Rinder in einem offenen Stall in der französischen Region Elsass. | Bildquelle: picture alliance / imageBROKER

Tierwohl und Klimapolitik Welcher Preis für Fleisch ist gerecht?

Stand: 17.01.2020 17:21 Uhr

Die "Billigfleisch"-Kritik von Landwirtschaftsministerin Klöckner hat im Vorfeld der Grünen Woche zu einer Debatte um Fleischpreise geführt. Doch einen fairen Preis zu beziffern, ist schwierig.

Von Andrej Reisin, NDR

Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) hat zuletzt mehrfach die ihrer Ansicht nach zu geringen Fleischpreise in Deutschland kritisiert. Seitdem wird ihr unter anderem vorgeworfen, keine soziale Sensibilität gegenüber einkommensschwachen Bevölkerungsschichten zu haben - und die Schuld auf die Verbraucher abzuwälzen.

Bauernverbände und die Ministerin kritisieren dagegen, von jedem Euro, der an der Ladentheke gezahlt werde, kämen nur um die 20 Cent an: "Die Erwartungen vieler Verbraucher an höchste Tierschutzstandards sind für so einen Preis überhaupt nicht machbar. Muss man jeden Tag Billigfleisch essen? Oder weniger Fleisch und dafür zu höheren Preisen?", fragte Klöckner.

Aufgeladene Stimmung rund um die "Grüne Woche"
tagesschau 12:00 Uhr, 17.01.2020, Griet von Petersdorff, RBB

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Tierwohl wird verlangt - aber nicht bezahlt

"Es gibt in Deutschland eine breite Zustimmung zu mehr Tierwohl, das wissen wir aus zahlreichen Studien", stellt Achim Spiller von der Universität Göttingen im Gespräch mit dem ARD-faktenfinder fest. Der Agrarökonom ist Mitglied im wissenschaftlichen Beirat für Agrarpolitik, Ernährung und gesundheitlichen Verbraucherschutz beim Landwirtschaftsministerium (BMEL). Der Beirat bezifferte die jährlichen Kosten für mehr Tierwohl in der Landwirtschaft bereits in einem Gutachten von 2015 auf drei bis fünf Milliarden Euro.

Dies entspräche in etwa einer Anhebung der Produktionskosten - und bei einer vollständigen Weitergabe an die Verbraucher auch der Preise - von etwa 20 Prozent. Diese Summe könne die Landwirtschaft aber nicht aus eigener Kraft stemmen. Es würden in jedem Fall weitere Mittel in Form von Subventionen benötigt.

Künftige Fleischpreise

Ein Anhaltspunkt für die zukünftigen Fleischpreise können die heutigen Kosten für Bio-Fleisch sein: Sie liegen je nach Tier- und Fleischart zwischen etwa 60 und 600 Prozent über den Preisen für konventionell hergestelltes Fleisch. Es kommt dabei auf die Fleischsorte an: Bei Rindern beispielsweise ist der Aufschlag mit 60-70 Prozent vergleichsweise gering, weil zum Beispiel Futterkosten kaum ins Gewicht fallen, da Rinder fast ausschließlich Gras und Heu fressen. Außerdem stehen auch viele konventionell erzeugte Rinder genauso auf der Weide wie ihre Bio-Artgenossen.

Bei Geflügelfleisch hingegen sind die Preisunterschiede immens: Hähnchenbrustfilets, die beim Discounter zum Teil für fünf Euro zu haben sind, kosten in Bio-Qualität um die 30 Euro. Grund dafür ist unter anderem die zur Erfüllung der Bio-Kriterien notwendige aufwendige Haltung. Die Tiere haben wesentlich mehr Platz (vier statt 15 Hühner pro Quadratmeter) und leben mehr als doppelt so lange (70 statt 30 Tage).

Erfolgreiches EU-Label bei Eiern

Über ein Tierwohl-Label könnte ein Teil des benötigten Geldes auch von den Verbrauchern kommen. Als Vorbild gilt dabei vielen die EU-Eier-Kennzeichnung. Auf Eierschalen gibt ein Code Auskunft über die Haltungsform, 0 steht für Bio, 1 für Freiland, 2 für Bodenhaltung und 3 für Käfighaltung. Seit der Einführung im Jahr 2005 wurden damit Eier aus Käfighaltung in Deutschland fast vollständig vom Markt verdrängt, weil die Verbraucher zu Eiern aus besserer Haltung greifen. Der Marktanteil von Bio-Fleisch liegt dagegen durchgehend bei unter zwei Prozent.

Biolebensmittel- und Tierschutzverbände fordern daher die EU-weite Übertragung auf Fleisch: "Die Praxis beweist seit vielen Jahren, dass die europaweite Haltungskennzeichnung beim Ei bekannt ist, verstanden wird und wirkt", sagt beispielsweise der Vorsitzende des Bunds Ökologische Lebensmittelwirtschaft, Felix Prinz zu Löwenstein.

Globale Auswirkungen des Fleischkonsums

Der hohe Fleischkonsum steht aber nicht nur wegen der Lebensbedingungen der Nutztiere in der Kritik, sondern auch wegen der Auswirkungen auf Gesundheit und Klimawandel. Natur- und Umweltschutzorganisation wie der WWF beklagen den globalen Flächen- und Wasserverbrauch, die Emission von Treibhausgasen und die abnehmende Fruchtbarkeit des Bodens.

Laut einer Studie der Organisation werden etwa 70 Prozent der weltweit landwirtschaftlich genutzten Flächen von der Tierhaltung beansprucht, ebenso 35 Prozent des angebauten Getreides. Diese Probleme lassen sich auch mit Bio-Haltung nur zum Teil in den Griff bekommen, denn biologische Fleischproduktion verbraucht einerseits zwar weniger industriell hergestellte Futtermittel, braucht aber andererseits noch mehr Platz, da die Tiere nicht auf zu engem Raum gehalten werden sollen.

