Fleisch- und Wurstwaren | Bildquelle: dpa

Missstände in Schlachthöfen Wie der Preis für Fleisch entsteht

Stand: 20.05.2020 04:57 Uhr

In der Diskussion um die Arbeitsbedingungen in Schlachthöfen mehren sich Forderungen nach einem höheren Fleischpreis. Dabei ist es gar nicht so einfach zu sagen, welchen Anteil die Verarbeitung am Endpreis hat.

Von Natalia Frumkina, tagesschau.de

Die Corona-Ausbrüche in Schlachtbetrieben haben die Arbeitsbedingungen und Missstände in vielen Unternehmen der Branche an die Öffentlichkeit getragen. Damit ist auch die - bei weitem nicht neue - Diskussion über den Fleischpreis neu entbrannt. So werden die Stimmen wieder lauter, die Fleisch teurer machen wollen oder einen Mindestpreis für sinnvoll halten. Doch welche Auswirkungen hätte eine Erhöhung des Fleischpreises auf die Arbeitsbedingungen in den Betrieben oder das Tierwohl?

Für letzteres hatte der Wissenschaftliche Beirat für Agrarpolitik beim Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) bereits 2015 in umgekehrter Logik Schätzungen angestellt. Der Beirat bezifferte die jährlichen Kosten für mehr Tierwohl damals auf drei bis fünf Milliarden Euro - verbunden mit einem Anstieg der Verbraucherpreise um drei bis sechs Prozent.

Zusammensetzung schwer auseinanderzudröseln

Eine Berechnung für die Weitergabe der erhöhten Preise an die verarbeitenden Betriebe lässt sich nicht so einfach anstellen. "Die Preiszusammensetzung ist hier sehr komplex", sagt Tim Koch von der Agrarmarkt Informations-Gesellschaft (AMI). Auf dem Weg zum Schnitzel durchlaufe ein Ferkel zahlreiche Stationen: "Da gibt es den Erzeuger, das Transportunternehmen, den Schlacht- und den Zerlegebetrieb. Schließlich den Groß- und den Einzelhandel. Und das sind nur die großen Parteien", erklärt der Marktexperte für die Fleisch- und Geflügelwirtschaft.

Auch wenn die AMI die einzelnen Märkte genau beobachte, sei es sehr schwer zu sagen, welchen Anteil etwa die Schlachtung am Endpreis habe. Dazu fehlten trotz allem Angaben. Hinzu komme, dass die jeweiligen Betriebe sehr unterschiedlich aufgestellt sind. "Auch wenn wir die einzelnen Preise hätten, kann man das nicht eins zu eins umrechnen."

Erzeugerpreis gut nachvollziehbar

Ähnlich sieht es auch Josef Efken, Experte für Vieh- und Fleischmärkte am Braunschweiger Thünen-Institut, welches unter anderem auch das BMEL berät. "Für die Abgabepreise in den Schlacht- und Zerlegebetrieben gibt es keine Meldung", erklärt der Wissenschaftler. Abzüglich der Mehrwertsteuer lasse sich allein der Erzeugerpreis durch die amtliche Preisfeststellung nachvollziehen. Daten des Statistischen Bundesamts, die das Institut auswertete, zeigten, dass dieser 2018 etwa ein Drittel des Endpreises ausmachte. "Von 4,38 Euro, die der Verbraucher für einen Warenkorb mit vier Schweinefleischteilen zahlen musste, gingen 1,44 Euro an die Erzeugerbetriebe", erläutert Efken. Der wissenschaftliche Beirat des BMEL sprach 2015 von einem Anteil von etwa 25 Prozent.

Erschwerend kommt zur Komplexität der Preiszusammensetzung hinzu, dass das Fleisch, das die Betriebe verarbeiten, nicht komplett beim Einzelhandel landet. "Teile eines Schweins, die in Deutschland keinen Absatz finden, werden exportiert. So kommen zum Beispiel Ohren und Schwänze nach China", erklärt Christian Böttcher, Sprecher des Bundesverbands des Deutschen Lebensmittelhandels (BVLH). Ein weiterer großer Teil wird über Großhändler an Restaurants und Betriebskantinen vertrieben. Um den Anteil, den die Schlacht- und Zerlegebetriebe an dem Endpreis haben, berechnen zu können, müsste man daher alle Märkte in Betracht ziehen. "Es reicht nicht, einfach den Verbraucherpreis an der Supermarktkasse herunterzurechnen", sagt Böttcher.

"Verbot von Werkverträgen bessere Lösung"

Efken bezweifelt, dass ein Mindestpreis für Fleisch, den der Grünen-Vorsitzende Robert Habeck ins Spiel gebracht hatte, zuverlässig die Arbeitsbedingungen in den Betrieben verbessern könnte. "Es gibt etwa beim Tierwohl nicht die Logik, dass ein Unternehmen, das weniger erwirtschaftet als seine Konkurrenz, die Tiere besser behandelt - also im Umkehrschluss mehr für das Tierwohl ausgibt als andere."

Ähnliches ist auch für die verarbeitenden Betriebe zu befürchten. "Will man für mehr Tierwohl oder bessere Arbeitsbedingungen sorgen, müsste man meiner Meinung nach auch genau da ansetzen". Den Vorschlag von Arbeitsminister Hubertus Heil, Werkverträge in den Unternehmen zu verbieten, hält der Wissenschaftler daher für die bessere Lösung. Schon heute gebe es Betriebe, die ganz ohne Werkverträge auskommen, "und man sieht, dass es dort funktioniert." Efken schätzt, dass die Auswirkungen eines solchen Verbots auf den Verbraucherpreis gering wären.

Tönnies für Verbot von Werkverträgen

Auch aus der Industrie selbst kommen mittlerweile Forderung nach einem solchen Schritt. In einem Brief hatte sich Clemens Tönnies, geschäftsführender Gesellschafter bei Deutschlands größtem Schlachtbetrieb Tönnies, an NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann gewandt und darin vorgeschlagen, die in der Branche üblichen Werkverträge für die gesamte Fleischindustrie gesetzlich abzuschaffen. Später konkretisierte Tönnies, er spreche sich für ein Verbot nur einer besonderen Form des Werkvertrags aus, nämlich der Verträge mit einer sogenannten A1-Entsendung, also ohne deutschen Arbeitsvertrag und ohne deutsche Sozialversicherung.

Das Statistische Bundesamt zählte Ende September 2019 376 Schlacht- und 1105 Verarbeitungsbetriebe mit mindestens 20 Mitarbeitern in Deutschland. Insgesamt rund 128.000 Menschen waren dort beschäftigt. Aus den Erhebungen ergibt sich ein durchschnittlicher Bruttojahreslohn von 26.700 Euro für die Arbeitnehmer, der Sozialversicherungsanteil der Arbeitgeber ist darin noch nicht enthalten.

Die meisten Arbeitnehmer sind nach Angaben des Verbands der Fleischwirtschaft (VDF) heute versicherungspflichtig beschäftigt und unterliegen Tarifverträgen. Laut Deutschem Gewerkschaftsbund (DGB) gilt für rund 80.000 Beschäftigte in der Fleischindustrie der gesetzliche Mindestlohn von 9,35 Euro.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 20. Mai 2020 um 14:00 Uhr.

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Natalia Frumkina, tagesschau.de

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