Bildergalerie: Merkels Neujahrsansprachen: Schwarz, rot, blau

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Merkels Neujahrsansprachen: Schwarz, rot, blau

Neujahrsansprache von Angela Merkel im Jahr 2005

Wenn das mal keine Botschaft war: Ihre erste Ansprache absolvierte die Kanzlerin im dunklen Jackett mit feinen Streifen. Nur nicht zu dick auftragen - das konnten Mode-Politologen da wohl heraus lesen. Denn Merkel hatte im September mit Ach und Krach Gerhard Schröder als Kanzler abgelöst, der noch in der Wahlnacht gedröhnt hatte, die Dame werde garantiert nicht Kanzlerin.

Von wegen "Basta": Merkel zog ins Kanzleramt ein, höflich unterstützt von Schröders SPD. Ob die Kanzlerin auch deshalb auf rote Elemente setzte?

Für die Presse die Sensation schlechthin: die Brille, die Merkel bislang nur im privaten Kreis getragen hatte. Auch das ein randloses Zeichen für die neue Bescheidenheit. So viel Anfang war selten.

Neujahrsansprache von Angela Merkel im Jahr 2005

Wenn das mal keine Botschaft war: Ihre erste Ansprache absolvierte die Kanzlerin im dunklen Jackett mit feinen Streifen. Nur nicht zu dick auftragen - das konnten Mode-Politologen da wohl heraus lesen. Denn Merkel hatte im September mit Ach und Krach Gerhard Schröder als Kanzler abgelöst, der noch in der Wahlnacht gedröhnt hatte, die Dame werde garantiert nicht Kanzlerin.

Von wegen "Basta": Merkel zog ins Kanzleramt ein, höflich unterstützt von Schröders SPD. Ob die Kanzlerin auch deshalb auf rote Elemente setzte?

Für die Presse die Sensation schlechthin: die Brille, die Merkel bislang nur im privaten Kreis getragen hatte. Auch das ein randloses Zeichen für die neue Bescheidenheit. So viel Anfang war selten.

Neujahrsansprache von Angela Merkel im Jahr 2006

Zum Jahreswechsel 2006/2007 hatten sich die Verhältnisse umgekehrt. Dunkles Oberteil, aber tiefrotes Jackett. Hatte die Kanzlerin die Seiten gewechselt? Wohl kaum, auch wenn es heute manchem gramgebeugten Christsozialen so anmutet. Vielmehr hatte die Große Koalition im abgelaufenen Jahr Reformprojekte wie die Rente mit 67 beschlossen, die manchem Sozialdemokraten die Wutröte ins Gesicht trieben.

Das Merkel-Jackett also eine gemeine Anspielung darauf? Oder eher ein Versuch der Besänftigung und Verheißung? So oder so: Modisch ging die Kanzlerin auf Nummer Sicher.

Neujahrsansprache von Angela Merkel im Jahr 2007

Zurück zu Dunkel, letztmalig allerdings, in den kommenden Jahren sollte die Kanzlerin sich farblich einiges einfallen lassen.

Ein gedämpfter Ausklang 2007 also, vielleicht auch, weil die Kanzlerin keine Ziele und Aufgaben nannte, wie die "Welt" hinterher nörgelte. Andererseits habe Merkel auf die Deutschen nicht eingeredet "wie auf einen störrischen Gaul", freute sich das konservative Blatt. Dafür bediente sich die Kanzlerin eines rhetorischen Klassikers und lobte die Halbzeitbilanz der Großen Koalition über den sprichwörtlichen Klee.

Wo der Wiedererkennungseffekt so groß war, durfte man zu Recht schließen: Farbe ansprachenmäßig durchschnittlich - das passt.

Angela Merkel

Nun aber legte die Kanzlerin los: rotes Jackett mit einer Ahnung von Aubergine, abgesetzter Kragen und darunter eine Perlenkette! Das roch nach Aufbruch, das roch nach solider Zuversicht und ganz bestimmt nicht nach Schwarzmalerei! Dabei hatte die Kanzlerin in den Monaten zuvor das Volk auf schwierige Zeiten eingestimmt, was ihr angesichts des Ausbruchs der Finanzkrise niemand verdenken mochte.

In der TV-Ansprache aber: Optimismus, Aufmunterung, Reformmut und das Versprechen von Steuersenkungen, dass es die Herzen nur so wärmte. Ob da schon der Wahlkampf des kommenden Jahres durchschimmerte?

Bundeskanzlerin Merkel

Jahresende 2009: das Jahr, da sie in Berlin die schwarz-gelbe Koalition formten. Hätte die Kanzlerin da nicht zumindest einen Hauch von Blau auftragen können? Oder einen gelben Tupfer? Nicht einmal das seitliche Blumenbukett gab das her, und auch das Gold der Deutschlandfahne rutschte fast aus dem Bild.

Wenn das Klima zwischen der Kanzlerin und ihrem Vize Guido Westerwelle nicht schon nach den Koalitionsverhandlungen angeschlagen war, dann ja wohl spätestens nach diesem Outfit zur Neujahrsansprache. Rot! Kann man einen liberalen Koalitionspartner stärker provozieren?