Weltklimarat empfiehlt Reduzierung

Der Sonderbericht des Weltklimarats (IPCC) zu Klimawandel und Landsystemen macht Land- und Forstwirtschaft für 23 Prozent des menschengemachten Treibhausgas-Ausstoßes verantwortlich. Weltweit könnte eine Fleischreduzierung laut IPCC zwischen 700 Millionen und acht Milliarden Tonnen CO2 jährlich einsparen. Die große Spanne basiert auf unterschiedlichen Berechnungsmodellen.

Doch selbst im unteren rechnerischen Bereich würde eine Reduzierung des globalen Fleischkonsums demnach fast zu einer jährlichen CO2-Einsparung im Umfang des gesamten Ausstoßes einer Industrienation wie Deutschland (866 Millionen Tonnen) führen. Eine solche Verringerung würde laut IPCC auch zu weniger Rodung und Monokulturen und damit zu einer Verlangsamung des Artensterbens beitragen.

Gesundheitliche Folgen

Einer viel beachteten Studie der Universität Oxford zufolge sterben allein in Deutschland 19.000 Menschen im Jahr vorzeitig an Folgeerkrankungen ihres zu hohen Fleischkonsums. Die Autoren empfehlen daher eine Besteuerung, die die Preise für unverarbeitetes Fleisch um 28 Prozent und für verarbeitete Produkte wie Wurst um 166 Prozent ansteigen lassen würde. Der Fleischkonsum in Deutschland liegt seit fast zwei Jahrzehnten bei um die 60 Kilogramm pro Kopf und Jahr. Er ist damit doppelt so hoch wie die Empfehlung der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE), die etwa 300 bis 600 Gramm Fleisch pro Woche für gesund hält.

Damit weltweit jährlich rund 220.000 weniger an den Folgen zu hohen Fleischverzehrs sterben, müssten die Preise laut den Autoren global um 25 Prozent ansteigen. Auch die Wasser- und Bodenbelastung durch Nitrate und andere Rückstände könnte zurückgehen, zudem der Einsatz von Antibiotika in der Massentierhaltung. Eine "Gesundheitssteuer" würde demzufolge ein "Signal der Politik an die Verbraucher" senden, dass hoher Fleischkonsum Gesundheit, Wirtschaft und Klima belaste.

Mehrwertsteuer-Diskussion in Deutschland

"Wir haben im wissenschaftlichen Beirat bereits 2016 vorgeschlagen, dass man die klimaschädliche Mehrwertsteuersubvention bei tierischen Produkten von 19 auf sieben Prozent aufhebt", berichtet Agrarökonom Achim Spiller. "Das allein würde nach Modellrechnungen vier Milliarden Euro jährliche Mehreinnahmen für den Staat generieren." Dieselbe Forderung erhob am Donnerstag der "Kritische Agrarbericht", der jährlich von 25 Landwirtschafts-, Umwelt-, Natur- und Tierschutzverbänden sowie den Kirchen herausgegeben wird.

Neben der sozialen Problematik, dass Konsumsteuern die unteren Einkommen überproportional belasten, ist ein weiteres Problem dabei allerdings, dass Bio-Fleisch ausgenommen sein müsste, um nicht noch teurer zu werden.

Ermäßigte Mehrwertsteuer

Für die meisten Lebensmittel in Deutschland gilt der ermäßigten Mehrwertsteuersatz von sieben Prozent. Dazu zählen Grundnahrungsmittel wie Getreide, Backwaren, alle Obst- und Gemüsesorten, aber auch viele tierische Produkte wie Eier, Milch und Milchprodukte, Fleisch, Fisch und Honig.

Alle Getränke sind jedoch von der Ermäßigung ausgenommen und werden mit 19 Prozent Mehrwertsteuer belegt. Das gilt auch für Milchmischgetränke, wenn der Anteil der Milch im fertigen Produkt unter 75 Prozent liegt. Nur Leitungswasser ist ausgenommen und wird mit dem ermäßigten Satz belegt.

Viele Bauern fürchten um ihre Existenz

Der Bauernverband und andere Agrarvertreter beklagen zunehmend, dass sie von der Politik alleingelassen werden. Für Spiller ist daher weniger das genaue Finanzierungsmodell als vielmehr eine umfassende politische Strategie entscheidend: "Wichtig ist, dass die Politik den Landwirten jetzt endlich Klarheit gibt, wo die Entwicklung in den nächsten ein bis zwei Jahrzehnten hingeht. Denn die Landwirtschaft ist einfach total verunsichert - das sehen Sie ja an den ganzen Trecker-Demos. Da gibt es bisher einfach zu wenig Antworten."

Wie viel teurer Fleisch wäre, wenn es einen "fairen" Preis hätte, lässt sich nicht genau beziffern. "Die Ökonomie tut sich schwer damit, Preise als gerecht oder allgemein normativ zu bewerten", erklärt Spiller dazu, "in der Marktwirtschaft regeln ja normalerweise Angebot und Nachfrage den Preis." Landwirtschaftsministerin Klöckner will an diesen Marktprinzipien auch nicht rütteln: "Wir regeln als Politik grundsätzlich nicht die Preise", sagte sie. Auf die Frage, was nachhaltig und mit mehr Tierwohl erzeugtes Fleisch denn wohl kosten würde, antwortete sie lediglich: "Mehr!"

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 17. Januar 2020 um 12:00 Uhr.

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Andrej Reisin, NDR Logo NDR

Andrej Reisin, NDR

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