Ein Stoff-Teddy liegt auf dem Boden, Symbolbild für gewalt gegen Kinder und häusliche Gewalt | imago/Christian Ohde

Nordrhein-Westfalen Gewalt an Kindern: Auch im zweiten Lockdown bedroht - und vergessen

Stand: 03.02.2021 20:24 Uhr

Kinder sind in Corona-Zeiten besonders von häuslicher Gewalt bedroht. Und augenscheinlich werden sie auch im zweiten Lockdown unzureichender geschützt, als dringend nötig wäre.

Von Frank Menke und Julia Küppers

Ein vernichtendes Fazit zieht Rainer Becker von der Deutschen Kinderhilfe e.V., wenn es um den Schutz von Kindern vor häuslicher Gewalt in Corona-Zeiten geht: "Es sind keine Lehren aus dem ersten Lockdown gezogen worden, das ist meine Erfahrung", sagte er dem WDR am Mittwoch.

"In dem Moment, wo die Kindergärten und Schulen geschlossen sind, wo Jugendämter auch nicht mehr und in ihrer gewohnten Art und Weise arbeiten können, scheint es so zu sein, dass viele Dinge nicht mehr auffallen und die Kinder nicht mehr bis zu uns kommen wie bisher", sagt auch Hannah Iserloh von der Vestischen Kinder- und Jugendklinik in Datteln.

Hohe Dunkelziffer

Tatsächlich gibt es nur begrenzte Möglichkeiten, Gewalt an Kindern und Jugendlichen im Lockdown sichtbar zu machen. Das hat verschiedene Gründe. In der Kita, der Schule, im Sportverein, in ihrem Umfeld werden sie kaum mehr wahrgenommen, weil sie überwiegend zu Hause sind. Gewalt in der Familie bleibt so buchstäblich in der Familie. Deshalb geht Becker von einer "hohen Dunkelziffer" aus.

Problem in allen Gesellschaftsschichten

Die Täter fände man keineswegs nur in sozial schwachen Schichten: "Das können auch Akademiker sein oder andere Leute aus gehobenen sozialen Schichten, die mit der Situation überfordert sind, alte Muster übernehmen und dann überreagieren. Nur sind die Gewaltformen dort oft subtiler, werden nicht so häufig bemerkt, sind aber ebenso schmerzhaft."

Fehler im System

Bei der Deutschen Kinderhilfe hält man das Gewaltproblem für ein systembedingtes. "Ich glaube, dass unsere Kinder in vielen Bereichen schlichtweg vergessen worden sind - gerade, wenn es um Gewaltprävention geht", sagte Becker.

Prävention sei in Deutschland Aufgabe der Länder und der Kommunen und es sei eine freiwillige Leistung, erfolge also nach Kassenlage: "Und wenn die Kassenlage schlecht ist wie in solchen Krisenzeiten, wird gespart, wo man sparen kann." Hinzu kämen coronabedingte Absurditäten: "Es gibt in Deutschland Jugendämter, die sagen, wir dürfen nicht mehr zu Familien kommen aufgrund des Infektionsschutzes", berichtete Becker.

Dortmund: Anrufe und Hausbesuche

In einigen Städten werden zumindest jene Kinder, die bekanntermaßen in einer schwierigen Situation leben, weiterhin mit Anrufen und Hausbesuchen betreut. Laut Becker gibt es aber auch freie Träger, die Familien mit hoher Gewaltaffinität im Lockdown nur per Telefon, E-Mail oder Videoschalte betreuen: "So kann man natürlich keine Verletzungsspuren feststellen."

Auch dafür, dass schon im ersten "Lockdown" 2020 die Zahl neuer Gefährdungsmeldungen für Kindeswohl laut Bundesfamilienministerium stark zurückgegangen sind, hat Becker eine Erklärung: "Wenn der Peiniger neben dem Opfer steht, dann wird das nicht sagen, es geht mir schlecht, ich habe Angst oder ich wurde geschlagen."

Bekannte Problemfälle sind nicht vom Radar

Immerhin bleibt in der Notbetreuung in den Schulen Gewalt an Kindern nicht unsichtbar. Etwa die Stadt Dortmund hatte sich bereits im vergangenen Jahr dafür eingesetzt, dass Kinder aus bekannt schwierigen Verhältnissen dorthin gehen durften.

Dadurch würden nicht alle Problemfälle vom Radar verschwinden, so die Dortmunder Jugenddezernentin Daniela Schneckenburger: "Damit wir so ein Stück sehend gemacht werden und die Kinder vor allen Dingen Mittagessen erhalten, Ansprache, Begleitung und auch dieses Maß an Schutz, was ihnen die pädagogische Einrichtung bieten kann."

Freiwillige Notbetreuung der Schulen helfen

Im aktuellen "Lockdown" gibt es in NRW - anders als im vergangenen Jahr - eine Notbetreuung nicht nur für Kinder von Eltern bestimmter Berufsgruppen. Laut NRW-Schulministerium erhalten seit dem 1. Februar Schüler aller Klassen und Jahrgangsstufen (1 bis 13) zur Wahrung der Chancengerechtigkeit die Möglichkeit, auch in der Schule am Distanzunterricht teilzunehmen. Dieses freiwillige Angebot kann auch jenen Kindern als schützender Raum dienen, die unter einem gewalttätigen familiären Umfeld zu Hause leiden.

Hilfe bei der Telefonseelsorge

Ingrid Behrendt-Fuchs von der Telefonseelsorge in Dortmund sagt, Gewalt sei in den anonymen Gesprächen aktuell doppelt so häufig Thema wie vor dem Lockdown, die Beanspruchung der Chatfunktion um 20 Prozent gestiegen. "Die Kinder und Jugendlichen haben ganz oft das Problem, dass sie sich von ihren Eltern nicht verstanden fühlen und dass sie Angst haben vor Schlägen oder vor Bestrafung in anderer Form."

Gewalt gegen Kinder: Hier gibt es Hilfe

Nummer gegen Kummer

Die Nummer gegen Kummer ist das größte telefonische Beratungsangebot für Kinder, Jugendliche und Eltern in Deutschland – anonym und kostenlos. Seit 1980 hat der Verein ein Netzwerk geschaffen, in dem bundesweit rund 2.900 Ansprechpartner und Ansprechpartnerinnen mitarbeiten. Auch rund 150 Jugendliche zwischen 16 und 21 Jahren beraten ehrenamtlich.

Für Kinder und Jugendliche:
Telefon: 0800 116 111
Montag bis Samstags von 14 bis 20 Uhr
Montag, Mittwoch und Donnerstag von 10 bis 12 Uhr.

Für Eltern und andere Erwachsene, die sich um Kinder sorgen:
Telefon: 0800 111 0 550
Montag bis Freitag von 9 bis 17 Uhr
Dienstag und Donnerstag von 17 bis 19 Uhr

Telefonseelsorge:

Telefon 0800 116 123 (24 Stunden am Tag) oder im Chat unter www.telefonseelsorge.de

Quelle: wdr.de