Getötete Delfine liegen am Strand auf den Färöer-Inseln. | AP/Sea Shepherd

Nordrhein-Westfalen Delfinetöten auf den Färöer-Inseln: "Leicht, sich darüber zu empören"

Stand: 15.09.2021 21:50 Uhr

Tausende Delfin-Kadaver, blutgetränktes Wasser: Die Bilder des Massentötens auf den Färöer-Inseln verstören viele. Doch brutalen Umgang mit Tieren gibt es in allen Gesellschaften - auch bei uns.

"Der Mensch ist, was er isst": Dieser Spruch des Philosophen Ludwig Feuerbach stammt aus dem 19. Jahrhundert, aber er ist an einem Tag, an dem viel über menschliche Grausamkeiten diskutiert wird, vielleicht sogar aktueller denn je. Fragen an den Soziologen Marcel Sebastian, der seit Jahren über die Beziehung zwischen Menschen und Tieren forscht.

  • Massentötung von Delfinen vor Färöer-Inseln

WDR: Auf den Färöer-Inseln wurden am Wochenende mehr als 1.400 Delfine ins flache Wasser getrieben und abgeschlachtet. Diese blutigen Bilder schockieren seit Jahren, doch die Einwohner halten an dieser Tradition aus dem 16. Jahrhundert fest. Warum sind diese Bräuche so stark?

Marcel Sebastian im Portrait. | Universität Hamburg

Soziologe Marcel Sebastian Bild: Universität Hamburg

Marcel Sebastian: Das sind kulturelle Praktiken, über die Menschen ihre kollektive Identität herstellen. In jedem Land und in jeder Gesellschaft gibt es solche verbindenden Rituale, und da spielt die Jagd oder die lokale Fleischproduktion oft eine große Rolle.

WDR: Inwieweit ist die Sympathie gegenüber dem Tier entscheidend?

Sebastian: Delfine haben nun mal einen ganz großen Sympathiewert, und sie gehören in den meisten Teilen der Welt nicht zu den klassischen Schlachttieren. Hätte es sich um Rinder, Schweine oder Hühner - sprich: unsere klassischen Schlachttiere - gehandelt, wäre die Reaktion wahrscheinlich nicht so heftig ausgefallen.

WDR: Ob Stierkampf in Spanien, Hahnenkämpfe in Mexiko oder Massentöten auf den Färöer: Warum sind diese Traditionen oft so grausam?

Der französische Stierkämpfer Sebastian Castella neben einem Stier bei einem Stierkampf im Rahmen des San Fermin Festivals. | dpa/AP/Alvaro Barrientos

Stierkampf: Ein "Relikt aus vormoderner Zeit" Bild: dpa/AP/Alvaro Barrientos

Sebastian: Es handelt sich oft um Relikte aus Zeiten vor der Moderne, also vor der Aufklärung und dem Liberalismus. Gewalt gegen Tiere war früher weitaus alltäglicher und sichtbarer. Heute erscheint uns das als Bruch mit unserem kulturellen Selbstverständnis. Wir nutzen Tiere, aber eben meist im Verborgenen. Praktiken wie der Stierkampf oder das Töten von Walen und Delfinen, die sich quasi an den Rändern des Mensch-Tier-Verhältnisses abspielen, geraten in Verrruf, während andere weitgehend normalisiert sind.

Über allem steht hier die Frage: Was sind die Grenzen dessen, was wir als Gesellschaft im Umgang mit Tieren akzeptieren? Es ist natürlich leicht, sich über das Delfinschlachten der Färöer zu empören, da es für einen selbst keine praktischen Konsequenzen hat. Ich muss mein eigenes Verhalten nicht ändern. Wenn ich dagegen kritisch gegenüber der industriellen Tierhaltung bin und beispielsweise Kastenstände, Ferkelkastration und Kükenschreddern ablehne, sieht das ganz anders aus.

WDR: Was muss passieren, um solche Traditionen zu überwinden? So gab es im Rheinland lange Streit um Pferde bei Karnevalsumzügen, in Bonn sind sie inzwischen verboten.

Pferde bei einem Karnevalsumzug | WDR / Jan Knoff

Pferde beim Umzug: Eine bald überwundene Tradition? Bild: WDR / Jan Knoff

Sebastian: Ähnlich ist es mit dem Gänsereiten im Ruhrgebiet, das haben auch viele Vereine inzwischen aufgegeben, weil die öffentliche Kritik zu groß wurde. Dahinter steckt ein kultureller Wandel, für die Mehrheit der Gesellschaft sind solche Praktiken nicht mehr akzeptabel, worauf sie früher oder später verschwinden.

WDR: Das heißt, um das Delfintöten zu beenden, muss sich die Gesellschaft der Faröer wandeln?

Sebastian: Nicht unbedingt, denn wir leben ja in einer Weltgesellschaft, in der sich die Kulturen nicht mehr weitgehend isoliert voneinander entwickeln. Wir sind eng vernetzt, da werden solche Vorfälle international wahrgenommen und auch kritisiert. Die Jagd auf Wale und Delfine wird seit Jahrzehnten heiß diskutiert, das betrifft auch Island, Japan oder Norwegen. Dadurch kann das Image eines Landes sinken, was dann wieder Auswirkungen auf die Wirtschaft und den Tourismus haben kann. Wenn dieser Druck dann zu groß wird, gibt es wenig Gegenmittel, diese Praktiken aufrecht zu erhalten. Allerdings muss man das als Prozesse sehen, die mehrere Jahre oder Jahrzehnte dauern können.

WDR: Dieses Tier esse ich, mit jenem habe ich Mitleid und empöre mich: Wie kommt diese Unterscheidung zustande? Kann ich mein Bodenhaltungs-Frühstücksei essen und mich gleichzeitig über die Bilder aus den Färöern aufregen?

Abtransport von Schweinehälften auf einem Schlachthof | picture alliance / Fotoagentur K

Industrielle Fleischproduktion: Geduldetes Schlachten Bild: picture alliance / Fotoagentur K

Sebastian: Die Wahl, welche Tiere wir als Gesellschaft als Schlachttiere definieren und welche eher nicht, beruht nicht auf biologischen Fakten, sondern auf sozialen und kulturellen Konstruktionen. Da gibt es eine gewisse Inkonsistenz zwischen der Kritik an den Färöern und der Tatsache, dass die Mehrheit der Menschen tierische Produkte konsumiert, die womöglich noch industriell produziert wurden. Dieser Konflikt wird jedoch durch eine zunehmende Zahl an Menschen problematisiert. Ein Wandel ist im Gange.

Das Interview führte Ingo Neumayer.

Quelle: wdr.de