Schulprüfung

Bildungsforscher Hurrelmann bewertet PISA-Ergebnisse "Von den Finnen können wir lernen"

Stand: 03.12.2013 15:24 Uhr

Die deutschen Schüler sind besser geworden. Was führte zum Erfolg? Wo hapert es noch? Welche Weichen sollte die Große Koalition in der Bildungspolitik stellen? tagesschau.de hat darüber mit Bildungsforscher Hurrelmann gesprochen.

tagesschau.de: Wie lernfähig ist das deutsche Bildungssystem?

Klaus Hurrelmann: Ich muss selbstkritisch sagen: Das Bildungssystem ist lernfähiger als wir Wissenschaftler zunächst dachten und als auch viele aus der Praxis glaubten. Zum vierten Mal in Folge haben sich die Leistungen der deutschen Schülerinnen und Schüler deutlich verbessert. Das ist ein toller Erfolg. Das hätte man der Politik, die im Bereich Bildung ja in 16 Bundesländer aufgespalten ist, nicht zugetraut.

Klaus Hurrelmann
Zur Person

Klaus Hurrelmann, Jahrgang 1944, lehrt in den Bereichen Gesundheits- und Bildungspolitik. Nach langjähriger Tätigkeit an der Universität Bielefeld arbeitet er seit 2009 als Professor of Public Health and Education an der Hertie School of Governance in Berlin.

tagesschau.de: Welchen Reformen ist diese kontinuierliche Verbesserung zu verdanken?

Hurrelmann: Bund und Länder haben aus dem PISA-Schock die richtigen Lehren gezogen und Reformen angeschoben. Ganz entscheidend war die Einführung verlässlicher Bildungsstandards. Man hat festgelegt, was Schüler in bestimmten Jahrgängen können müssen - egal in welchem Schulsystem und welchem Bundesland sie unterrichtet werden. Eltern, Lehrer und Schüler schauen so endlich auf Leistung und Ergebnisse. Durch Vergleichstests zwischen den Schulen muss jede Einrichtung ihre Ergebnisse auf den Prüfstand stellen.

tagesschau.de: Kritiker sagen, PISA würde nur auf das sture Lernen abzielen. Kreativität und eigenständiges Denken würden nicht abgefragt. Stimmt das?

Hurrelmann: Das ist völlig zutreffend. Es werden bei PISA nur die großen klassischen Bereiche des kognitiven Lernens abgefragt. Es wäre sehr zu wünschen, dass wir in allen Bereichen vergleichende Parameter hätten - auch da, wo mehr eigenständiges Denken gefordert ist wie in Sozialkunde, Ethik oder Geschichte. Ich würde aber nicht sagen, dass PISA von diesem Bereich ablenkt - sondern im Gegenteil: Die Studie zeigt, wo auch in anderen Fächern der Weg hinführen sollte. Wir brauchen Bildungsstandards und Leistungsmessungen im PISA-Stil in allen Fächern.

Eine Brille liegt auf zwei Büchern

Bildungsstandards und Leistungsmessungen im PISA-Stil in allen Fächern fordert Professor Hurrelmann.

"Wir müssen die Jungen besser fördern und motivieren"

tagesschau.de: Schwerpunkt der diesjährigen Studie war Mathematik. Die Jungen sind im Fach Mathematik den Mädchen durchschnittlich ein halbes Jahr voraus. Wird das Fach falsch unterrichtet?

Hurrelmann: Betrachten wir es erst einmal umgekehrt: Die Mädchen sind beim Lernen den Jungen in vielen Bereichen weit voraus und in den Naturwissenschaften mittlerweile fast überall gleichauf. In Mathematik haben sie in den vergangenen Jahren kontinuierlich aufgeholt. Das zeigt, worum es in diesem Fach vor allem geht: Das Selbstbewusstsein der Mädchen muss gestärkt werden. Vielen Mädchen fehlt noch das Selbstvertrauen, in Mathe gute Leistungen bringen zu können. Mathematik muss auch anders vermittelt werden, so dass auch hier das Lernen dem auf Kommunikation und Sprache ausgerichteten Lernverhalten der Mädchen besser entspricht. Da sind wir aber auf einem guten Weg.

Pisa-Studie  | dpa

Mathematik müsse anders vermittelt werden, um den Mädchen das Lernen zu erleichtern, meint Bildungsforscher Hurrelmann. Bild: dpa

tagesschau.de: Der Trend der letzten zwölf Jahre zeigt: Die Mädchen werden immer besser, die Jungen kommen nur mühsam hinterher. Warum?

