Beim betanken eines Flugzeugs läuft Kerosin aus. | ddp images/Marcus Scheidel

Nordrhein-Westfalen Klimaneutrales Kerosin: Wendepunkt für den Flugverkehr?

Stand: 04.10.2021 14:40 Uhr

Ein Langstreckenflug ganz ohne CO2-Emissionen - das klingt weit entfernt. Im Emsland eröffnet heute die weltweit erste Produktionsstätte für klimaneutrales Kerosin.

Im niedersächsischen Werlte ist am Montag eine Anlage zur Herstellung von CO2-neutralem Kerosin eröffnet worden, nach Angaben der Betreiber die weltweit erste ihrer Art. Die neuartige Anlage produziert Kerosin nicht wie üblicherweise aus Erdöl, sondern aus Wasser und Strom, den Windräder aus dem Umland liefern.

Außerdem werden Abfall-CO2 aus Lebensmittelresten einer Biogasanlage sowie CO2 aus der Umgebungsluft verwendet. Anfang 2022 soll dort der Regelbetrieb starten. Erster Kunde ist die Lufthansa.

Bundesregierung will Kerosin sauberer machen

Um den ökologischen Fußabdruck bei Flugreisen deutlich zu senken, ist der Einstieg in "grünes Flugbenzin" eine Art Meilenstein. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) kam aber nicht - weder mit dem Auto noch mit dem Hubschrauber. Sie sendete ein Grußwort zur Eröffnung.

Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD) kam ins entlegene Emsland. "Damit Deutschland bis 2045 Klimaneutralität erreicht, muss auch der Luftverkehr seinen Beitrag leisten", sagte Schulze. Ab 2026 müssen in Deutschland mindestens 0,5 Prozent des Flugkraftstoffes aus "Power to Liquid"-Kerosin bestehen. 2030 steigt die Beimischungsquote auf zwei Prozent.

Genauer Beitrag des Flugverkehrs zum Klimawandel unklar

Wie hoch der Anteil des weltweiten Flugverkehrs am menschengemachten Klimawandel ist, lässt sich nicht eindeutig beziffern. Das Bundesumweltamt ging 2019 von 5 Prozent aus, eine aktuelle Studie mit Beteiligung des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR) sieht den Anteil bei 3,5 Prozent.

Dass es einen Effekt gibt, ist jedoch unter Fachleuten unbestritten. Laut DLR hat der Luftverkehr zwischen 1940 und 2018 32,6 Milliarden Tonnen CO2 ausgestoßen, ungefähr die Hälfte davon in den letzten 20 Jahren.

Anlage produziert täglich lediglich eine Tonne Kerosin

Der Einsatz von CO2-neutralem Kerosin könnte helfen, die Klimabilanz im Flugverkehr zu verbessern. Allerdings liegt bis dahin noch ein sehr weiter Weg vor der Branche. Denn wenn die Anlage in Werlte nächstes Jahr läuft, soll dort täglich etwa eine Tonne Rohkerosin produziert werden.

Zum Vergleich: Ein einziger Transatlantik-Flug von Frankfurt nach New York in einem Airbus A380 verbraucht circa 115 Tonnen Kerosin.

"Müssen nicht auf große Ölkonzerne warten"

Mojib Latif | dpa

Mojib Latif Bild: dpa

Der Klimaforscher Mojib Latif, der dem Projekt als Schirmherr vorsteht, betonte, dass eine Umstellung der weltweiten Wirtschaft auf Alternativen zu fossilen Brennstoffen dringend geboten sei. "Dies gilt auch für die Luftfahrt", erklärte Latif. "Die Gesellschaft ist bereit für entschiedene Schritte. Wir müssen beim Klimaschutz nicht auf die großen Ölkonzerne warten."

Klimaschutzorganisation Atmosfair produziert Kerosin

Betrieben wird die Anlage im Emsland von der Klimaschutzorganisation Atmosfair, die sich sich seit Jahren dem Flugverkehr widmet. Bekannt wurde sie durch freiwillige CO2-Kompensationen wie etwa den Klimaschutzbeitrag, bei dem Flugpassagiere einen Betrag entrichten, der dem verflogenen CO2 entspricht. Dieser wird dann eingesetzt, um weltweit den Ausbau von erneuerbaren Energien voranzubringen.

Greenpeace: Klimaneutraler Kraftstoff allein reicht nicht

 Flugzeug am Himmel, dahinter Kondensstreifen | dpa

Kondensstreifen: Sie zeichnen den Himmel, wenn das Flugzeug schon längst weg ist. Bild: dpa

Auch bei Greenpeace begrüßte man die Eröffnung der Produktionsstätte. Klimaneutraler Kraftstoff alleine könne jedoch nicht das Klimaproblem der Airlines lösen, sagte der Greenpeace-Verkehrsexperte Benjamin Stephan. Zwei Drittel des Klimaschadens entstehe durch Kondensstreifen in großer Höhe. Flüge innerhalb Deutschlands und auf kürzeren europäischen Strecken sollten daher umgehend ausgesetzt werden. Dafür müsse sich die nächste Bundesregierung einsetzen.

Quelle: wdr.de