Eine Person vor einem Computerbildschirm

Missbrauchsfälle in NRW Spuren zu 30.000 Verdächtigen

Stand: 02.07.2020 15:23 Uhr

NRW-Justizminister Biesenbach spricht von einem "Sumpf": Die Ermittler in NRW haben 30.000 Hinweise zu Tatverdächtigen wegen Kinderpornographie und Missbrauchs.

Von Christian Wolf

Die Missbrauchsfälle von Lügde, Bergisch Gladbach und Münster haben für Entsetzen gesorgt. Doch nun kommen weitere Details ans Licht, die zeigen, wie viel größer das Problem tatsächlich ist.

Den Ermittlern in NRW liegen 30.000 neue Hinweise auf mögliche Tatverdächtige vor. Das hat NRW-Justizminister Peter Biesenbach (CDU) am Montag (29.06.2020) bekannt gegeben. Es handele sich um internationale Netzwerke mit Schwerpunkt im deutschsprachigen Raum.

Die Spuren stammen aus den Ermittlungen zum bundesweiten Missbrauchskomplex Bergisch Gladbach, bei dem die Verdächtigen teilweise ihre eigenen Kinder missbraucht und Bilder der Taten getauscht haben sollen.

Peter Biesenbach (CDU), Justizminister des Landes Nordrhein-Westfalen
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NRW-Justizminister Peter Biesenbach

Bislang nur anonyme User

Bei den 30.000 Spuren handelt es sich laut Biesenbach noch um Hinweise auf unbekannte Personen, da die sich anonym in Chatgruppen und Foren aufhielten. Experten der Zentral- und Ansprechstelle Cybercrime (ZAC NRW) würden sich nun darum kümmern, die Personen hinter den Pseudonymen herauszufinden.

Justizminister: "Mir ist speiübel geworden"

Biesenbach sprach von einem "Sumpf", auf den die Ermittler gestoßen seien. "Ich habe nicht damit gerechnet, nicht im entferntesten, welches Ausmaß Kindesmissbrauch im Netz hat." Es handele sich um eine "neue Dimension des Tatgeschehens", sagte der Justizminister und bekannte: Ihm sei "speiübel geworden".

Neben dem Verbreiten von Fotos und Videos werde sich in öffentlichen und geheimen Gruppen auch über Ratschläge zum Missbrauch ausgetauscht - etwa welche Beruhigungsmittel Kindern gegeben werden solle. Zudem würden Personen, die noch keinen Missbrauch begangen haben und zögern, von anderen dazu ermutigt oder sogar gedrängt.

Genau diese Kommunikation in den Foren sieht Oberstaatsanwalt Markus Hartmann von der ZAC NRW als Problem. Die Täter fänden dort eine "riesige Gruppe von Gleichgesinnten" und empfänden Kindesmissbrauch als "normal". So sei zu befürchten, dass in einer solchen Atmosphäre die Hemmschwelle sinke und auch Männer Missbrauchstaten begingen, die sonst davor zurückgeschreckt wären.

Markus Hartmann
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Markus Hartmann, Leiter von ZAC NRW

Vorratsdatenspeicherung könnte helfen

Eine "Task Force" von Cyber-Ermittlern soll nun die 30.000 Spuren auswerten. Dabei geht es laut Hartmann zuerst um konkrete Hinweise auf Kindesmissbrauch - um noch laufende Taten zu stoppen.

Zwar würden dabei alle erlaubten technischen Möglichkeiten ausgenutzt. Die Ermittler wünschten sich aber mehr. Hartmann verwies auf "enge Grenzen". So müssten Internetanbieter die IP-Adressen der Nutzer noch immer nach ein paar Tagen löschen. Doch genau damit könnten die anonymen Täter teilweise ermittelt werden.

Justizminister Biesenbach zeigte sich deshalb offen dafür, erneut über die Vorratsdatenspeicherung zu diskutieren. Kritiker müssten sich dann entscheiden: "Datenschutz selbst mit dem in Kauf nehmen von Kindesmissbrauch oder machen wir wirklich ernst beim Kindesmissbrauch?"

Hinweis: In einer früheren Version dieses Textes war von "30.000 Verdächtigen" die Rede. Diese Angabe wurde inzwischen vom NDR-Justizministerium korrigiert: Es handele sich um 30.000 Spuren.

Quelle: wdr.de

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 29. Juni 2020 um 14:00 Uhr.

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