Angela Merkel

Es steht zu vermuten, dass es nach der vorangegangenen Neujahrsansprache ein Donnerwetter der Liberalen gegeben hatte. Denn nun, endlich: ein tiefblaues, sogar glänzendes Jackett. Auch der Blumengruß und die Deutschlandfahne: deutlich mehr liberale Akzente. Geht doch.

Und politisch? Auch da hieß es ganz im Sinne der forschen Liberalen "Geht nicht, gibt’s nicht", und außerdem befand die Kanzlerin, man habe 2010 doch wirklich Enormes geleistet. Dabei stand in punkto Jackettwahl das wahre Feuerwerk erst noch bevor.

Bundeskanzlerin Angela Merkel bei ihrer Neujahrsansprache

Manch Zuschauer mochte sich zu Beginn der Neujahrsansprache fragen, ob er nicht das Programm verwechselt und irrtümlich bei Thomas Gottschalk gelandet war. Die Kanzlerin in Gold! Würde gleich Michelle Hunziker putzmunter ins Bild hüpfen und Baggerfahrer mit ihrem Arbeitsgerät eine Limoflasche öffnen?

So weit ging es dann gottlob doch nicht, die Neujahrsansprache blieb sich inhaltlich treu und verlässlich unaufgeregt. Was nur um alles in der Welt sollte die goldene Robe bedeuten? Gewiss nicht, dass die Zeiten besser würden, denn genau vor dem Gegenteil warnte die Kanzlerin bedächtig und mild. Oder sollte es persilmäßig heißen: Diese Kanzlerin ist so gut, besser geht es nicht, quasi der Goldstandard unter den Regenten?

Neujahrsansprache der Kanzlerin

Wer 2011 schon geblendet war, musste 2012 endgültig eine Sonnenbrille zur Neujahrsansprache aufziehen. Merkel hatte sich für eine Jacke entschieden, die von fern wie aufgebügeltes Lametta vom Weihnachtsbaum anmutete. Liberace im Kanzleramt. Zugegeben: Angesichts der anhaltenden Finanzkrise eine sublime Werbung für Materielles, wertvolle Edelmetalle und den Charme eines vollen Geldkellers. Wer mochte sich angesichts der sich immer neuen Warnungen vor der anhaltenden Krise und der Aufforderung zu mehr Mut nicht davon anstecken und mitreißen lassen?

Kanzlerin Merkel bei ihrer Neujahrsansprache

Eine Enttäuschung: kein weiteres, neues Metall an der Regierungschefin wie etwa Kupfer, Blei oder Wolfram. Dafür 2013 zurück zu Gold mit grüner Note, knalliger als zuvor. Womöglich eine Form, danke zu sagen für die Wiederwahl. Ein scheuer Gruß an einen möglichen Koalitionspartner im kommenden Jahr? Oder eher die Andeutung einer Erkenntnis: Reden ist eben doch nur Silber, Schweigen Gold, angesichts des Murmeltier-Faktors der alljährlichen Ansprachen. Wiederholt sich ja auch für die Vortragende. Auf der anderen Seite: Welcher Kanzler hätte in seiner Ansprache schon verkündet, er habe sich vorgenommen, im kommenden Jahr öfter an die frische Luft zu gehen? Das kann eben nur Angela Merkel. Gold-Angela.

Angela Merkel

Im Jahr 2014 sehen wir eine andere Kanzlerin. Zurückgenommen im Ton, die Farbe eine reizende Geste an unsere französischen Nachbarn: Bordeaux. Ein Wein, so reif wie die deutsch-französische Freundschaft, so gehaltvoll wie ein Gespräch mit Francois Hollande. Ja, Europa lebt, das sollen sich diese Burschen von der "Pegida" mal gehörigst hinter die Löffel schreiben. Selten war Merkel so klar in ihrer Ansprache, wenigstens hinsichtlich der Dinge, die man nicht tun soll. Das Mehr an frischer Luft scheint ihr gut getan zu haben. Da ist es schon fast egal, was für ein Jackett sie trägt.

Neujahrsansprache von Bundeskanzlerin Merkel im Jahr 2015

Wer für Einwanderungsgegner zum roten Tuch wird, kann sich auch in Selbiges wanden, scheint Angela Merkel bei der Wahl ihres Ansprachenjacketts 2015 gedacht zu haben. Hunderttausende Flüchtlinge machen sich auf den Weg nach Deutschland, und "Wir schaffen das!" wird zu einer Beschwörungsformel, die den Protest überstrahlt. Wie ein roter Faden zieht sich die Outfit-Farbe der Kanzlerin jetzt durch eine Dekade Neujahrsansprachen. Angesichts der Hilfsbereitschaft durch Ehrenamtliche vermittelt das leuchtende Blutrot vielleicht auch tiefes Empfinden - nie zuvor hat die Kanzlerin in einer Ansprache so oft danke gesagt.

