Fluss-Landschaft in Afghanistan | WDR / mauritius images

Nordrhein-Westfalen Afghanistan-Konflikt: Wie konnte es so weit kommen? Ein Rückblick

Stand: 17.08.2021 21:16 Uhr

Seit Jahrzehnten befindet sich Afghanistan im Kriegszustand. Sowjetische Panzer, US-Militär - und immer wieder die Angst und Schrecken verbreitenden Taliban. Die Geschichte eines zerrütteten Landes.

Von Nina Magoley

Betrachtet man Afghanistan auf der Satellitenkarte, sieht man vor allem eins: Menschenleere, trockene Weite, unendlich viele Berge, kaum größere Orte. Im Schnitt 57 Menschen leben dort auf einem Quadratkilometer - in Deutschland sind es mehr als vier Mal so viele.

Noch im 19. Jahrhundert lag die Gegend quasi besitzlos zwischen Persien und den Kolonialmächten Russland und Britisch Indien. Und dennoch: Mindestens seit einem halben Jahrhundert wird dieses karge Stück Land heftig umkämpft - von den Großmächten der Welt.

In einem ausführlichen Dossier informiert die Bundeszentrale für politische Bildung über die Geschichte und die Konflikte in Afghanistan.

Was interessiert die Mächtigen an Afghanistan so sehr?

Es sind vor allem strategische Interessen: Schon im 19. Jahrhundert wollte sich Russland den Zugang zum Indischen Ozean sichern, um einen eisfreien Hafen zu besitzen. Die Briten wiederum wollten eine Vergrößerung des russischen Zarenreichs verhindern und gleichzeitig ihr Empire von Indien aus erweitern.

Später interessierten sich andere Länder und internationale Investoren für den Flecken wegen seiner reichen Bodenschätze, aber vor allem als Transitland für Gas- und Öl-Pipelines aus Turkmenistan in Richtung Indischer Ozean.

Der Einmarsch der Sowjetunion 1979 wurde unter anderem damit begründet, dass die afghanische Regierung Hilfe gebraucht hätte im Kampf gegen die Widerstandskämpfer im Land. Die sowjetische Regierung wollte außerdem verhindern, hieß es, dass die feindliche NATO ihr zuvor käme - und damit der Sowjetunion sehr nah.

Zehn Jahre russische Truppen in Afghanistan

Panzer in Formation, 07.01.1980: Sowjetische Panzer sind hinter der Radio- und Fernsehstation von Kabul aufgefahren. | akg-images

1980: Sowjetische Panzer in Kabul Bild: akg-images

Im Dezember 1979 zogen sowjetische Truppen nach Afghanistan ein. Doch viele der - oft sehr gläubigen - Afghanen mochten die neuen, kommunistischen Besatzer nicht. Unter den Gläubigen formierten sich mehr und mehr Widerstandskämpfer. Sie nannten sich Mudschahidin und riefen den Jihad, den heiligen Krieg, gegen die "gottlosen" Kommunisten aus. Waffen und Geld bekamen sie vor allem von den USA und Saudi-Arabien. Organisiert wurde der Widerstand vom pakistanischen militärischen Geheimdienst Inter Services Intelligence (ISI).

In Genf unterschrieben 1988 schließlich die ehemaligen Feinde Afghanistan und Pakistan eine Art Friedensabkommen. Die sowjetischen Truppen sollten bis 1989 das Land verlassen. Weil die Mudschahidin das Abkommen aber nicht akzeptierten und weiter angriffen, ordnete die Sowjetunion schon 1988 den sofortigen Rückzug ihrer Truppen an. Über eine Million Afghanen waren bis dahin in dem Krieg gestorben, auf sowjetischer Seite gab es nach offiziellen Angaben über 26.000 Tote.

Seit wann agieren die Taliban in Afghanistan?

Ab 1992 hatten die Mudschahidin die Macht im neu ausgerufenen "Islamischen Staat Afghanistan" übernommen. Aber von Frieden war das Land immer noch weit entfernt. Ein neuer, brutaler Bürgerkrieg begann. 1996 lag Kabul in Schutt und Asche, Afghanistan befand sich ohne Regierung im Chaos - ein unübersichtliches Sammelsurium von kleinen Parteien, lokalen Stammesführern und Milizen.

Schon im Herbst 1994 hatten die sogenannten Taliban die Stadt Kandahar und Teile des Landes im Süden und Südwesten eingenommen. Jetzt wagten sie sich gezielt weiter vor. In wenigen Monaten hatten sie Südafghanistan unter Kontrolle, 1996 gehörte ihnen schließlich auch Kabul im Nordosten des Landes. Die Taliban erklärten Afghanistan - genau wie 2021 wieder - zum "Islamischen Emirat".

Aufnahme von Frauen die eine Burka tragen | dpa/AFP

Die Burka wurde unter den Taliban zur Pflicht Bild: dpa/AFP

Nach Berichten der Vereinten Nationen gingen die Taliban äußerst brutal dabei vor, ihre Auslegung des Islam durchzusetzen. Sie richteten demnach systematisch Massaker unter der Zivilbevölkerung an. Frauen durften ihre Häuser nur in Ganzkörperverschleierung und männlicher Begleitung verlassen, Musik, Sport, Bilder und Fernseher wurden verboten. Die meisten Schulen und Universitäten mussten schließen.

Wer sind die Taliban?

