartige und noch dazu eine globale Dimension, dass da wahrscheinlich mit einzelnen Aktionen oder noch so hohen Spenden kaum etwas auszurichten wäre. Was braucht man da?

Mogge: Wir fordern zunächst mal eine wirklich ganz klare Umsetzung des Pariser Abkommens, aber auch jetzt bei den anstehenden Verhandlungen in Glasgow bei der Cop 26 wirklich verbindliche Vereinbarungen, die dann auch umgesetzt werden und vor allen Dingen, die auch mit einer entsprechenden Finanzierung unterlegt werden. Das ist eine globale Anstrengung. Das kann kein Land alleine machen. Aber ich glaube, alle haben mittlerweile wohl mitbekommen, dass wir schon nach zwölf sind und deswegen die Anstrengung wirklich erheblich erhöhen müssen, wenn wir dem Klimawandel Einhalt bieten wollen. Wir wissen auch, dass wird nicht von heute auf morgen gehen. Der Klimawandel wird wahrscheinlich noch eine ganze Weile fortschreiten. Aber wir müssen trotzdem jetzt eben unsere Anstrengungen erhöhen, um den Klimawandel einigermaßen in den Griff zu bekommen.

WDR: Es gab mal das Ziel, daran erinnere ich mich noch, "Zero Hunger by Twenty-Thirty", also kein Hunger mehr bis zum Jahr 2030. Sie sind ja trotz aller Probleme offenkundig Optimist. Gibt es dann also im Jahr 2031 den Abschlussbericht? Das war der Kampf gegen den Hunger und er ist gewonnen und beendet? 

Mogge: Ich habe tatsächlich immer noch die Hoffnung, und deswegen appellieren wir auch so heftig und so laut immer wieder an die Weltgemeinschaft: Haltet euch an das, was ihr vereinbart habe in der Agenda 2030, in der Formulierung der globalen Entwicklungsziele "Zero Hunger bis 2030". Das ist ein Versprechen, das die Weltgemeinschaft abgegeben hat. Wir sehen uns da als zivilgesellschaftliche Organisation berufen, die Regierung immer wieder daran zu erinnern. Das ist unser Auftrag sozusagen und deswegen sagen wir das so vehement. Es ist möglich, wir kennen die Rezepte. Wir wissen, wie es geht. Aber es braucht auch den politischen Willen. Die Politik muss entsprechend Geld in die Hand nehmen und es müssen die Lösungen, die es dafür gibt, auch endlich umgesetzt werden.

WDR: Als das Ziel formuliert wurde, war von Corona und Klimakrise in diesem Ausmaß noch keine Rede. Muss man die Jahreszahl revidieren?

Mogge: Damals war davon keine Rede. Wir wissen allerdings, um noch mal auf die Konflikte als einer der Haupttreiber von Hunger zurückzukommen, dass immer dann, wenn es große wirtschaftliche Krisen gegeben hat, in der Vergangenheit denken wir an die Ölkrise, denken wir an die Finanzkrise und Covid jetzt eben auch, hat das zu vermehrten Konflikten geführt in unterschiedlichen Ländern der Welt und wir wussten immer, dass damit auch ein Anstieg des Hungers eng zusammenhängt. Insofern appellieren wir eben auch da an die Politik, alles dafür zu tun, wirklich neue Initiativen rauszubringen, um diese unerträglichen Konflikte, unter denen so viele Menschen zu leiden haben, zu beenden.

Das Interview führte Andreas Teska.

Quelle: wdr.de