Bei den Ermittlungen nach schwerem sexuellem Missbrauch von Kindern steht ein Polizeibeamter vor der Gartenlaube, wo der vermutliche Haupttäter Teile seiner Server-Anlage unterbrachte (06.06.2020) |

Nordrhein-Westfalen Hauptprozess im Missbrauchskomplex Münster begonnen

Stand: 12.11.2020 20:00 Uhr

Nach nur wenigen Minuten wurde die Öffentlichkeit am Donnerstagmittag bei dem bislang größten Prozess im Missbrauchskomplex Münster ausgeschlossen. Vor dem Landgericht Münster sind vier Männer und eine Frau angeklagt, darunter der mutmaßliche Haupttäter aus Münster.

Neben schwerem sexuellen Missbrauch von Kindern werden den Männern Vergewaltigung sowie gefährliche Körperverletzung vorgeworfen.

Ein Mann, das Gesicht verdeckt durch einen Aktenordner, betritt einen Gerichtssaal |

Prozessauftakt im Landgericht Münster

Die etwa 25 Seiten umfassenden Vorwürfe trug der Staatsanwalt am Donnerstagmittag nur den Richtern und Verfahrensbeteiligten im Landgericht Münster vor: Bereits kurz nach Auftakt des Prozesses folgte die Kammer dem Antrag der Nebenklägerin, die Öffentlichkeit zum Schutz der minderjährigen Opfer sowohl von der Anklageverlesung als auch von etwaigen Einlassungen der Anklagten auszuschließen.

Dazu sollen die Angeklagten am Freitag, dem zweiten Prozesstag, die Möglichkeit bekommen. Auch die Verteidigung beantragte den Ausschluss der Öffentlichkeit.

Anklage: Tagelanger Missbrauch in Gartenlaube

Zwei Gartenlauben, davor viele blühende Pflanzen und eine Liege | dpa

Die Gartenlaube wurde inzwischen abgerissen Bild: dpa

Gemeinsam mit den drei anderen angeklagten Männern soll der Münsteraner im April 2020 teilweise über Tage hinweg den Sohn seiner Lebensgefährtin und einen weiteren Jungen, den fünfjährigen Sohn des Angeklagten aus Staufenberg, in einer Gartenlaube in Münster-Kinderhaus schwer sexuell missbraucht haben. Die Jungen sollen sie mit KO-Tropfen gefügig gemacht haben.

Vor dem Landgericht Münster sind neben dem 27-jährigen mutmaßlichen Haupttäter aus Münster und dem 30 Jahre alten Mann aus Staufenberg bei Gießen ein 35-jähriger Hannoveraner sowie ein 42-Jähriger Mann aus dem brandenburgischen Schorfheide angeklagt.

Angeklagter soll Missbrauch gefilmt haben

Justizzentrum Münster, hier das Landgericht | R diger W lk

Prozessauftakt im Landgericht Münster Bild: R diger W lk

Die Anklageschrift umfasst den Zeitraum von 2018 bis zum 03.05.2020: Die Staatsanwaltschaft Münster beschuldigt den Münsteraner außerdem, sich bei 26 verschiedenen Gelegenheiten zwischen Ende 2018 und März 2019 an dem Sohn seiner Lebensgefährtin vergangen zu haben. Der Junge gilt als Hauptopfer. Den Missbrauch habe der Mann teilweise gefilmt oder fotografiert und die Aufnahmen im Darknet verbreitet.

Im Mai 2019 soll er zudem den damals neunjährigen Jungen mit einem 41-Jährigen aus Köln gemeinschaftlich sexuell missbraucht haben.

Mutter wegen Beihilfe angeklagt

Die 45 Jahre alte Mutter des mutmaßlichen Haupttäters soll von den Taten gewusst haben. Ihrem Sohn und den weiteren Angeklagten soll sie ihre Gartenlaube "in dem Wissen überlassen haben, dass während des mehrtätigen Aufenthalts die beiden Jungen sexuell missbraucht werden sollten", so die Anklageschrift. Wegen Beihilfe muss sie sich ebenfalls seit Donnerstag vor Gericht verantworten.

Die fünf Angeschuldigten befinden sich weiterhin in Untersuchungshaft. Sie haben sich nicht zu den Tatvorwürfen geäußert. Mit Ausnahme des Münsteraners sind die Mitangeschuldigten nicht vorbestraft. Das Verfahren ist zunächst bis Ende Februar 2021 angesetzt.

Bundesweites Netzwerk

Für die Ermittler gilt der Münsteraner, ein IT-Fachmann, als Schlüsselfigur in dem Komplex mit einer Reihe von Opfern und Beschuldigten aus mehreren Bundesländern. Allein die Staatsanwaltschaft Münster hat mehrere Anklagen gegen insgesamt neun Personen erhoben. In diesen Verfahren wurden acht minderjährige Opfer gezählt. Immer wieder stammten sie aus dem nahen Familienumfeld. Die Ermittlungen bundesweit laufen damit insgesamt gegen mindestens 20 weitere Beschuldigte.

Ermittler haben tausende Datenträger

Im Rahmen der Ermittlungen wurden zahlreiche Objekte durchsucht und umfangreiches Beweismaterial sichergestellt. Nach Angaben der Staatsanwaltschaft werden die Ermittlungen auch wegen der Fülle an noch auszuwertenden Daten noch geraume Zeit in Anspruch nehmen. Demnach wurden bislang 2.520 Datenträger mit einer Bruttospeichermenge von rund 1.200 Terabyte gesichert.

Quelle: wdr.de

Über dieses Thema berichtete die Lokalzeit Münsterland im Westdeutschen Rundfunk am 11. November 2020 um 19:30 Uhr.