Hurrelmann: Jungen werden offenbar in unseren Schulen zu wenig motiviert, sich weiterzuentwickeln. Möglicherweise sind wir in den Schulen inzwischen viel zu sehr auf sanfte kommunikative Umgangsformen gepolt. Jungen brauchen klare Ansagen, Ziele und Regeln - und klare Sanktionen, wenn sie Regeln verletzt haben. Jungen brauchen auch viel konkretere Erfolgsmeldungen, als wir sie in den Schulen oft geben. Die eigentliche Herausforderung bei der pädagogischen Förderung liegt seit Jahren bei den Jungen.

Schüler in einer Hauptschule in Straubing

Für die Integration müssen Ganztagsschulen und Kitas weiter ausgebaut werden, sagt Hurrelmann.

tagesschau.de: Wäre der Unterricht in getrennten Schulen, wie es oft diskutiert wird, eine gute Alternative?

Hurrelmann: Eine vorübergehende Trennung der Geschlechter im Unterricht kann ein nützliches Hilfsmittel sein. Diese Debatte gab es schon einmal in den 60er-Jahren, als die Mädchen so viel schlechter waren. Und in der Tat haben die reinen Mädchenschulen damals tolle Ergebnisse gebracht.

"Frühkindliche Förderung und Ganztagsschulen weiter ausbauen"

tagesschau.de: Noch immer haben es Schüler aus bildungsfernen Schichten bei uns besonders schwer. Woran liegt das?

Hurrelmann: Wir sind auch hier ein großes Stück vorangekommen. Wir brauchen aber noch eine viel frühere Förderung gerade der bildungsschwachen Kinder in der Vorschule und der Kita. Außerdem brauchen wir flächendeckend Ganztagsschulen. Hier ist die Politik auf gutem Weg. Aber dieser Weg muss konsequent weiter beschritten werden. Reformen dürfen nicht zurückgedreht werden.

tagesschau.de: Es gibt immer noch große Differenzen zwischen den Bundesländern. Wie können wir hier Abhilfe schaffen?

Hurrelmann: Es wäre schön, wenn die Kultusministerkonferenz sich auf ein einheitliches Handeln einigen könnten - so wie das nach der ersten PISA-Studie geschehen ist. Wenn die Bundesländer einheitlich handeln, dann - so lernen wir aus PISA - sind sie erfolgreich und gut. Die Kultusministerkonferenz muss einheitliche Standards entwickeln und umsetzen. Das föderale Bildungssystem ist nicht an sich schlecht. Kanada zum Beispiel hat ein ganz ähnliches Bildungssystem wie wir und bringt hervorragende Leistungen, weil alle an einem Strang ziehen.  

"Das Ansehen der Lehrer muss verbessert werden"

tagesschau.de: Auch Finnland hat gut abgeschnitten. Was können wir von den Finnen lernen?

Hurrelmann: Von den Finnen können wir lernen, welche herausragende Bedeutung die Lehrer haben. Die Lehrkräfte werden in Finnland zwar schlechter bezahlt als in Deutschland, aber sie genießen ein ungeheuer großes gesellschaftliches Ansehen. Viele reißen sich darum, in diesen Beruf einzusteigen. Die Lehrer werden als Autorität wahrgenommen und sie bekommen permanent eine gute Weiterbildung und Förderung. Wir sollten in der Lehrerausbildung und Lehrerfortbildung noch besser werden. Und das Ansehen der Lehrer muss verbessert, die Lehrerrolle gestärkt werden.

Unterricht

Das Ansehen der Lehrer in Deutschland sei schlecht, meint Hurrelmann. Die Lehrerrolle müsse gestärkt werden.

tagesschau.de: Welche Weichen muss die Große Koalition in der Bildungspolitik stellen?

Hurrelmann: Alle eingeschlagenen Schritte sollten kontinuierlich und konsequent weitergeführt werden: Ganztagsschulen und frühkindliche Förderung müssen weiter ausgebaut werden. Die Bildungsstandards müssen wir auf alle Fächer ausweiten und dafür sorgen, dass die Schulabschlüsse in Bremen den gleichen Wert haben wie in Bayern. Ohne Wettbewerb, Kontrolle und Vergleich kommen wir nicht weiter. Der internationale PISA-Vergleich hat uns damals aufgerüttelt. Der nationale Vergleich muss jetzt dazu führen, dass einige Bundesländer ihre Reformbemühungen noch verstärken.

Das Interview führte Simone von Stosch, tagesschau.de.