Teilnehmer einer Schweigeminute lassen auf der Kölner Keupstrasse am 15. Jahrestag zur Erinnerung an den NSU-Nagelbombenanschlag 15 weiße Tauben aufsteigen

15 Jahre nach NSU-Anschlag Gedenken trotz Drohungen

Stand: 09.06.2019 17:53 Uhr

Keupstraße in Köln-Mülheim
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Gedenkfeier Keupstrasse

Vor 15 Jahren explodiert in Köln eine Nagelbombe - heute erinnern Hunderte mit einer Gedenkminute an die Tat, zu der sich die Neonazi-Terrorzelle NSU bekannte.

Am 9. Juni 2004 explodierte eine Nagelbombe in der Kölner Keupstraße - sie ist als Zentrum des türkischen Geschäftslebens bekannt. Am Sonntag (09.06.2019) erinnerten einige Hundert an die Tat, zu der sich die Neonazi-Terrorzelle NSU erst spät bekannte.

Um 15.56 Uhr versammelten sich Anwohner und Gäste zur Schweigeminute. Zu diesem Zeitpunkt war vor 15 Jahren die Nagelbombe explodiert. 22 Menschen wurden verletzt, vier davon schwer. Nun stiegen 15 Friedenstauben in der Keupstraße auf.

Verunsicherung durch Drohbriefe

Für Verunsicherung sorgen bei der Gedenkfeier Drohbriefe, die Unbekannte in den vergangenen Tagen in Briefkästen und in Geschäften in der Umgebung der Keupstraße hinterlassen hatten. In den Briefen wurden Muslime aufgefordert, Deutschland zu verlassen - andernfalls müssten sie mit Angriffen rechnen.

In Reden verurteilten Politiker, Anwohner und Vertreter muslimischer Organisationen die Drohungen scharf. Oberbürgermeisterin Henriette Reker (parteilos) bezeichnete die Briefe als "widerwärtige Aktion" und als das "abscheuliche Gedankengut rechtsextremer Spinner".

Teilnehmer einer Schweigeminute erinnern mit Plakaten auf der Kölner Keupstrasse am 15. Jahrestag an den NSU-Nagelbombenanschlag
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Gedenken an NSU-Anschlag auf Kölner Keupstraße

Ernüchtert von Aufklärung

Bei einer Diskussionsveranstaltung im Schauspielhaus in Köln-Mülheim zeigte sich, dass viele Anwohner mit der Aufarbeitung der NSU-Verbrechen unzufrieden sind. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) versprach eine "lückenlosen Aufklärung".

Ein Mann, der bei dem Anschlag verletzt worden war, beklagte sich darüber, dass seine Stimme nicht gehört werde und niemanden interessiere.

Der Komiker Ususmango sagte, als er gehört habe, dass beim Verfassungsschutz Akten zu V-Leuten in der Neonazi-Szene vernichtet worden seien, habe sich seine Einstellung gegenüber den Rechtsstaat geändert. "Ganz ehrlich, da war ich raus." Das führe dann dazu, dass man sich nicht mehr engagiere und die Haltung entwickle, "die da oben" machten sowieso, was sie wollten.

Für Ärger sorgt am Tag des Gedenkens auch, dass es 15 Jahre nach dem Anschlag immer noch kein Mahnmal gibt.

Nagelbomenanschlag in der Kölner Keupstraße | Bildquelle: dpa
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Nach dem Nagelbomenanschlag in der Kölner Keupstraße

NSU zündete Bombe

Am 9. Juni 2004 explodierte in der Keupstraße eine ferngezündete Nagelbombe. Die Polizei ging nach dem Anschlag von einer Abrechnung im kriminellen türkischen Milieu aus. In Richtung Rechtsextremismus wurde nicht ermittelt. Erst sieben Jahre später hatte sich der NSU zur Tat bekannt.

Quelle: wdr.de

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 09. Juni 2019 um 19:03 Uhr.

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