Neujahrsansprache von Bundeskanzlerin Merkel im Jahr 2016

Für 2016 prophezeiten Stylisten, dass man an der Farbe Hellblau nicht vorbeikäme, und sie sollten bis zum letzten Tag des Jahres recht behalten. Blau hat Stylisten zufolge eine harmonisierende Wirkung, und genau diese Farbstimmung war nach einem "Jahr schwerer Prüfungen", wie die Kanzlerin in ihrer Neujahrsansprache sagte, bitter nötig. Sexuelle Übergriffe in der Silvesternacht, Terroranschläge, Brexit - viele hätten das Gefühl, die Welt sei aus den Fugen geraten, bemerkte Angela Merkel. Aber auch: "Dem setzen wir unsere Mitmenschlichkeit entgegen."

Das Hellblau des Kanzlerinnenjacketts hat zwar auch violette Anteile, aber Farbfamilien können in der Mode durchaus mal aufs Oberhaupt reduziert werden. Dieses Oberhaupt strahlt kühl und beruhigt.

Neujahrsansprache von Bundeskanzlerin Merkel im Jahr 2017

Wer das rot-schwarze Jackett im Dezember 2017 nicht als Einladung versteht, der Großen Koalition eine erneute Chance zu geben, muss farbenblind sein. Die Bundestagswahl ist gelaufen, die Regierungsbildung aber gestaltet sich so kompliziert wie das florale Muster auf dem Kanzlerinnengewand: Die SPD will nicht mehr mitmachen, und Jamaika scheitert schon in der Sondierungsphase.

Gelb und Grün ist in der Folge nur unscharf als Blumenstrauß am Rande des Bildausschnitts zu sehen, und - so können die Zuschauer nur hoffen - nicht mit Glyphosat besprüht. Die Zulassung des umstrittenen Pflanzenschutzmittels wird im November von der EU-Kommission verlängert - nach einem Votum von Landwirtschaftsminister Schmidt (CSU) und gegen den Willen des SPD-geführten Umweltministeriums.

Schwarz und Rot - wie kann man die beiden jetzt noch zusammenbringen? Mit ihrer Kleiderwahl zeigt Merkel, dass es durchaus geht.

Kanzlerin Merkel hält ihre Neujahrsansprache

Apropos falsche Vermutungen. Wer dachte, dass nach inzwischen 13 Neujahrsansprachen nun aber mal Schluss mit Varianz sei, kennt Merkel schlecht. Zum Jahresausklang 2018 nimmt die Kanzlerin in einer leichtfüßigen Variante des Themas Silber im Studio Platz. Nicht ganz so grell wie 2012, aber allemal tiefgründig schillernd, fast wie ein sternenklarer Nachthimmel über der Uckermark. Aber bitteschön, es komme jetzt keiner mit der Assoziation "Götterdämmerung". Nein: "Ich leuchte noch", scheint dieses Oberteil vielmehr zu sagen, und: "Mit mir ist immer noch zu rechnen, Freunde." Immerhin hatte Merkel im Jahresverlauf ihren Abschied als Kanzlerin angekündigt, wenngleich erst zum Ende der Legislaturperiode. Manch einer wähnte da schon seine Karrierestunde schlagen oder eine späte, zweite Chance. Weit gefehlt. Merkel bleibt, spricht von Neuanfang, Klimasorgen und lässt, wann hätte es das schon einmal gegeben, sogar Bilder aus dem All einspielen. Ziemlich spaceig, diese Neujahrsansprache - genauso wie das Merkelsche Jackett.

Angela Merkel bei ihrer Neujahrsansprache zum Jahreswechsel 2019/2020

2019 könnte man meinen, die Kanzlerin wolle einen Schabernack mit den Jackett-Deutern treiben. Denn sie wählt: ein stählernes Blau. Der Chronist rekapituliert hastig: Den Grundton gab es schon 2010 und 2016, aber was um alles in der Welt will uns das sagen? Die Antwort lautet vermutlich: nichts. So langfristig denkt ja die Kanzlerin nun auch nicht. Stattdessen erinnern wir uns an die feinsinnige Beobachtung in der SHZ, wonach die Kanzlerin Blau, die Farbe der Macht und Kontrolle, vor allem in Koalitionsverhandlungen auftrage.

Das wiederum dürfte dem Norbert Walter-Dingens von der SPD, dessen Jackett vermutlich niemals Gegenstand einer Langzeitstudie wird, einen kleinen Schreck einjagen. Denn künftige Koalitionsverhandlungen werden aller Voraussicht nach ohne seine Sozialdemokraten geführt. Signalisiert die Kanzlerin ihm also via Mattscheibe, es ja nicht zu bunt zu treiben, weil sonst der wuschelige Habeck seine Chance bekommt oder zur Not auch der unergründliche Lindner noch einmal? Nun, in einem Jahr sind wir klüger. Und dann steht das grande finale dieser Reihe an.

Wenn wir uns etwas wünschen dürfen, dann bitte ein Jackett mit Farbstreifen aus allen Jahren. Das wäre die ultimative Versöhnung aller mit allen. Quasi die stoffgewordene Vollendung der Merkelschen Umarmungspolitik.

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