Schalke-Trainer Christian Gross grübelt am Spielfeldrand | picture alliance/Tim Rehbein/RHR-FOTO/Pool

Nordrhein-Westfalen Schalke-Krise: (K)eine Spieler-Revolte? 

Stand: 27.02.2021 09:07 Uhr

Nach übereinstimmenden Medienberichten haben mehrere Führungsspieler des FC Schalke 04 beim Vorstand die Ablösung von Trainer Christian Gross gefordert. Schalkes Sportvorstand Jochen Schneider habe das abgelehnt, heißt es in den Berichten. Wenige Stunden vor dem Bundesligaspiel der Schalker beim VfB Stuttgart dementiert der Verein. Der Vorgang entlarvt Schalkes Problemstellen.

Von Jan Wochner

Der Zeitpunkt der Meldungen hatte es in sich. Kurz vor Mitternacht. Am Vorabend des Bundesligaspiels in Stuttgart. Die Überschriften sprachen für sich: "Spieler-Revolte auf Schalke". Eine Gruppe von Führungsspielern habe sich schon am Montag bei Sportvorstand Jochen Schneider gemeldet, um die Ablösung des Trainers zu fordern, berichteten der Pay-TV-Sender Sky, die Funke Mediengruppe und Sport1.

Schalke 04 hat die Berichte heute zurückgewiesen. "Es gab keinen Spieler, der mit einem solchen Anliegen bei Jochen Schneider vorgesprochen hat", erklärte ein Vereinssprecher auf Anfrage der Sportschau. "Dass es speziell nach der Derby-Niederlage Frust gab, ist doch völlig klar. Dass dazu auch offene Gespräche und eine Aufarbeitung der aktuellen Situation gehören, daraus machen wir gar keinen Hehl. So etwas wie eine ‚Revolte‘ oder ‚Revolution‘ hat es jedoch nicht gegeben." 

Angebliche Kritik bezieht sich auf viele Bereiche 

Den Medienberichten zufolge haben Schalkes Spieler aber gleich mehrere Kritikpunkte am Trainer. Er verwechsle häufig die Namen der eigenen und gegnerischen Spieler, spreche Spieler in der falschen Sprache an. Auch die Trainingsgestaltung und die taktische Ausrichtung würden kritisiert, heißt es. Dazu gebe es Kritik an den Trainings- und Rehamethoden von Fitnesscoach Werner Leuthard angesichts zahlreicher Verletzungen.

Der Darstellung, dass die Spieler in dieser Woche mit dem Wunsch, den Trainer abzusetzen, beim Vorstand abgeblitzt sind, widersprach der Verein nun. Dass Trainer Gross tatsächlich meist sonderbar auftritt, steht allerdings außer Frage.

Die Verpflichtung des 66-Jährigen hatte bereits im Winter für allgemeine Verwunderung gesorgt. Der Schweizer hatte in den vergangenen acht Jahren nicht mehr im europäischen Spitzenfußball, sondern in Ägypten und Saudi-Arabien gearbeitet. Bei seinen öffentlichen Auftritten wirkte Gross häufig fahrig.

Aus Alessandro Schöpf wird Massimo Schüpp

So verwechselte er auf Pressekonferenzen tatsächlich die Namen seiner Spieler. Er sprach von Kaan Erdogan (richtig: Can Bozdoğan) und Massimo Schüpp (richtig: Alessandro Schöpf). Auf der gestrigen Pressekonferenz vor dem Spiel in Stuttgart fiel ihm erst nach einem langen Blick auf seinen Spickzettel der Name von Ersatzkeeper Sören Ahlers ein. 

Sportlich wirkt die Mannschaft dazu seit Wochen schlecht eingestellt. Taktische Fehler auf dem Platz kennzeichnen die Auftritte der Schalker - allerdings nicht erst seit Gross im Amt ist. Trotzdem bleibt festzuhalten: Fünf Punkte aus neuen Partien unter der Leitung von Trainer Gross stellen nicht die erhoffte Wende im Abstiegskampf dar. 

"Was-wäre-wenn-Szenario" entlarvt Führungslosigkeit

Eine Absetzung des Trainers ist nach dem Dementi des Vereins extrem unwahrscheinlich. Vor allem auch beim Blick auf die Schalker Führungsetage in diesen Tagen. Sportvorstand Jochen Schneider hat seinen Abschied angekündigt, bleibt nur noch bis ein Nachfolger für seine Position gefunden ist im Amt. Schon zuvor hatte er deutlich gemacht, dass ein Scheitern von Trainer Gross auch seinen Abgang zur Folge hätte.

Der Schalker Aufsichtsrat wirkt in seiner aktuellen Zusammensetzung ebenfalls nicht so, als könne er kurzfristige, sportliche Entscheidungen treffen. Die neu eingesetzte Troika um Ex-Coach Mike Büskens, U19-Trainer Norbert Elgert und Nachwuchschef Peter Knäbel ist ausschließlich mit der Kaderplanung für die neue Saison betraut. Sie hat in drängenden, sportlichen Fragen wohl keine Entscheidungskompetenz.

Meldungen offenbaren Schalkes Probleme

So offenbaren die angeblichen Meldungen über eine Spieler-Revolte viel, trotz des eiligen Dementis. Schalke hat in einer der schwersten Krisen der Vereinsgeschichte sehr viele Baustellen: Eine chronisch umerfolgreiche Mannschaft, einen Trainer mit Glaubwürdigkeitsproblem und eine Führungsetage, der echte Führungskompetenz kaum mehr zuzutrauen ist. 

Quelle: wdr.de