Das Wort "Taliban" kommt aus der Paschtu-Sprache und bedeutet "Studenten". Tatsächlich waren es Studenten, die als afghanische Flüchtlinge an Schulen der islamistischen Partei Jamiat Ulema-e-Islam in Pakistan gelernt hatten. Sie waren vor dem Krieg mit den sowjetischen Besatzern in ihrer Heimat geflohen.

Anfang der 1990er Jahre, nach dem Abzug der sowjetischen Truppen, kehrten viele aus Pakistan zurück und schlossen sich zur Taliban-Bewegung zusammen.

Angeleitet wurden sie dabei vom pakistanischen Geheimdienst ISI (Inter-Services Intelligence): Pakistan wollte nach dem Abzug der Sowjets, dass in Kabul eine pro-pakistanische Regierung an die Macht kommt. Dafür rekrutierten sie die afghanischen "Studenten" und baute die "Taliban" zu einer schlagkräftige Miliz auf.

Was hat 9/11 mit Afghanistan zu tun?

Porträt von Osama bin Laden | WDR

Jahrelang gesucht: Osama bin Laden Bild: WDR

Anfang 2001 wurde der Widerstand in der afghanischen Bevölkerung gegen die Taliban und ihre brutale Herrschaft immer stärker. Millionen Menschen waren auf der Flucht. Am 11. September 2001 rasten zwei Flugzeuge in die Türme des World Trade Centers in New York und brachten sie zum Einsturz. Fast 3.000 Menschen starben. Ein Terroranschlag, die Täter standen schnell fest: Das Terrornetzwerk Al-Qaida, Verbündete der Taliban. Der Anführer, Osama Bin Laden, bekannte sich zu der Tat.

Der damalige US-Präsident George W. Bush schwor Rache, und die USA marschierten in Afghanistan ein. Ihr Ziel: Osama Bin Laden. Mithilfe der sogenannten Nordallianz, einem Zusammenschluss von Talibangegnern, eroberten US-Militärs schnell größere Teile des Landes. Die Taliban zogen sich vorerst in die unübersichtlichen Bergregionen des Landes zurück.

Noch im selben Jahr verabredeten Vertreter verschiedener afghanischer Gruppierungen mit dem "Petersberger Abkommen" in Bonn einen Plan zur Demokratisierung des Landes und die Bildung einer provisorischen Regierung mit dem späteren Präsidenten Hamid Karzai als Vorsitzendem.

Welche Rolle spielte Deutschland?

Die Vereinten Nationen bekamen außerdem die Aufgabe, eine internationale Schutztruppe in Afghanistan zu stationieren, die International Security Assistance Force (ISAF). Schulen, Straßen und Krankenhäuser sollten wieder aufgebaut werden. Mit rund 3.500 Bundeswehr-Soldaten stellte Deutschland das drittgrößte ISAF-Kontingent. Ihre Aufgabe war es vor allem, beim Aufbau der afghanischen Polizei und Armee zu helfen.

Warum kamen die Taliban zurück?

Im September 2005 wählten die Afghanen erstmals seit 1973 ein Parlament. Doch die Taliban gaben keine Ruhe. Selbstmordanschläge nahmen zu, die meisten Opfer waren Zivilisten.

Im Mai 2011 gelang es den US-Militärs, den lange gesuchten Osama Bin Laden im Schlafzimmer seines geheimen Wohnsitzes in Pakistan zu töten. Doch das Land Afghanistan blieb weiterhin in Unruhe. Nach Angaben der afghanischen Regierung starben zwischen 2014 und 2019 etwa 45.000 afghanische Soldaten im Kampf gegen die Taliban. Zwischen 2016 und 2020 töteten die Taliban nach Angaben der UN jedes Jahr bis zu 1.625 Zivilisten, Tausende wurden verletzt.

Taliban-Kämpfer sitzen in einem Raum des Präsidentenpalastes | dpa

Taliban-Kämpfer haben den Präsidentenpalast in Kabul erobert Bild: dpa

Im Februar 2020 unterzeichneten die Vereinigten Staaten und die Taliban ein Friedensabkommen. Die USA und die NATO verpflichteten sich dabei, ihre Streitkräfte innerhalb von 14 Monaten aus Afghanistan abzuziehen. Im Gegenzug garantierten die Taliban, innerhalb von zwei Wochen Friedensgespräche mit der afghanischen Regierung aufzunehmen und dem Terrorismus abzuschwören. Auch ein Gefangenenaustausch zwischen den Taliban und der afghanischen Regierung wurde verabredet.

Doch ab Mai 2020 kam es immer öfter zu Terroranschlägen der Taliban. Der Nationale Sicherheitsrat meldete innerhalb einer Woche 222 Terrorattacken, bei denen 422 Sicherheitskräfte getötet oder verletzt wurden. 

Warum scheiterten alle ausländischen Missionen?

Viele Experten sahen die internationale Mission in Afghanistan schon vor Jahren als gescheitert an. Dass die stärksten Militärmächte der Welt gegen einige zehntausend "schlecht bewaffnete" Kämpfer verloren hätten, stellte der Politikwissenschaftler Jochen Hippler schon 2016 fest. In einem Kommentar für die Bundeszentrale für Politische Bildung schrieb er, was viele Kenner der Region bis heute sagen: Die NATO habe bis heute nicht verstanden, wie anders und eigen die afghanische Gesellschaft ticke - und dass die Verteilung der Macht in diesem Land mit keinem westlichen Land vergleichbar sei.

Quelle: wdr.de