Wahlen zum Bundestag - Briefwahlunterlagen | picture alliance / Eibner-Pressefoto

Nordrhein-Westfalen So verändert die Briefwahl die Arbeit von Wahlforschern

Stand: 25.09.2021 06:00 Uhr

Die Briefwahl ist beliebt wie nie. Doch für Wahlforscher bedeutet sie zusätzliche Herausforderungen. Was macht das mit den Zahlen, die am Wahlabend um 18 Uhr präsentiert werden?

Von Christian Wolf

Um Punkt 18 Uhr am Wahlabend passieren zwei entscheidende Dinge gleichzeitig: Die Wahllokale schließen. Und die Meinungsforscher veröffentlichen ihre Prognosen zum Wahlausgang. Die Prognose für ARD und WDR erstellt kommt von Infratest Dimap.

In den Wochen und Monaten vor der Wahl gibt es viele Meinungsumfragen, in deren Zentrum die sogenannte Sonntagsfrage steht: "Wenn am nächsten Sonntag Bundestagswahl wäre, wem würden Sie Ihre Stimme geben?"

Die Datenerhebung für die 18-Uhr-Prognose am Wahltag läuft anders, nämlich direkt vor den Wahllokalen. Es handelt sich also nicht um einen Stimmungstest, sondern um die Frage: "Wen haben Sie gewählt". Was aber, wenn viele Wahlberechtigte per Brief abstimmen und vor keinem Wahllokal mehr auftauchen? Stefan Merz, Direktor für Wahlen bei Infratest Dimap, bleibt trotzdem cool.

Übrigens: Die Hochrechnungen am Wahlabend sind wieder etwas anderes: Sie basieren auf den tatsächlich ausgezählten Stimmen.

WDR: Bei der Bundestagswahl wird mit einem neuen Rekordwert bei der Briefwahl gerechnet. Welchen Anteil erwarten Sie?

Stefan Merz: Es wird auf jeden Fall der höchste Briefwähleranteil sein, den wir bisher bei einer Bundestagswahl hatten. Wie hoch der genau sein wird, lässt sich zum jetzigen Zeitpunkt aber nicht abschätzen. Der Briefwähleranteil hängt ja nicht nur davon ab, wie viele Menschen Briefwahl beantragen und dann auch per Brief teilnehmen. Man muss auch die Gesamtwahlbeteiligung kennen, um dann einen Briefwähleranteil berechnen zu können. Wie hoch die Wahlbeteiligung ausfallen wird, werden wir erst am Wahlsonntag wissen.

WDR: Für die Prognose am Wahlabend um 18 Uhr befragen Sie immer Wählerinnen und Wähler vor den Wahllokalen. Die Briefwähler finden Sie dort aber nicht. Wie gehen Sie damit um?

Dr. Stefan Merz, Direktor Wahlen bei Infratest dimap | Infratest dimap

Stefan Merz ist Direktor Wahlen bei Infratest dimap Bild: Infratest dimap

Merz: Unsere 18-Uhr-Prognose versucht immer, das Gesamtergebnis einer Wahl möglichst genau zu treffen. Dazu müssen wir natürlich auch das Wahlverhalten der Briefwähler berücksichtigen. Wir können dazu nicht auf Befragungen vor den Wahllokalen zurückgreifen, das ist richtig. Aber wir lernen viel aus der Vergangenheit, wir haben Informationen aus Vorwahlerhebungen und wir ermitteln am Wahltag, wie sich der Anteil der Briefwähler im Wahlgebiet verteilt. Diese Informationen können wir in unsere mathematischen Modelle einspeisen und kommen so zur 18-Uhr-Prognose.

WDR: Wird die Aussagekraft der Prognosen durch den wachsenden Briefwähleranteil geschwächt?

Merz: Die Aussagekraft der Prognose ist dadurch nicht prinzipiell beeinträchtigt. Allerdings wird unsere Arbeit sicherlich auch nicht leichter durch die steigende Briefwahl. Es kann durchaus sein, dass die Abweichungen zum späteren Endergebnis vielleicht etwas größer ausfallen oder dass sich die Zahlen im Verlaufe des Wahlabends etwas stärker bewegen als zum Beispiel bei der letzten Bundestagswahl. Aber das muss nicht so sein. Bei der jüngsten Landtagswahl in Sachsen-Anhalt sind wir zum Beispiel ganz gut mit dieser Herausforderung fertig geworden.

WDR: Auch vor der Pandemie wurde die Briefwahl immer häufiger genutzt. Warum ist das so?

Merz: Die beiden Hauptgründe sind sicherlich der Komfort und ein Gewöhnungseffekt. Für viele Menschen ist es einfach viel praktischer, das im Vorfeld zu Hause zu erledigen, als genau am Wahlsonntag zwischen 8 und 18 Uhr ins Wahllokal zu gehen. Und wer einmal diesen praktischen Weg genutzt hat, wird ihn auch bei weiteren Wahlen eher nutzen. Zudem ist unsere Gesellschaft insgesamt viel mobiler geworden in den letzten Jahrzehnten und daher sind mehr Menschen als früher am Wahltag nicht in ihrem Heimatort.

WDR: Gibt es Gruppen, die die Briefwahl stärker nutzen als andere?

Merz: Grundsätzlich wird Briefwahl von allen Bevölkerungsgruppen intensiv genutzt. Unter den Briefwählern überdurchschnittlich vertreten sind oft die älteren Wählerinnen und Wähler. Hier spielen sicherlich der Komfort und oft auch gesundheitliche Einschränkungen eine Rolle. Zum anderen nutzen junge mobile Menschen häufig die Briefwahl, weil sie viel unterwegs sind.

  • Immer mehr Briefwähler in Großstädten

WDR: Machen Sie persönlich Briefwahl?

Merz: Ja, ich mache immer Briefwahl, da ich mich den ganzen Wahltag im ARD-Wahlstudio mit unserer Wählerbefragung und den Berechnungen für die 18-Uhr-Prognose beschäftige.

WDR: Aber als Wahlforscher würden sie sich wünschen, dass mehr Menschen in den Wahllokalen ihre Stimme abgeben, damit ihre Arbeit leichter wird?

Merz: Das wäre ein schöner Nebeneffekt. Aber in erster Linie würde ich mir das aus einem anderen Grund wünschen: Der Gang ins Wahllokal am Wahltag ist ja eigentlich so etwas wie das Hochamt der Demokratie. Es würde dem gesellschaftlichen Zusammenhalt sicherlich gut tun, wenn daraus ein großes Bürgerfest der Demokratie mit möglichst großer Beteiligung werden würde. Am wichtigsten bleibt aber, dass möglichst viele Bürgerinnen und Bürger von ihrem Wahlrecht Gebrauch machen - ganz gleich ob im Wahllokal oder per Brief.

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In Bildern erklärt: So funktioniert die Briefwahl

Quelle: wdr.de